Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 224. Donnerstag, de» 16. November 1905 (Nachdruck verboten.) 4] Die kwerta. Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Ucbcrsetzung von Wilhelm Thal. -iMer Barret. dem der Besitz eines jungen kraftigen Pferdes neuen Mut verlieh, begann die Arbeit mit vollem Eifer. Doch schon hatten ihn die Unruhen und Anstrengungen ausgepumpt: er war nur noch Haut und Knochen, und seine berühmte Mütze saß traurig auf seinem abgemagerten Kopfe. Fast der ganze Ertrag der Kulturen wurde von der Familie aufgebraucht, und die wenigen Heller, die der Berkauf des Gemüses auf dem Markte zu Valencia einbrachte, reichten niemals hin, um am Verfalltage die nötige Summe aufzu- bringen. Die Nutzlosigkeit dieser übermenschlichen Arbeit und die Ungerechtigkeit der Vorwiirfe, die ihm Don Salvador inachte, erregten zmveilen in ihm einen dumpfen Widerspruch, und verworrene Gedanken von Gereclitigkeit blitzten in seinem dicken Schädel auf:Warum gehörten diese Felder nicht ihm? Alle seine Vorfahren hatten diese Erdklumpen mit ihrem Schweiße benetzt und dabei ihr Leben gelassen. Ohne sie, ohne die Barrels, gäbe es hier nur eine starre Heide, unwirt- lich wie das Meeresgestade. Und jetzt schnürte er ihm die Gurgel zu und mordete ihn mit seinen Mahnbesuchen, dieser herzlose Geizhals; er war der Besitzer, obwohl er nicht ein- mal einen Spaten halten konnte und sich sein Lebtag nicht über die Furchen geneigt hatte. Christo! Wie die Menschen doch alles verdrehen und verkehren!" Doch diese Zornesanwandlnngen waren nur vorüber- gehend, und der Bauer versank schnell wieder in seine passive Unterwürfigkeit, in seinen hergebrachten, abergläubischen Respekt vor dem Eigentum, er bekehrte sich bald wieder zu der von den Vätern ererbten Anschauung, daß inan arbeiten und ehrlich bleiben müsse. Für ihn bestand die größte Schande darin, daß er seine Schulden nicht bezahlen konnte, wie es das größte Unglück gewesen wäre, ein Stückchen von den Aeckern zu verlieren, die seine Vorfahren bebaut hatten. Zur Weihnachtszeit konnte er Don Salvador nur einen kleinen Teil des Pachtzinses bezahlen. Zu Johanni hatte er keinen einzigen Heller beiseite legen können, seine Frau war krank gewesen, und der Arzt- und Apothekerkosten wegen hatte er sogar dasHochzeitsgold", die ehrwürdigen Ohrringe und das Perlenhalsband, vertaufen müssen, die den Schatz der Familie bildeten, und deren künftiger Besitz Streitigkeiten unter den vier Töchtern hervorrief. Der Besitzer wollte keine Vernunft annehmen. Nein, das konnte nicht so weitergehen. Uebrigens waren die Aecker für Barrets Kchäfte offenbar viel zu groß und Don Salvador, der, was man auch sagen mochte, ein gutes Herz hatte, wollte nie dulden, daß ein Pächter sich tot arbeitete. Außerdem machte man ihm vorteilhafte Vorschläge wegen eines neuen Pacht- Vertrages und infolgedessen teilte er Barret mit, daß er das Gehöft so schnell wie möglich zu räumen habe. Es täte ihm sehr leid, aber er wäre selbst arm... Ach ja! Bei derselben Gelegenheit erinnerte er ihn daran, daß er die für das Pferd geliehene Summe zurückzuzahlen habe, die mit den Zinsen und Zinseszinsen einen Betrag ausmachten von.... Der Bauer achtete nicht einmal ans die Hunderte von Duros, zu denen die ursprüngliche Schuld mit den schönen Zinsen angewachsen war, so sehr hatte ihn der Befehl, das Gehöft zu verlassen, zerschmettert. Sein von einem lang- jährigen gräßlichen Kampfe gebrochener Charakter gab Plötz- lich nach. Er, der nie geweint, heulte jetzt wie ein Kind. Sein ganzer Stolz, sein ganzer maurischer Ernst schwand: er warf sich dem alten Wucherer zu Füßen, flehte ihn um Mitleid an und erklärte ihm, er würde ihn wie einen Vater verehren und segnen. Einen traurigen Vater hatte sich der arme Barret da aus- gesucht. Don Salvador war unerbittlich. Es täte ihm sehr leid, aber er könnte nichts dazu tun, er wäre auch arm und müsse an das Brot für seine Kinder denken. Der Bauer wurde es müde., um Mtleid zu flehen, er bc- gab sich mehrmals zu dem Besitzer nach Valencia , schalt, wütete, sprach von seinen Vorfahren, von den Rechten, die er auf