Ilnterhallungsblatt des Vorwärts Nr. 13. Freiwg. den 19 Januar 1906 (Rachdruck verboten.) 13] Schwärmer. Roman von Knut Hamsun . Autorisierte Ucbersehung von Hermann Kih. Auf halbein Wege lies; man die Boote zusammenkommen, Vater und Sohn wollten ihre Mahlzeit ans dem Eßkorb verzehren. Rolandsen guckte in alle Windrichtungen Der Alte sagte:„Wir haben ein bißchen zu essen hier, wenn Sie vorlieb nehmen!" Und der ganze Eßkorb wurde Rolandsen vorgesetzt. Er wies ihn init der Hand zurück und antivvrtete:„Ich Hab' vor einer halben Stunde gegessen und Habe gehörig ein- gehauen. Dil hast übrigens kannr einen Begriff davon, wie gut durchgebacken dieses Weißbrot atlssiebt. Nein, danke schön, ich will es nur ansehen, nur daran riechen!" Und Rolandsen plauderte weiter rnid sah in alle Windrichtungen:„Ja. ja, wir leben eigentlich recht fett hier im Norden. Ich bin liberzeugt, daß jedermann seine Fleischkeule zu Hause hängen hat. Und später all der Speck. Aber diese Lebensweise hat etwas Tierisches an sich!" Rolandsen wand sich mißmutig und sagte: „Wie lange ich dazubleiben gedachte, fragst Du? Natürlich wäre ich bis zur Ernte geblieben und hätte mir die Stern- schnuppen angesehen. Ich bin ein großer Freund von Er- eignissen, es macht mir Spaß, zu sehen, wie ein Weltkörper in Stücke geht." „Ja, das ist nun etwas, was ich nicht verstehe." „Ein Weltkörper also. Wenn der eine Stern den anderen ganz ans seiner Bahn schleudert und ihn vom Himmel herunterwirft." Aber das Essen dauerte lange, und Rolandsen rief:„Die reinen Schweine seid Ihr ja im Essen. Wie könnt Ihr nur all das Zeug in Eure Mmiler hineinmisten!" „Nun sind tvir fertig." sagte der Alte nachgiebig. Die Boote trennten sich voneinander, und die Männer griffen wieder zu den Rudern. Rolandsen legte sich im Boote nieder, um zu schlafen. Am Nachmittag kamen sie an, und Rolandsen ging schnür- stracks wegen der Telegramme zur Station. Es waren er- freuliche Nachrichten über die Erfindung, ein hohes Patent- angebot aus Hamburg war da und ein noch höheres Angebot eines anderen Hauses durch das Bureau, lind Rolandsen war ein so seltsamer Kauz, daß er in den Wald sprang und eine lange Weile allein blieb, ehe er daran dachte, sich etwas Essen zu verschaffen Die Erregung machte einen Jungen aus ihm, ein spind mit gefalteten Händen. 14- Er ging auf Macks Kontor und ging als ein rehabilitierter Mann hin, ja, als ein Löwe. Sein Anblick würde der Familie Mack eigentümlich zu Herzen gehen, Elise würde ihm vielleicht gratulieren, und die aufrichtige Freundlichkeit sollte ihm gut tun. Er täuschte sich. Er traf Elise vor der Fabrik im Ge- spräch mit ihrem Bruder, sie nahm so wenig Notiz von ihm, daß sie seinen Gruß kaum erwiderte. Und die beiden redeten ruhig weiter. Rolandsen störte nicht und fragte nicht nach dem alten Mack. sondern ging zum Kontor hinauf und klopfte an die Tür. Sie mar verschlossen. Er ging wieder hinunter und sagte:„Ihr Herr Vater hat nach mir geschickt, wo kann ich ihn treffen?" Die beiden überstürzten sich nicht mit der Antwort, sondern beendigten ihr Gespräch: dann sagte Friedrich:«Vater ist oben bei der Schleuse." Das hätten sie mir gleich sagen können, als ich kam, dachte Rolandsen. Beide waren sie voller Gleichgültigkeit, sie hatten ihn zum Kontor gehen lassen, ohne ihn aufzuklären. „Könnten Sie nicht jemand nach ihm schicken?" fragte Rolandsen. Friedrich sagte langsam:„Wenn Vater bei der Schleuse ist, so ist er dort, weil er da zu tun hat." Rolandsen machte verblüffte Augen und sah die beiden an. „Sie v'erden wieder kommen müssen," sagte Friedrich. Und Rolandsen fügte sich drein und sagte:„Ja, ja." Dann ging er. Aber er fing an, die Lippen ein bißchen zusammenzu- kneifen und nachzudenken- Plötzlich kehrte er um und sagte ohne Einleitung:„Aber