Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 20.

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Dienstag, den 30. Januar.

( Nachdrud verboten.)

Der Kuppelhof.

Roman von Alfred Boc.

Warum hatte sie nicht die Wahrheit gesprochen? ,, Ja, Vater, ich hab was mit dem Fried. Deffentwegen is nir Unrechts zwischen uns passiert. Ich sein ihm gut, und dadran halt ich unzerbrochenlich."

Hintennach hatte sie gut schwäßen. Wie's darauf anfam, war sie wie auf den Mund geschlagen. Freilich den Wider­mut des Vaters zu brechen, dazu war sie nicht stark genug. Als Kind war man sehend blind und ahnte nicht, wie der Wind blies in der Welt. Später fiel's einem wie Schuppen von den Augen. Man brauchte sich bloß im Dorf umzusehen. Wie viel Haß und Hader waren da unter den Leuten, wie viel Herzweh in erzwungener Eheschaft. Hatten sich aber wirklich zwei gern, famen sie nicht zusammen. Was konnte der Fried dafür, daß sein Vater ein Wind­flügel war? Brachte er sich nicht mit Ehren durch die Welt? War er nicht die Bravheit selbst? Weil er sich nirgends bordrängte und nicht leicht aus sich herausging, glaubten viele, er sei von Dummbach. Sie kannte ihn besser: er war grundgescheit. Wenn er so über allerhand Sachen diskurierte, brannten seine Augen affurat wie zwei Richter. Wunderbar lich anzuschauen. Dann mußte sie immer denken: an dem ist ein Studierter verloren gegangen. So bermummelt er auch vor den Leuten war, bei ihr schloß er alle Schubladen auf, daß sie in ihn hineingucken konnte. Und sab fein säuber­lich aus wie im Glasschrank in der Stube. In ihrer Ein­falt spürte sie wohl: der Fried und die andern Burschen im Dorf waren unterschiedlich wie Kuchen von Weizen- und Gerstenmehl. Ja, fein war er, fast zu fein. Riefen sie hinter ihm her:

Schmeidergeiß, Mach die Supp heiß, Kriech untern Tisch. Such Fledermisch,

Mach,, mäl"

steckte er's ruhig ein. Er hatte eben keine Galle. Ihr wär's lieber gewesen, er hätte den Spöttern die Fauft unter die Nase gehalten. Gleichviel, sie nahm ihn, wie er war, denn sie hatte ihn gern.

Eins nur begriff sie nicht. Der Fried hatte keinen Sinn für die Feldwirtschaft. Und war doch auf dem Land groß geworden. Sie war mit ihres Vaters Eigentum verwachsen, war stolz auf sein Vieh, seine Aecker und Wiesen. Wenn sie in der Feiertagsstille über das Gelände schritt und sah, wie schön alles stand, schwoll ihr das Herz vor Freude. Der Bauer, der den Boden bebaute, ernährte die Welt. Wäre der Bauer nicht, müßten die Menschen Hungers sterben. Es war doch etwas Großartiges, ein Bauer zu sein.

In die Wirtschaft des Vaters hatte sie vollen Einblick. Was er in die Hand nahm, glückte ihm. Troß alledem schaute er oft so betrüblich aus. Redsprächig war er nicht, und sie hätte sich nimmer unterstanden zu fragen, was ihn eigentlich drücke. Wohl konnte sie sich's erklären. Er mochte an fünftige Tage denken. Wie's werden sollte, wenn er die Augen einmal schloß. Vor mehr als hundert Jahren hatte fein Urahn über die Tür des Hauses geschrieben: " Auf die Erde bau ich,

Auf den Himmel trau ich."

1906

gerufen: Mariann, Mariann! Zitternd war sie aus dem Bett gesprungen, nach ihm zu gucken. Er lag aber ruhig und schlief. Es hatte ihm wohl von ihr geträumt. Der Gedanke ließ sie nicht los: er traute ihr nicht von wegen dem Fried und machte sich Sorgen deshalb. Seine Aufgebrachtheit das wußte sie galt weniger ihrem Schatz als dessen Vater, dem Kalmuck. Mit so einem Lappländer versippt zu sein, das hätte sein Stolz nicht ertragen. Sie mußte selbst sagen, ein Bläsier war's nicht. Dem Fried zulieb hätt' fie's auf fich genommen. Und doch, wann's passiert wäre, daß der Tod an ihrem Bater seine Tür geflopft hätte, daß er mutter­allein und in Zwietracht mit ihr gestorben wäre, Jesus im Himmel! sie hätt's nicht verwunden.

