Nntuhaltimgsölatt des Vorwärts Nr. 234. Freitage den 1. Dezember� 1903 (Nachdruck verboten.) "i Die f)ucrta. Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal Die Frage der Ehe führte Roseta wieder in die Wirklich- keit zurück. Am Tage, wo ihr Vater alles erfahren würde. heilige Jungfrau, würde er ihr mit seinem Stocke die Knochen zerschlagen. Und sie sprach von der künftigen Tracht Prügel heiter und ruhig, wie ein starkes Mädchen, das an diese strenge und ehrwürdige väterlick)« Autorität gewöhnt ist. die sich durch Ohrfeigen und Püffe Geltung verschaffte. Ihre Beziehungen waren durchaus unschuldig. Sie wanderten im Halbduirkel der hereinbrechenden Nacht über den fast öden Weg. und selbst die Einsamkeit schien keinen unreinen Gedanken in ihrem Geiste zu erwecken. Als Tonet einmal un- willkürlich Rosetas Taille berührte, wurde er rot. als wäre er das junge Mädchen gewesen. Das war die erste Liebe der kaum erschlossenen Jugend, die sich mit dem Austausch von Blicken, mit naiven Uirterhaltungen und heiterem Lachen be- gnügt. Die Arbeiterin, die an den Abenden der Angst so innig das Erwachen des Frühlings herbeisehnte, sah jetzt mit großer Unruhe die langen und hellen Abende kommen. Es war jetzt noch Heller lichter Tag. wenn ihr Verlobter sich ihr anschloß. und stets hatten sie das Mißgeschick, irgend einer Arbeiterin aus der Fabrik oder einer Nachbarin zu begegnen, die alles erriet und ironisch lächelte. In der Werkstatt begannen Rosetas Feindinnen sie zu necken und sie ironisch zu fragen. wann denn die Hochzeit stattfinden würde; sie hatten ihr den Spitznamendie Schäferin" gegeben, weil ihr Liebster der Enkel des alten Schäfers war. Das arme Mädchen zitterte vor Unruhe: früher oder später mußte die Neuigkeit Batiste zu Ohren kommen, und was gab es dann für eine Tracht Prügel! Um diese Zeit überraschte sie Battste am Tage seiner Vcr- urteilung vor dem Wassertribunal in Begleitung Tonets. Doch die Sache hatte keine Folgen: der glückliche Zwischenfall mit der Bewässerung schützte die Schuldige. Der Vater, der ganz selig war. daß er seine Ernte gerettet hatte, begnügte sich, sie mehrmals mit strenger Stirn anzuschauen und erklärte ihr mit langsamer Stimme und erhobenem Zeigefinger in ge- bieterischem Tone, sie hätte jetzt allein nach Hause zu kommen. sonst bekäme sie es mit ihm zu tun. Und eine ganze Woche lang kam sie auch allein. Tonet, der Respekt vor Batiste hatte, begnügte sich, sich am Rande der Landstraße zu verstecken, um die Arbeiterin vorübergehen zu sehen oder ihr in weiter Entfernung zu folgen. Uberigens waren jetzt, wo die Tage länger wurden, zu viel Leute auf der Landstraße. Die Trennung der beiden Liebenden konnte nicht lange dauern, und eines Sonntags nachmittags nahm Roseta, die nichts zu tun hatte, und es müde war, vor der Tür des Hauses zu promenieren, einen grünen Krug und sagte ihrer Mutter, sie wolle amSpringbrunnen der Königin" Wasser schöpfen. Sie hatte unter denen, die in der Ferne über die Fußwege wanderten. Tonet zu erkennen geglaubt. Ihre Mutter erlaubte es ihr. Man mußte dem armen Mädchen, das keine Freundinnen hatte, doch eine Zerstreuung gönnen. Und dann muß sich die Jugend doch auch ein bißchen ausleben. Der Brunnen der Königin" war der Stolz der ganzen Huerta, die verurteilt war, das Wasser der Ziehbrunnen und die rötliche und schlammige Flüssigkeit zu trinken, die die Kanäle durchfließt. Diese Fontäne stand einem verlassenen Gehöft gegenüber; und nach der Behauptung der Klügsten des Landes war es ein Werk von großem Wert. Pimento meinte, es stamme aus der Zeit der Mauren ; ein Dokument der Epoche, wo die Apostel durch die Welt zogen, um die Schurken zu taufen, wie der Vater Tomba sagte, der das mit der Majestät eines Orakels behauptete. An den Sonntagnachmittagen sah man über den mit Pappeln besäumten Weg Gruppen von jungen Mädchen wandern, die, ihren Krug gerade und unbewegt auf dem Haupte, durch den Rhythmus des Ganges und die Eleganz der Erscheinung an die Wasserträgerinnen von Athen er- innerten. Diese