wenn ich hergekommen bin, so ist es nicht geschoben, um jemand anders als Ihren Vater zu treffen, verstanden?" „Kommen Sie später wieder," sagte Friedrich. „Und wenn ich jetzt zum zweiten Male wieder komme, so tu' ich's. uni zu sagen, daß ich nicht zum dritten Male komme." Friedrich zuckte mit den Achseln. „Da kommt Vater," sagte Elise. Der alte Mack kam gegangen. Er runzelte die Stirn, war kurz angebunden und ging Rolandsen ins Kontor voran. Er war voller Ungnade. Er sagte:„Voriges Mal Hab' ich Ihnen einen Stuhl angeboten, diesmal tu' ich das nicht." „Nein, natürlich nicht," sagte Rolandsen. Aber noch ver- stand er diese Zornmütigkeit nicht. Aber dem alten Mack machte die Härte kein Vergnügen. Dieser Mann, der sich gegen ihn vergangen hatte, war in seiner Macht, er aber würde zu viel Ueberiegenheit besitzen, um sie zu brauchen. Er sagte:„Sie wissen natürlich, was sich zuge- tragen hat?" Rolandsen antwortete:„Ich war fort, hier kann viel ge- schehen sein, was Sie kennen, ich aber nicht." „Ich will Sie damit bekannt machen," sagte Mack. Und er war wie ein kleiner Gott in diesem Augenblick und hielt eines Menschen Schicksal in seiner Hand„War es so, daß Sie meine Lebenspolice verbrannten?" fragte er. „Es ist vielmehr so," begann Rolandsen,„daß ich, wenn Sie mich ausfragen wollen..." „Hier ist sie," sagte Mack und wies das Dokument vor. „Das Geld hat sich gleichfalls gefunden. Alles lag in einem Tuche, das nicht Ihr Eigentum war." Rolandsen protestierte nicht. Mack fuhr fort:„Es gehörte Ensch ." Rolandsen mußte über all die Feierlichkeit lächeln, und er sagte im Scherz:„Sie werden sehen, sicherlich ist Enoch der Dieb." Aber seine Scherze mißfielen Mack, das waren durchaus. keine respekwollen Scherze.„Sie haben mich zum Narren gehalten," sagte er,„und mich um vierhundert Taler gebracht." Rolandsen, der dastand und seine wertvollen Telegramme in der Tasche hatte, wollte wieder nicht den richtigen Ernst bewahren.„Wollen wir es uns ein wenig überlegen," sagte er. Da sprach Mack in scharfem Ton:„Ich habe Ihnen das vorige Mal vergeben, diesmal tu' ich es nicht." „Ich kann Ihnen das Geld zurückzahlen." Mack wurde aufgebracht:„Von jetzt ab spielt das Geld hier für mich keine Rolle mehr. Sie sind ein Äetrüger, wissen Sie das?" „Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Erklärung gebe? Nein. Das ist doch allzu unvernünftig. Was wollen Sie denn von mir?" „Ich will Sie verhaften lassen," sagte Mack- Friedrich trat ein und setzte sich an seinen Platz ani Pulte. Er hatte die letzten Worte gehört und sah den Vater, ein seltenes Mal, in Aufregung. Rolandsen steckte die Hand in die Tasche zu den Tele- grammcn und sagte:„Aber lvollen Sie das Geld nicht nehmen?" „Nein," erwiderte der alte Mack.„Sie können es bei der Behörde abliefern." Rolandsen blieb stehen. Er war kein Löwe mehr: wenn man's bei Licht besah, hatte er sich vergangen und konnte fest- genommen werden. Gut! Als Mack fragend nach ihm hin- sah, als wundere er sich darüber, daß Rolandsen noch dastand, antwortete der:„Ich erwarte, verhaftet zu werden." Mack sagte verblüfft:„Hier? Nein, Sie können nach Hause gehen und sich zurecht machen." „Danke sehr- Ich habe noch ein paar' Telegramme abzu- schicken.". v-. Diese Worte besänftigten Mack: er war doch kern Menschenfresser.„Sie können natürlich über heute und morgen verfügen, um ihre Vorbereitungen zu treffen," sagte er. Rolandsen verneigte sich und ging. Draußen stand Elise noch immer, und ohne Gruß ging er an ihr vorbei. Verloren war verloren, dabei war nichts z» machen. Sie rief ihm leise nach, und betroffen und bestürzt blieb er stehen und starrte sie an.
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23 (19.1.1906) 13
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