Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 232.
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Die Huerta.
Mittwoch, den 29. November.
( Nachdrud verboten.)
Roman von B. Blasco Ibanez . Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Tha I. Das hinderte die Mädchen nicht, beim Singen zu lachen und sich auch ganz leise zwischen zwei Gebeten zu schimpfen, ja sich sogar, wenn sie die Fabrik verließen, die Haare zu zerzausen. Denn die braunen Mädchen ächzten zwar unter dem unbeugsamen Despotismus, der in den Bauernfamilien herrscht, und mußten nach ererbter Tradition vor den Männern stets die Augen zu Boden schlagen; doch waren sie einmal allein, so gebärdeten sie sich in ihrer Zügellosigkeit wie wahre Dämonen, und sie wiederholten die Roheiten, die sie unterwegs aus dem Munde der Kutscher und Bauern gehört hatten. In den ersten Wochen ihrer Lehrzeit sah Roseta nicht ohne Furcht die Nacht herannahen und mit der Nacht die Stunde, wo sie nach Hause zurückkehren mußte. Aus Furcht vor den Kameradinnen, die denselben Weg wanderten, blieb sie etwas länger in der Fabrik und ließ die anderen zuerst wie einen Wirbelwind herausschießen. Dann machte sie sich in der frischen Winterdämmerung auf den Weg, wanderte müde durch die Straßen der Stadt, machte die Einkäufe, mit denen ihre Mutter sie beauftragt, und blieb verwundert vor den Schaufenstern stehen, die schon im Lichterglanze strahlten; endlich entschloß sie sich, die Brücke zu überschreiten und die dunklen Gassen der Vorstädte zu betreten, durch die sie die Landstraße von Alboraya erreichte.
Bis dahin ging alles gut. Aber dann kam sie in die dunkle Huerta mit den geheimnisvollen Tönen, den schwarzen ängstigenden Gestalten, die sie streiften und sie mit einem düsteren Bona nit! begrüßten. Nun begann die Angst und das Zähneklappern.
Nicht etwa, daß sie sich von dem Schweigen und dem Dunkel hätte einschüchtern lassen! Inmitten der Felder erzogen, war fie daran gewöhnt: Hätte sie genau gewußt, sie würde niemand unterwegs begegnen, sie hätte sich glücklich geschäßt. Niemals dachte sie in ihrer Furcht, wie ihre Kameradinnen, an die Toten, an die Heren und Gespenster; nein, die Lebenden beunruhigten sie. Sie erinnerte sich mit immer größerer Angst an einzelne Geschichten, die sie in der Werkstatt gehört, an die Furcht, die die Mädchen vor Pimento und anderen häßlichen Persönlichkeiten hatten, die sich bei Copa versammelten, an die Unholde, die die Arbeiterinnen überall kniffen oder in die Wasserläufe stießen. Und Roseta, die seit ihrem Eintritt in die Fabrik nicht mehr so naiv war, ließ ihre Phantasie bis zu den äußersten Grenzen des Schrecklichen schweifen, sie sah sich bereits von einem jener Ungeheuer ermordet, wie die Kinder, von denen die Legenden der Huerta erzählen, daß geheimnisvolle Henker ihnen das Blut abzapfen, um daraus Wundertränke für die Reichen zu brauen.
An diesen düsteren, oft regnerischen Winterabenden legte Roseta eine gute Hälfte des Weges unter Zittern und Zagen zurück. Doch am schlimmsten ängstigte sie sich erst ganz zuletzt, wenn sie schon in der Nähe des Hauses angelangt war; das fürchterlichste Hindernis, das sie zu überschreiten hatte, war Copas Schenke. Diese Schenke erschien ihr als der Herd des Bösen. Dabei herrschte auf diesem Stück des Weges der meiste Verkehr, und er war am besten beleuchtet. Lärm und Lachen, Gitarrespiel und laute Lieder drangen aus dieser Tür, die, flammend wie die Oeffnung eines Ofens, auf den schwarzen Weg einen viereckigen roten Lichtschein warf, in welchem groteste Schatten sich bewegten. Und trotzdem blieb das Mädchen, wenn es an diese Stelle kam, schwankend, zitternd stehen, wie die Heldin der Märchen vor der Höhle des Menschenfressers; sie war stets bereit, nach den Feldern zu stürzen, an den Häusern vorbeizueilen, in den Kanal zu springen und scheu hinter die Böschung zu schleichen, furz, fie war zu allem bereit, wenn sie nur nicht an diesem Rachen vorüber mußte, der den Lärm der Trunksucht und die Roheit ausspie.