die Besitzung hätte, so daß ihn Don Salvador schließlich vor die Tür setzen ließ. Die Verzweiflung gab Barrel seine Energie zurück. Eo wurde wieder der stolze, entschlossene Sohn der Huerta, der das Recht für sich zu haben glaubte. Sein Herr wollte ihn nicht hören, er weigerte sich auch, ihm die geringste Hoffnung zu lassen? Gut! Von jetzt ab brauchte er keine weiteren Umstände mehr zu machen; wenn er mit ihm sprechen wollte. so konnte er zu ihn) kommen. Man würde ja sehen, ob jemand keck genug war, ihn aus seinem Hause herauszu» bringen! Und er arbeitete weiter, war aber auf seiner Hut und beobachtete jede ihm unbekannte Person genau, die in der Nähe auftauchte, als erwartete er jeden Augenblick, von einer Ränberschar angegriffen zu werden. Er wurde vor daS Gericht befohlen, erschien aber nicht. Er wußte ganz genau, was das zu bedeuten hatte, das waren Fallen, um ehrliche Leute ins Unglück zu bringen: wenn inan ihn bestehlen wollte, nun gut, so sollte man ihn auf den Feldern aufsuchen, die Stücke seines Lebens waren, und die er als solche auch verteidigen wollte. Eines Morgens teilte man ihm mit, nachmittags würden die Leute vom Gericht kommen, um gegen ihn vorzugehen, sie würden ihn aus seinem Hause treiben lind zur Deckung seiner schulden alles pfänden. was in der Hütte war: in der nächsten Nacht würde er nicht mehr darin schlafen. Diese Nachricht erschien ihm so seltsam, daß er ihr keinen Glauben schenken wollte. Das war gut für die Spitzbuben, für die, die nie bezahlt hatten. Aber er. der sich stets das Blut aus dem Leibe gearbeitet, um seinen Verpflichtungen nachzukommen, er, der auf diesem Grund und Boden geboren war... ach, warum nicht gar... Schließlich lebte man doch nicht unter Wilden, die kein Mitleid und keine Religion besaßen!... Doch als er am Nachmittag auf dem Wege schwarzgekleidete Herren, häßliche Leichenvögel, mit Papierrollen unter dem Arm auftauchen sah, da hegte er keinen Zweifel mehr. Das war der Feind. Diese Leute wollten ihn plündern. Er fühlte, wie die blinde Tapferkeit des Mauren in ihm erivachte, der alle Beleidigungen erträgt, aber vor Wut wahnsinnig wird, wenn man an sein Eigentum rührt: und schnell eilte er in seine Hütte, packte das alte Gewehr, das er stets geladen hinter der Tür stehen hatte. stellte sich unter das Spalier und riß das Gewehr an die Backe, fest entschlossen, auf den ersten dieser Diebe von Gc- richtsmenschen. der den Fuß auf seinen Acker setzen würde, zwei tüchtige Kugeln abzugeben. Seine Frau, die krank war, und seine vier Töchter stürzten wie die Wilden schreiend heraus, klammerten sich an ihn und versuchten, ihm die Waffe zu entreißen, deren Lauf sie mit beiden Händen gepackt hatten. Und dieser Kampf, in dem sie sich hin und her zerrten und von einem Ende des Spaliers zum anderen stießen, erregte einen solchen Lärm, daß die Bewohner der benachbarten Gehöfte herauskamen und herbei- liefen. Pimento bemächtigte sich des Gewehres und nahm es kluger Weise mit nach Sause. Barret folgte ihm, von einigen kräftigen Burschen gehalten: vergeblich versuchte er die Waffe wieder zu fassen, und so tobte er denn seine ohnmächtige Wut in Schimpfworten ans diesen 51crl aus, der ihn hinderte. sein Eigentum zu verteidigen. Pimento! Gib, gib mir mein Gewehr zurück!" Doch Pimento lächelte mit nachsichtiger Miene: er freute sich, daß er dem wütenden Alten gegenüber den gutmütigen. väterlichen Freund spielen konnte. So kamen sie bis zu Pimentos Haus, wo man den Unglücklichen hineinschleppte und ihm, unter Beobachtung der geringsten Bewegungen, Moral zu predigen und Ratschläge zu geben begann, damit er keine Dummheit begehen sollte.Uhr mußtet doch die Augen aufmachen. Vater Barret, es waren doch Gerichtsmenschen, und wenn der Arme die angreift, behält er nie die Oberhand. Mit Ruhe und List erreicht man immer sein Ziel." Währenddem schrieben die häßlichen schwarzen Vögel ein Stück Papier nach dem andern in Barrets Hütte voll, warfen mitleidslos die Sachen und die Möbel durcheinander, notierten alles, bis auf den Stall und den Hühnerhof, während die Mutter und die Töchter vor Verzweiflung jammerten, und die