Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 223.
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Die Huerta.
Mittwoch, den 15. November.
1905
Früher- es war lange, lange her war der Besitzer ( Nachdruck verboten.) des Grund und Bodens ein vornehmer Herr gewesen, der auf dem Totenbette seine Sünden und seine liegenden Güter den Mönchen von San Miguel de los Reyes anvertraut hatte. Die dicken, feisten Mönche waren gute Herren; sie stroßten von Gesundheit, waren Freunde der Lustigkeit und trieben das Pachtgeld nicht allzuhart ein; sie waren schon zufrieden, wenn die Großmutter des jetzigen Bächters, damals ein prächtiges Mädel, sie empfing, sobald sie im Gehöft vorsprachen und ihnen eine gute Tasse Schokolade und die Erstlinge aus ihrem Obstgarten vorsezte. Doch ach, jetzt gehörten die Felder dem Don Salvador, einem kleinen alten Mann aus Valencia , der die Qual des Vater Barret war und ihm sogar im Traum erschien.
Roman von B. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersehung von Wilhelm Thal. „ Na, was gab's denn, hatte man ihr die Kuh gestohlen?" Infolge der Aufregung und Anstrengung konnte sie keine zwei Worte hintereinander sprechen.„ Barrets Felder. eine ganze Familie... sie wollen sie bebauen, sich auf dem Gehöft niederlassen.. sie hätte sie gesehen....
Pimento, der Leimrutensteller, der Feind der Arbeit und der Schrecken der Gegend konnte angesichts einer so mert würdigen Neuigkeit seinen unerschütterlich vornehmen Ernst nicht bewahren.
Mit einem Sag erhob er seinen schweren muskulösen Körper und lief, ohne weitere Erklärungen abzuwarten, davon. Er lief geradeaus bis zu einem Rohrdickicht, das sich an den verfluchten Feldern hinzog. Hier kniete er nieder und legte fich, wie ein Beduine im Anstand, auf den Bauch, um zwischen dem Schilf zu lauschen; dann nahm er nach einigen Minuten seinen Lauf wieder auf und verschwand in dem Labyrinth von Fußpfaden, von denen jeder zu einem Häuschen oder zu einem Acker führte.
Die Huerta lächelte und raunte weiter, in Gold getaucht und vom Licht des Herbstes überflutet, lag sie da. Doch in der Ferne ließ fich Geschrei und Jammern vernehmen, die Nachricht flog mit Entsegensrufen von einem Feld zum andern; ein Schauder der Verwunderung, des Aufruhrs und der Entrüstung pflanzte sich durch die ganze Ebene fort, als lebte man um hundert Jahre früher, und als wäre eine algerische Galeere auf der Suche nach einer Ladung weißen Fleisches am Horizont aufgetaucht.
II.
Wenn der Vater Barret zur Erntezeit seine in verschiedene Anpflanzungen geteilten Felder betrachtete, konnte er sich eines Gefühls des Stolzes nicht erwehren; wenn er das hochstehende Getreide oder den krausen Kohl, die Melonen, die ihre grünlichen Seiten aufblähten oder die Beißbeeren und die halb unter dem Blattwerk verborgenen Tomaten betrachtete, so lobte er die Vortrefflichkeit seiner Aecker und die Züchtigkeit seiner Vorgänger, die es zu Wege gebracht, daß sie einen besseren Ertrag lieferten als alle anderen in der Huerta. Die stille und eintönige Geschichte seiner Vorfahren stand auf diesen Feldern geschrieben. Fünf oder sechs Generationen von Barrets hatten ihr Leben damit zugebracht, diesen Grund und Boden zu bebauen, ihn umzuwühlen, durch üppigen Dung zu verbessern und dafür zu sorgen, daß der Nährstoff nicht ausging; sie hatten diese Schollen, von denen jede einzelne mit dem Fleiß und dem Blut seiner Familie begossen worden, mit dem Karst und der Egge geherzt und geliebkost.
Er selber war ein Mann von großem Mut und reinem Sinn. Wenn er einmal Sonntags einen Augenblick in Copas Schenke zubrachte, wo die Leute aus der Nachbarschaft zusammentamen, so geschah das nur, um dem Truquespiel zuzuschauen und vergnügt über die Dummheiten und plumpen Scherze Pimentos und einiger Burschen seiner Art zu lachen, die sich als die Herren der Huerta aufspielten. Doch nie trat er an den Schenktisch, um ein Glas Branntwein zu bezahlen, hielt stets den Daumen auf dem Geldbeutel, und wenn er zufällig trant, so hatte gewiß einer der Gewinner der ganzen Gesellschaft eine Runde zum Besten gegeben.