Aber endlich entschloß sie sich. Sie machte eine heftige Willensanstrengung, wie jemand, der sich von einer Höhe herunterstürzen will und ging ganz am Rande des Kanals, mit der wunderbaren Ruhe, die nur das Entsegen verleiht,
1905
blitzschnell an der Schenke vorüber. So erschien sie wie ein Nebel, wie ein weißer Schatten vor den trüben Augen von Copas Gästen, deren Blicke keine Zeit hatten, auf ihr haften zu bleiben. War sie an der Schenke vorüber, so lief sie, was sie konnte, denn sie glaubte, es wäre noch immer jemand hinter ihr her, und sie fürchtete, eine unwiderstehliche Faust würde sie heftig am Rocke ziehen. Sie beruhigte sich erst in dent Augenblicke, wo sie das Geheul ihres Hundes vernahm, des häßlichen Tieres, der sie mitten auf dem Wege mit tollen Sprüngen empfing und ihr freudig die Hände leckte. Nie ahnten ihre Eltern die Angst, die Roseta unterwegs empfand. Sobald das Mädchen das Haus betrat, glättete sich ihr Gesicht, und ihre Haltung wurde ruhig. Auf die Frage ihrer besorgten Mutter antwortete fie lachend, indem sie sich recht tapfer stellte, und behauptete, sie wäre mit anderen Arbeiterinnen zurückgekommen. Sie wollte nämlich nicht haben, daß ihr Vater abends ausgehen sollte, um sie zu bcgleiten; sie kannte den Haß der Nachbarn zu genau, und diese Schenke Copas mit ihrer zänkischen Bande flößte ihr zu großen Schreck ein.
Am nächsten Tage kehrte sie wieder nach der Fabrik zurück, um von neuem die nächtliche Angst zu erdulden; nur in dem Gedanken schöpfte fie Hoffnung, bald würde der Frühling mit seinen längeren Nachmittagen und seiner helleren Dämmerung kommen, so daß sie das Haus vor Einbruch der Dunkelheit erreichen konnte.
Eines Abends wurde Roseta ein wenig von ihrer Sorge befreit. Als sie noch in der Nähe der Stadt war, erschien ein Mann auf der Landstraße, der in demselben Schritt wie sie ein Weilchen neben ihr herzuwandern begann. Gute Nacht!" grüßte er.
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Und während die Spinnerin über die hohe Böschung wanderte, die die Landstraße begrenzt, schritt der Mann nach einer Weile unten dahin, zwischen den tiefen Furchen, die die Räder der Wagen in den Erdboden gegraben hatten. Er stolperte oft über zerbrochene Ziegel, über Trümmer von Töpfen, über Glasstücke, mit denen vorsichtige Hände die alten Löcher ausfüllen gewollt.
"
Roseta hatte keine Furcht. Von dem Augenblick an, wo er ihr Gute Nacht!" gesagt hatte, hatte sie ihn erkannt. Es war Tonet, der Enfel des Vaters Tomba, jener gute Bursche, der beim Schlächter von Alboraya Knecht war, und über den sich die Spinnerinnen belustigten, wenn sie ihm auf der Landstraße begegneten; es machte ihnen großen Spaß, wenn er rot wurde und bei dem ersten Worte, das sie an ihn richteten, den Kopf abwandte.
Ein so schüchterner Bursche! Er hatte keine anderen Verwandten als seinen Großvater. Er wurde zu allen Arbeiten verwendet; ging nach Valencia , um den Mist für die Felder seines Herrn zu sammeln, half diesem beim Viehschlachten, bearbeitete die Erde und trug das Fleisch nach den reicheren Pachthöfen. Das alles tat er, um seinen Großvater und sich selbst zu ernähren und als Kleidung die alten Sachen des Schlächters zu bekommen. Er rauchte nicht, war nur zweimal in seinem Leben zu Copa gegangen, und wenn er Sonntags ein paar Stunden freie Zeit hatte, so blieb er nicht, wie die anderen, auf dem Plaße von Alboraya siten, um dem Regel spiel zuzusehen, sondern er wanderte durch die Landschaft. Biellos irrte er durch das verwickelte Netz der Fußpfade, und stieß er auf einen Baum, auf dem Vögel saßen, so blieb er mit offenem Munde stehen, sah ihnen zu, wie sie mit den Flügeln schlugen und lauschte dem Zwitschern dieser Luftzigeuner. Die Leute fanden die geheimnisvolle Art seines Großvaters zum Teil in ihm wieder, und jedermann betrachtete ihn als einen furchtsamen, gefügigen, einfältigen Menschen.
Stets
In dieser Gesellschaft faßte Rojeta wieder Mut. fühlte sie sich bei einem Manne in größerer Sicherheit, besonders wenn dieser Mann Tonet war, zu dem sie Vertrauen hatte. Sie redete ihn an und fragte ihn, woher er käme, und der junge Mann versetzte recht unbestimmt mit seiner gewöhn lichen Schüchternheit:
Von dort drüben!"
Dann schwieg er, als hätten ihm diese Worte eine un geheuere Anstrengung gekostet.
Sie setzte stillschweigend ihren Weg fort. In der Nähe des Hauses trennten sie sich.