Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 21.
7]
Mittwoch, den 31. Januar.
( Nachdrud verboten.)
Der Kuppelhof.
Roman von Alfred Bod.
Er legte den Arm um ihren Hals. „ Gud, Mariann, wir sein miteinander groß worden. Ehnder ich fortkommen, sein wir duschur beisammen gewest. Und's gedenkt mir net, daß wir uns gekappelt haben. Wir haben gute Kameradschaft gehalten. Zuerst in der Stadt sein ich wie narrig herumgelaufen, hab gemeint, ich könnt's net erleiden, daß Du net bei mir warst. In der Früh, wann alles noch in den Betten lag, sein ich als auf den Hammersberg gemacht. Da konnt ich uns' Kirchturm sehn. Selt hab ich geflennt. Ez in der Werkstatt hieß es: achtgepaßt! Dadezwischen sein meine Gedanken zu Dir ausgewischt. Und fannst mir's glauben, solang ich auswärts gewest bin, hab ich kein Mädchen angeguckt. Ich hatt' beim Meister mein Quartier. Nebig mir war dem Kochendörfer, dem Gesell, feine Stub. Der hat schrecklich geschnarcht, daß ich oft kein Schlaf kriegen fonnt. Und war mir gar net leid drum, wann ich so wach liegen mußt, dann ich hab während simeliert: wie mag's der Mariann wohl gehn? Die is gewiß groß worden und stärk. Vielleicht auch stolz! Die Zeit verging, ich mußt net wie. Auf einmal sein ich älter gewest und bedachter. Und tat begreifen, was zwischen uns stand: meine Armetei und mein Vater. Ja, sagt ich mir, von wegen der Armetei, das is net schlimm. Ein Dusperer bist Du net. Aber Dein Vater, den bläst Du net weg. Er mag sein, wie er will, er is und bleibt Dein Vater. So hab ich mit mir selbst geschwaßt. Und die Jahr in der Stadt sein ich die Sorgen net los worden. Ez kam ich heim. An der Schul sein ich Dir dererst begegent.' s hat ordentlich an meinem Herzbennel gezoppelt. No sah ich daß Du mir noch gut warst. Und hätt' juchzen mögen vor Freud! Dadrauf sein ich nach Dir gangen. Und tun's noch. Aber Dein Vater darf's net wissen. Guck, Mariann, ich hab mir das zurechtgelegt: das Heimscheln führt zu nir. ch sein für die Wahrheit. Sag Deinem Vater, wie's mit uns zwei is. Hängt he den Hartlopp heraus und spricht: nee, dernach kommst Du zu mir. Schaff ich für zwei Brot, schaff ich's auch für drei. Und will Dich hochhalten mein Leben lang!"
Während er also mit Leidenschaft sprach, schlug der Mariann das Herz zum Zerspringen. Sie sah, welchen Schatz bon Liebe und Treue der Fried ihr entgegenbrachte, und empfand nun als doppelte Schuld, ihn vor dem Vater verleugnet zu haben. Eine Stimme ward in ihr laut: laß alles im Stich und nimm den Fried. Der zeigt Dir immer ein Sonntagsgesicht und trägt Dich auf den Händen. Aber es war doch nur ein Augenblick, daß sie diefer Regung nachgab. Ihre Gewissen zweifel gewannen sogleich wieder die Oberhand.
Fried," sagte sie, ohne ihre Erregtheit verbergen zu fönnen. Du meinst, mein Vater wüßt von nir. Das is net eso.' s hat's ihm wahrscheins eins zugebischbert, dann he hat mich vorgenommen."
Der Fried riß die Augen auf.
,, Krieg die Krammenot! Ei wann dann?" ,, Samstagabend."
No und?"
Sie fenkte den Kopf.
Ich hab's geleugent."
Du hast's geleugent?"
,, Gell, das war schlecht?"
1906
Mein Vater sißt einzling auf seinem Hof," versetzte sie, ,, und is kränkerlich. He hat mich, sonst keins. Das siehst Du doch ein, fortlaufen kann ich net.'
Er lachte kurz auf.
„ Ja freilich, das sehn ich ein."
"
Mußt net so sein, Fried," sprach sie fummervoll. Du weißt net, wie weh mir is. Ich setz den Fall, ich gehn bei Dich, dernach tät ich mich doch an meinem Vater versündigen. Und an unserm Herrgott auch. Letzt erst hat's der Pfarrer gepredigt: Ungehorsame, verstockte Kinder sind dem Herrgott ein Greuel und machen sich zeitlicher und ewiger Strafe schuldig."
