Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 235.

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Die Huerta.

Sonnabend, den 2. Dezember.

( Nachdrud verboten.)

1905

zweifelhafter Weiße, weil die Frau Lehrerin, eine dicke Frau, die ihr Leben lang auf ihrem kleinen Stuhl zu kleben schien, ganze Tage damit zubrachte, ihrem Manne zuzuhören und ihn zu bewundern. Zur Ausstattung gehörten einige Bänke, sowie einige Starten und Plakate aus schmutzigem Papier, die an den Ecken zerrissen und mit Oblaten an den Wänden befestigt waren. Im Zimmer neben der Schulstube standen wenig zahlreiche und klapprige Möbel, die die Reise durch ganz Spanien gemacht zu haben schienen.

Roman von V. Blasco Jbanez. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. Endlich gelang es Roseta, die stärker oder flinker war, sich Toszumachen, und sie wollte schon ihre Gegnerin niederwerfen und ihr eine Züchtigung zuteil werden lassen- denn sie ver­fuchte mit ihrer freien Hand einen ihrer Schuhe loszumachen- Stock, den der Lehrer hinter der Tür aufbewahrte, und den er als sich eine brutale Szene ereignete. alle zwei Tage aus dem benachbarten Röhricht ersetzte; es war

Das Haus besaß nur einen neuen Gegenstand: den langen

Ohne sich verabredet, ohne auch nur ein Wort gewechselt ein wahres Glück, daß dieser Artikel so billig war, denn er zu haben, als wäre der Haß ihrer Familien durch die Worte nutzte sich auf den dicken Schädeln dieser wilden Jungen sehr und Flüche, die sie zu Hause gehört, in ihren Seelen plötzlich schnell ab. zum Ausbruch gelangt, stürzten alle gleichzeitig auf Batistes

Tochter zu.

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,, Diebin!

Diebin!"

Und so schnell, daß man es kaum sehen konnte, verschwand das junge Mädchen unter den wütenden Fäusten. Ihr Gesicht bedeckte sich mit Kratwunden; unter den Schlägen erliegend, fonnte sie sich nicht mal auf die Erde werfen, denn ihre Feindinnen bedrängten sie auf allen Seiten; schließlich fiel sie, hin- und hergestoßen, nieder, mit dem Kopf nach unten, auf die glatten Stufen und schlug mit der Stirn auf eine Kante der Treppe.

Blut!

Es war genau so, als hätte man einen Kieselstein gegen einen Baum geworfen, auf dem eine Vogelschar sitt. Alle ent­flohen schnell, den Krug auf dem Stopfe, und entfernten sich nach der entgegengesetzten Richtung. Eine Minute später sah man in der Nähe der Fontäne mur Roseta mit wirren Haaren und zerfetzten Röcken, die weinend ihrem Hause zuwanderte. Wie ihre Mutter aufschrie, als sie sie zurückkommen fah! Wie sie wetterte, als sie den Vorfall erfuhr. Diese Leute waren schlimmer als die Heiden! Herrgott, Herrgott, war es denn glaubhaft, daß man ein solches Verbrechen in einem christlichen Lande beging! Das Leben war ja nicht mehr auszuhalten. Es war also nicht genug, daß die Männer ihren armen Batiste angriffen und verfolgten, vor Gericht verleumdeten und ihm ungerechte Geldstrafen auferlegten! Jegt fingen auch die Mädchen an, ihre arme Roseta zu quälen, als hätte die Un­glückliche die geringste Schuld. Und warum? Weil die Familie, ohne jemand zu schaden, nach dem Befehl Gottes von ihrer Arbeit leben wollte!

Batiste wurde bei Rosetas Anblick leichenblaẞ. Er- ging einige Schritte auf dem Wege, der zu Pimentos Hütte führte, deren Dach sich hinter dem Röhricht abhob. Doch dann blieb er stehen und schalt die Aermste schließlich in sanftem Tone aus. Das würde ihr eine Lehre sein, nicht mehr in der Ebene spazieren zu gehen... Sie müßten jede Berührung mit den anderen vermeiden, einträchtig und einig zusammen zu Hause Leben und sich nie von den Aeckern entfernen, mit denen ihr Leben abschloß. Sie hier aufzusuchen, würde man sich wohl weislich hüten.

VI.

Der Lärm eines Wespennestes, das Summen eines Bienen­stockes, so hörte es sich vom Morgen bis zum Abend an, wenn man an der Mühle de la Cadena auf dem zum Meere führenden Wege vorbeikam.