Prozession verlieh der Huerta von Valencia einen biblischen Charakter; sie erinnerte an die arabische Poesie,. die von der Frau am Springbrunnen singt und in ein und demselben Rahmen die beiden glühendsten Leidenschaften des Orientalen vereint, für die Schönheit und das Wasser. Der Springbrunnen bestand aus einem viereckigen Bassin init roten Steinmauern. Man stieg sechs Stufen hinunter, die das Rinnsal geglättet hatte. Auf der Vorderseite des steinernen Rechtecks, der Treppe gegenüber, zeichnete sich ein Basrelief mit verwischten Figuren ab, die man unter der Mörtellage nicht mehr zu erkennen vermochte. Es mußte die Jungfrau Maria, von Engeln umgeben, sein: eine plumpe und naive Skulptur des Mittelalters, jedenfalls ein Weihbild aus der Zeit der Eroberung. Doch während eine Generation den Stein behaute, um die von den Jahren ausgewischten Figuren hervor- treten zu lassen, während eine andere sie mit dem Eifer barbarischer Sauberkeit weiß anstrich, hatte man die Fliesen in einen Zustand versetzt, daß man nur noch den Torso einer Frauengestalt unterschied, derKönigin", der der Spring- brunnen seinen Namen verdankte: eine Maurenkönigin, wie es alle Königinnen der ländlichen Sagen unvermeidlich sein müssen. An lärmender Fröhlichkeit und heiterem Trubel fehlte es an Sonntagnachmittagen in der Umgebung des Spring- brunnens gewiß nicht. Mehr als dreißig Mädchen versammelten sich dort, alle wollten zuerst ihre Krüge fiillen,'hatten es aber dann mit dem Fortgehen gar nicht so eilig. Sie stießen sich auf der engen Treppe, die Röcke zwischen den Beinen, um sich hinunterzu- beugen und ihre Krüge in das kleine Bassin zu tauchen, dessen Oberfläche unaufhörlich von den Strudeln des aus dem Sand- bctt aufsteigenden Wassers bewegt wurde. Hier wuchsen Schlammpflanzcn, grünen Haaren gleich, die in ihrem Ge- fänguis von flüssigem Kristall hin- und herwogten und unter dem Druck der Strömung ängstlich zu zittern schienen. So- genannteWeber" huschten unaufhörlich mit ihren feinen Füßchen über die klare Oberfläche. Die Mädchen, die ihre Krüge bereits gefüllt hatten, setzten sich an den Rand des Bassins und ließen die Beine über dem Wasser hängen, zogen sie aber jedesmal, wenn ein Bursche zum Trinken hinunterging und die Augen erhob, mit entrüstetem Geschrei zurück. Das sah einer Versammlung rebellierender Sperlinge ähnlich. Sie sprachen alle zusammen; die einen schimpften sich gegenseitig, die anderen hechelten die Abwesenden durch und klatschten über die Skandale der Huerta; und diese augenblicklich von der strengen, väterlichen Autorität befreite Jugend streifte die heuchlerische Haltung, die sie zu Hause zur Schau trug, ab und zeigte den aggressiven Geist, wie er den ungebildeten Seelen eigen ist. die sich niemals aussprechen dürfen. DieseEngel ", die am Tage der Jungfrau Maria in der Kirche von Alboraya mit so sanfter Stimme die Litaneien und Hymnen sangen, enianzipierten sich, wenn sie allein waren, gebrauchten in ihrer Unterhaltung Flüche von Fuhrknechten und sprachen von gewissen Dingen mit der Ungenicrtheit alter Weiber. Bei Rosetas Erscheinen schwieg die lärmende Gesellschaft; ihre Anwesenheit hatte eine Bestürzung hervorgerufen, etwa als wäre ein Maure mitten während der Hochmesse in die Kirche von Alboraya getreten. Was hatte sie hier zu suchen, diese Hungerleiderin? Roseta begrüßte zwei oder drei junge Mädchen, die in ihrer Fabrik arbeiteten; doch sie antworteten ihr kaum mit zu- sammengekniffenen Lippen und mit verächtlichem Tone. Die anderen, die sich von ihrer Verwunderung erholt, begannen wieder zu sprechen, als wäre nichts geschehen, sie wollten der Eindringlingin nicht einmal die Ehre des Schweigens schenken. Roseta'stieg hinunter und als sie, nachdem sie ihren Krug gefüllt, den Kopf über die Mauer streckte und einen ängstlichen Blick auf die ganze Huerta warf, rief eine boshafte Stimme: Schau' nur! Er wird nicht kommen!" Die Sprecherin war eine Nichte Pimentos, eine Brünette. die vollständig aus Nerven zu bestehen schien. Eine Person