Wann sich zwei wirklich gern haben," sagte der Fried mit flammenden Augen, hat sich feins ereinzumischen, kein Bater, kein Pfarrer, fein Herrgott net."
Fried, das is schandlasterlich!" rief die Mariann er. Er stand auf.
schrocken.
ihr
Alleweil is mir's flar: Du hast mich net gern."
Ihr schossen die Tränen in die Augen, und sie bedeckte Geficht mit den Händen.
Er schritt ein paar Mal um den Born herum. Plößlich stürzte er vor ihr nieder und umklammerte ihre Knie.
Mariann, ich bitt Dich um alles in der Welt, sei net obstenat*). Wann Du Dich von mir abwenden tust, mein Lebtag sein ich unglücklich."
Daß ich argwillig bin," schluchzte sie ,,, das traust mir doch
net zu."
Ein Schimmer von Hoffnung glomm in ihm auf. ..So mags bleiben mit uns, wie's war."
,, Nee, Fried," sagte sie leise, aber entschlossen.„ Schlimm genunk, daß ich einmal gelogen hab. Morn will ich ohne Falsch vor mein Vater treten."
Er richtete sich empor.
„ Das soll soviel heißen: zwischen uns is es aus?" Sie schwieg.
Eine Weile stand er völlig zerknirscht. Dann stieg er langsam den Hang hinauf und war bald im Dunkel des Wäldchens verschwunden.
Ihr war's, als müßte sie ihn zurückrufen. Aber sie hielt an sich. Was half auch alles Lamentieren? Sie war dem Vater Gehorsam schuldig.
7.
Der Hannpeter stand auf der Finkelhöhe in Mittagssonnenglut. Zu seinen Füßen sah er das Dorf, den glitzernden Rödelbach und die von mächtigen Basaltblöcken umgrenzte Hommelwiese, auf der der Schäferfaspar seine Schafe weiden ließ. Ueber das farbenreiche Bild hinweg wanderten seine Blicke in das weite, wellige Gelände, durch das sich wie ein glänzender gelber Streifen in vielfachen Krümmen die Land. Straße zog.
Es war ein Tag vor dem Kriegerfest. Der Maß wurde heute in der Heimat erwartet. Der Hannpeter hatte sich erboten, ihm eine Strecke Weges entgegenzugehen, um mit ihm den Heiratsplan zu besprechen. Die Sache war ihm von Wichtigkeit, nicht bloß wegen des Sacks Mehl, der für ihn als Freiersmann abfallen würde, sondern auch aus der Erwägung heraus, daß der Maß sich seiner Verpflichtung gegen ihn erinnern werde, wenn er ihm den Hof des Doßheimerberz erheiraten half. So eine Art Faktotum bei dem jungen Bauern zu werden, das schwebte dem Hannpeter vor. Seine Lage war just nicht die beste. Er lebte aus der Hand in den Mund und suchte nebenher sein Profitchen zu machen. Mit feinen paar Lappen Land durfte er sich nicht vermessen, im
Er hatte sie fest umschlungen gehalten, nun gab er sie Dorf eine führende Rolle zu spielen, wozu ihn sein Verstand plößlich frei und sagte bestürzt: Ja, das war schlecht."
Ihr Atem ging schwer.
" Ich will Dir verzählen, wie's fommen is. Erst hat mich mein Vater angeranzt. Und da krag ich's mit der Angst. Und sein Dir ganz verstabert gewest. He hat mir obendrein angekündigt, wann's doch sein sollt, daß ich was mit Dir hätt', dernach wären wir geschiedene Leut, und mein Plaß wär vor der Tür."
Und was is nu?" fragte der Fried mit unsicherer Stinime, wie jemand, dem nichts Gutes schwant.
wohl befähigt hätte. Indessen war er inmitten zahlreicher Familienzwiste und scharf hervortretender politischer Gegenfäße mit allen Gutfreund. Ein gut Teil Scheinheiligkeit machte ihm das leicht.
Der Schäfertaspar kam die Höhe herauf. Er war froh, jemand entdeckt zu haben, mit dem er ein wenig schnurren" fonnte. Seine beiden Hunde hatte er bei der Herde zurückgelassen.
*) Eigensinnig.