Er hatte seine Frau sehr lieb und vergab ihr sogar die Dummheit, daß sie vier Mädchen und nicht einen einzigen Sohn in die Welt gesetzt hatte, der ihm bei seinen Arbeiten helfen konnte, trotzdem liebte er seine Töchter nicht weniger, wahre Gottesengel, die ihre Tage damit zubrachten, vor der Tür der Wohnung zu singen und zu nähen, und manchmal aufs Feld hinaustamen, um ihrem armen Vater ein bißchen zu helfen. Doch die höchste Leidenschaft des Bauern waren die Aecker, die seine Vorfahren seit so langen Jahren in Pacht gehabt, und auf denen er sich ebenfalls zu Tode raderte.
Das war der schlimmste Herr, den Barret gekannt hatte. Don Salvador erfreute sich in der ganzen Huerta eines abscheulichen Rufes; denn er besaß hier fast überall Grund und Boden. Jeden Abend wanderte dieser kleine alte Mann, selbst im Frühling in seinen alten Mantel eingehüllt, schmußig wie ein Bettler, von den Flüchen und feindseligen Bewegungen, die ihm, wenn er vorüber war, nachdrohten, begleitet, durch die Feldwege, um seine Pächter zu besuchen. Er besaß die Bähigkeit des Geizhaljes, der in ständiger Berührung mit seinem Besitz bleiben will, die Hartnäckigkeit des Wucherers, der um jeden Preis sein Geld eintreiben möchte. Raum bemerkte man ihn aus der Ferne, so heulten die Hunde, als nahe der Tod, die Kinder entflohen mit erschrockener Miene, die Männer liefen davon, um peinlichen Entschuldigungen aus dem Wege zu gehen, die Frauen traten mit niedergeschlagenen Augen und eine Lüge in Bereitschaft, vor die Türen ihrer Hütte, Don Salvador um Geduld zu bitten; mit Tränen antworteten sie auf seine Zornesausbrüche und seine Drohungen.
Pimento, der sich in seiner Eigenschaft als„ Held" für das Unglückt seiner Nachbarn interessierte und sozusagen der irrende Ritter der Huerta war, versprach ihm leise eine Bastonnade mit einem erfrischenden Bade im Kanal: doch sogar die Opfer des Geizhaljes hielten ihn davon zurück und stellten ihm vor, daß Don Salvador nicht der erste beste war: Ein Mann, der alle Vormittage im Gerichte zubrachte und große Tiere zu seinen Freunden zählte... bei solchen Leuten verlieren die Armen stets."
Unter den Pächtern des Alten war der Vater Barret der beste. Allerdings mußte er sich Mühe geben, um den Pachtzins aufzubringen, doch wenn er sich ordentlich abraderte, gelang es ihm, am Verfalltage alles bereit zu haben, so daß er nichts schuldig blieb. Darum stellte Don Salvador ihn den anderen Pächtern als Muster dar, was ihn jedoch nicht abhielt, gegen Barret noch anspruchsvoller und härter als gegen die anderen zu sein; denn nie widersprach der arme Mann, und auf Grund dieser Fügsamkeit konnte der Geizhals ungestraft seine habgierigen und herrschsüchtigen Instinkte befriedigen.
Der Vater Barret, der die ganze Arbeit allein besorgent mußte, da seine Frau ihm keinen Sohn geschenkt, quälte sich den lieben, langen Tag. Morgens bei Tagesanbruch, wenn die ganze Huerta noch schlief, abends bis zur sinkenden Nacht, wenn die anderen schon längst ausruhten, stand er, den Karst in der Hand, auf dem Felde und bearbeitete die Scholle, die ihm den Unterhalt für seine Familie und den Pachtzins liefern sollte. Zuerst hatte er es mit fremder Hülfe versucht und Snechte angenommen, doch die Knechte arbeiteten wenig, schliefen in den heißen Stunden im Stalle, kosteten viel Geld und stahlen. Daher schickte sie Barret nach wenigen Wochen fort und schließlich, nach mehreren unglücklichen Experimenten, hatte er ganz auf dieses Mittel verzichtet, das ihm schlimmer als das Üebel erschien. Da indessen seine beiden Arme nicht hinreichten, um das ganze Besitztum zu bebauen, und er aus abergläubischem Respekt vor seinen Vorfahren fest entschlossen war, nie auch nur einen Finger breit von seinen Feldern, die seine Familie seit Jahrhunderten als Pächter bearbeitet, an Fremde abzutreten, mußte er sich in das Unvermeidliche fügen und ein Drittel des Bodens brach liegen lassen. Er bildete sich ein, wenn er doppelt so viel Arbeit lieferte und die fruchtbarsten Teile zu fräftigerer Produktion anstrengte, würde es