Ein dichter Pappelvorhang umgab den kleinen Platz, der von den der erweiterten Landstraße gegenüber liegenden alten Dächern, zerrissenen Mauern und schwarzen Jalousien gebildet wurde. Aus diesen Trümmern bestand die Mühle, ein ver­fallener, am Kanal errichteter Bau, der von zwei dicken Pfählen gehalten wurde, durch die sich ein schäumender Wasserfall stürzte.

Dieses dumpfe, eintönige Geräusch, das von den Bäumen zu kommen schien, stammte von der Schule, die Don Joaquin in dieser Gegend unter einer Hütte hielt, die von dem Pappel­vorhang verdeckt wurde.

Nie hatte man die Wissenschaft schlechter untergebracht, ob­wohl sie gewöhnlich keine Paläste bewohnt; hier hauste sie in einer alten Baracke, ohne jedes andere Licht, als das durch die Tür und die Dachspalten hereindrang; die Wände waren von

Dasselbe ABC mußte für alle herhalten. Wozu auch mehr

Von Büchern sah man kaum zwei bis drei in der Schule.

davon anschaffen? Hier herrschte die maurische Methode: fingen und wiederholen, bis die Lehrgegenstände dank dem ewigen Büffeln in die harten Köpfe eindrangen.

Darum stieß die alte Barade auch vom Morgen bis zumt Abend durch ihre geöffnete Tür ein langweiliges Geleier aus, über das sich die Vögel in der Nachbarschaft lustig zu machen schienen. ,, Va.. ter.... fer,.. der.. Du.. bist.. im.. Him.. mel."

,, Hei.. li..ge.. Mut.. ter.. Ma..ri.. a.

Zwei.. mal.. zwei.. ist.. vier."

Und die Hänflinge, die Lerchen, die Dompfaffen, die die Snaben wie den Teutel in eigener Person fürchteten, die ent­flohen, wenn sie sie in Scharen durch die Felder strolchen sahen, ließen sich jetzt mit dem größten Vertrauen auf den benach­barten Bäumen nieder und wagten sogar, ihre kleinen, hüpfenden Füßchen bis auf die Schwelle der Schule zu setzen, indem sie mit ironischem Trillern diese Wilden hänselten, die, hier von dem drohenden Rohr in Schach gehalten, im Käfig faßen. Sie durften sie nur von der Seite ansehen und konnten ihre Bläge nicht verlassen, denn sie mußten ja den langweiligen und häßlichen Gesang bis ins Endlose weiter leiern.

Von Zeit zu Zeit schwieg der Chor, dann hörte man die majestätische Stimme des Don Joaquin, der die Schleusen feines Wissens öffnete: ,, Wie viel Werke der Barmherzigkeit gibt es?"

oder

als

,, Wie viel ist zwei mal sieben?"

Doch selten befriedigten ihn die Antworten.

" Ihr seid nichts weiter als Dummköpfe, Ihr hört mich an, spräche ich griechisch mit Euch; dabei behandele ich Euch doch mit entzückender Höflichkeit, wie in einem Stadtgym­najium, damit Ihr gute Manieren lernt und Euch wie gebildete Persönlichkeiten ausdrücken könnt. Uebrigens habt Ihr ja auch nette Vorbilder: Ihr seid ebenso blöde, wie Eure Herren Väter, die wie die Hunde bellen und stets Geld haben, um in die Schänke zu gehen, aber tausend Vorwände erfinden, um mir Sonnabend nicht die zwei Heller zu bezahlen, die sie mir schuldig sind."

Dabei wanderte er durch die Klasser in ihrer ganzen Länge und Breite mit einer Entrüstung, die sich in seinen Gesten, seiner Miene und seiner ganzen Haltung verriet.

Der Körper Don Joaquins zerfiel in zwei ganz ver­schiedene Teile. Der untere zeigte zerrissene und stets mit Schmutz besudelte Schuhe, alte, zerfetzte Hosen; fnochige Hände, in denen die Hautfalten stets voll Erde waren, seit er sein Ge­müsebeet der Schule gegenüber bearbeitete. Dieses Gemüse war auch das einzige, was er in seinen Topf zu werfen hatte. Doch vom Gürtel bis zum Kopfe bewunderte man die Auto­rität, die Würde, die dem Verweser des Lehramtes" gebühren, wie er zu sagen beliebte; eine Strawatte von schreienden Farben auf einer unsauberen Hemdbrust; ein weißer Schnurrbart. der rauh wie eine Bürste sein dides, farminrotes Gesicht in der Mitte wagerecht teilte. Dazu eine blaue Müge mit einem Schirm aus Wachstuch, eine Erinnerung an eine der zahlreichen Stellungen und Aemter, die er in seinem, an Widerwärtigkeiten so reichen Leben ausgeübt hatte.

Das alles tröstete ihn über sein Unglück, besonders die