Sonntag war's ihr seltsam in der Kirche ergangen. Der Pfarrer hatte über die Worte der Schrift gepredigt: Ehre deinen Vater von ganzem Herzen und vergiß nicht, wie sauer du deiner Muter geworden bist." Von der ersten Stunde der Geburt an hatten die Eltern mit den Kindern Mühe, Last und Verdruß. Daher sollten gute Kinder ihren Eltern Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit erzeigen. Unge­horsame, verstockte Kinder waren dem Herrgtt ein Greuel, machten sich zeitlicher und ewiger Strafe schuldig. Während der Predigt war's ihr, als spräche der Pfarrer nur zu ihr. Das war so eine Einbildung. Der Pfarrer stand am Herr­gott seiner Stelle. Der Herrgott hatte dem Pfarrer die Befehlnis gegeben, ihr einmal ins Gewissen zu reden.

Mit dem Gewissen war's wie mit dem Auge. Kam in das Auge ein Stäubchen, tränte es, wurde feuerrot, und man fonnte es nur mit Schmerzen öffnen. Hatte man etwas Böses getan, stach einen das Gewissen wie ein glühheißer Bohrer. Und von Angst und Schuld gedrückt, wagte man nicht, die Augen aufzuschlagen. Wie man das Auge rieb, bis das Stäubchen glücklich wieder heraus war, genau so durfte man nicht ruhen, bis man sein Gewissen gereinigt hatte. Und so wahr sie hoffte, dermaleinst die Herrlichkeit des Himmels zu schauen, gelobte sie jetzt, das Lügenwerk in sich zu tilgen und- so hart es ihr fiel- dem Vater zu gehorchen.

6.

In der Stille des Abends schritt der Fried über den Kesselacker dem Donnerswäldchen zu. Der volle Mondschein lag auf dem Talgebreite. Fernab hielten die Basaltkuppen des Gebirges stumme Wacht. Aus dem Wiesengrund stieg ein feiner, weißer Rauch empor. Der ringelte und drehte sich, schnell, immer schneller. Was war das?' s war halt der Nebel. Ja, für gewöhnliche Menschenkinder. Wer aber unter Glockengeläut oder an einem gedoppelten Sonntag geboren war, der gewahrte eine unzählige Schar wunder­holder, lichter Wesen. Sie hielten wechselweise die Hände ge­faßt und tanzten ihren Reigen. Dazu ertönte eine liebliche Musik.

Er,

Der Fried sah und hörte nichts. Ihm zitterte die Er­regung nach über den Disput, den er mit der Mutter ge­habt. Ihr Rat, sich sein herzengüldenes Mädchen durch eine Büberei zu sichern, hatte ihn in Wut gebracht. Und das mit Fug. Solange er denken konnte, war zwischen ihm und der Mariann nichts vorgefallen, dessen sie sich zu schämen brauchten. Als Kinder hatten sie einmal Dokterches" ge­spielt. Die Mariann babbelte, sie sei sterbensfrank. der Doktor, entschied, zur Strafe für ihre ewige Salz­schleckerei habe sie einen Salzstein im Leib. Der müsse ge­Heim- schwind heraus. Darauf ging er ins nahe Gehölz, sich eine Gerte zu suchen, die ihm bei der Operation als Messer dienen sollte. Wie er zurückkam, hatte die Mariann die Klei­der abgelegt und lag splitternackend im Gras. Zuerst stand er wie versteinert vor Schreck, dann lief er in großen Säßen davon. Und es dauerte ein paar Tage, ehe er die Scheu vor der Gespielin überwunden hatte und wieder zutunlich war wie vorher. Fortan spielten sie nicht mehr Dofterches", wohl aber Mann und Frau". Aus Bohnenstangen bauten sie sich eine Hütte und legten Tannenreiser darauf. Traulich hockten sie beisammen. Und die Mariann meinte, sie müßten nun auch Kinder haben. Das leuchtete ihm ein. Und sie holten einen Blecheimer und gingen zum Pfingstborn, aus dem die Kindfrau die Kinder langte. Auf dem Grund sahen sie's

Kind und Kindesfinder hatten auf dem Hof ihre statt gehabt. Nun war fein Sohn da, das Gut zu halten. Am Ende blieb nichts übrig, als alles zu verkaufen. Das schnitt ihr selbst ins Herz. Einem hätte sie den Einsiß gegönnt: dem Fried. Ach Gottchen! Der war ein armer Schlucker und obendrein fein Bauer.

Der Vater hatte schon viel verdoftert. Kürzlich war er beim Säuhirtekarl gewesen, der hatte ein dickes Buch, in dem die meisten Krankheiten standen. Das brauchte er bloß auf­zuschlagen und sagte jedem auf den Kopf, was ihm fehlte. Er hatte dem Vater ein Tränfchen gegeben. Das nahm er heimlicherweise. Sie merkte es aber doch. Der Vater war halt kein gesunder Mann. Manchmal drenste" er nachts so laut, daß sie's in ihrer Kammer hörte. Legt hatte er gar