Mnterhaltnngsblatt des vorwärts Nr. 23. Freitag, den 2. Februar. 1906 (Nachdruck verboten.) * Der Kuppelhof. Roman von Alfred Bock . Der Kalmuck stand strack wie ein Grenadier. ..Mir verschlägt's nix. Zacharias Allendörfer. Ich bin wie der Weidenbaum. Der mag noch so viel beschnitten werden, er schlägt doch wieder aus. Jetzt will ich einmal sehn. ob Ihr Bauern in Eurem Festtagdusel daran denkt, was der Apostel spricht:„Wohlzutun und mitzuteilen. Brüder, das vergesset nicht!" Der Karges verstand die Anspielung und schenkte ihm ein Zehnpfennigstück. Er dankte mit militärischem Gruß und trottete weiter. Im Verlauf seiner Wanderung durch das Dorf hielt er da und dort uni eine Gabe an und hatte schließlich so viel Zusammengebracht, daß er im„Pflug" sechs Glas Bier und etliche Schnäpse durch die Gurgel jagen konnte. Gegen Abend fiel ihm ein, daß sein„liebes Weib" noch gar nichts von seiner Ankunft wisse. Auch schien ihm geraten, sich umzusehen, ob sein Nachtquartier in Ordnung sei. Unter allerlei sonderbaren Gebärden und Körperver- renkungcn verabschiedete er sich von der Wirtshausgesellschaft und schwankte ziemlich benebelt hinaus. Mit den Worten:„Liebes Weib, bei Dir ist's am besten!" trat er in die Hütte seiner Ehehälfte. Die Horlig sowohl wie der Fried, der fleißig wie immer noch bei der Arbeit saß. waren auf den lustigen Gast schon vorbereitet und behandelten ihn wie Luft. Erst als er sich auf einen Stuhl fallen ließ und Essen verlangte, brachte seine Frau die Ueberbleibsel des Mittagbrots herbei, die er hastig verschlang. Darauf wandte er sich an seinen Sohn. „Fried, was schaffst Du da und machst ein Gesicht wie all nichts Guts? Schlag Deine Hände zusammen und strample mit den Füßen, denn der Teufel zahlt niit Dreck. Geld ist Treck. O du Unverstand! Lieber wollt ich die Finken Stückchen lehren, als so wie Du mit der Maschine klappern. Und alles für Geld, für Dreck! Schneider, Schneider, was sorgst du für Kleidung? Sieh, wie die Lilien des Feldes wachsen. Sic arbeiten nicht und spinnen nicht, und selbst Salomo in seinem Glanz war nicht so gekleidet wie eine von ihnen. Für wen schanzst Du, Schneiderlein? Neun- undneunzig Kerle wie Du haben an eineni Ei genug. Ha, ha, ha!" So hänselte er den Fried, ohne daß dieser darauf rea- girte. Endlich schien er zu merken, daß er überflüssig war. „'s scheint, ich bin hier in Vergeß gekommen," brummte er, erhob sich und kletterte die Leiter hinauf, die zum Boden- räum führte. Droben streckte er stch auf seinem Bettsack aus, gähnte ein paarmal und schlief ein. 8. In ihrer Kammer stand Dine, die Magd, vor einem winzigen, runden Spiegel und steckte ihre schön geflochtenen langen Zöpfe zum„Nest" auf. Dazu sang sie mit wohl- klingender Altstimme: So manchen Weg bin ich gegangen, Um deine Liebe zu erlangen, Aber ich Hab sie nicht gekriegt, Dicweil sie tief verborgen liegt. Ich weiß nicht, was dich hat verdrossen, Meine Türe, die war zugeschlossen, Und du konntest nicht herein, Das wird dein Aerger gewesen sein. Wärest du doch wiedergekommen, Hätte dich hereingenommen, Für dich ist mir ja nichts zu viel, Nur du allein, du bleibst mein Ziel! Nachdem sie ihre Haare in Ordnung gebracht hatte, trat sie seufzend vor ihr Bett, auf dem ihr Sonntagsstaat aus- gebreitet lag: die faltenreichen, aus feinem Wollstoff ver- fertigten Röcke, das buntfarbige Leibchen, der„Mutzen", die kostbare Schürze, das seidene Halstuch, vor allem das„Stülp- chen", die mit reicher Stickerei und breiten, lang herabfallen- den Bändern geschmückte Kopfbedeckung- All diese Herrlichkeiten, die sie sich mit saurem Schweiß hatte verdienen müssen, überschaute sie mit trübem Blick. Heute war der Tag des Kriegerfestes. Ihr lag herzlich wenig daran. Ja, wenn der Henner ihr Tanzbursche wäre! Wie eine Lerche würde sie trillern. Ja, wenn! Warum setzte sie ihren Kopf gerade auf den Goliath? Da waren doch Burschen genug, die gern ein derbfrisches Mädchen schwenkten. Gewiß, allein der Henner lag ihr nun mal im Sinn. Fast zu gleicher Zeit mit ihm war sie zum Dotzheimer gekommen. Zuerst hatte sie Angst gehabt vor dem baumlangen Kerl, der sie mit begehrlichen Blicken musterte, und hatte ihre Kammertür fest verriegelt. Nach und nach gewöhnte sie sich an seine unge- schlachte Art, ja, seine barbarische Körperkraft machte ge- waltigen Eindruck auf sie. Und sie überlegte: wenn sie ihm ihr Erspartes gab, konnte er sich ein Eigengütchen erwerben und durch Fleiß in die Höhe bringen. Hernach würden sie sich heiraten. Darüber mit ihm zu diskurieren, wäre ihr zu „schamerig" gewesen. Das mußte sich ganz von selbst machen. Sie zeigte ihin nun ihr freundlichstes Gesicht und ließ auch ihre Kammertür offen. Wer aber nicht kam, das war der Henner. Und sie zerbrach sich den Kopf, was denn dahinter! stecken möchte, daß er sich so„spähfräßig" gegen sie benahm- In ihrer Ratlosigkeit wandte sie sich an die alte Wannigen, die in einer halbverfallenen Hütte an der Aulerkaut wohnte und im Geruch stand, hexen zu können. Diese nahm ihr fünfzig Pfennig all und gab ihr ein Päckchen mit. Das sollte sie bei sich tragen und sollte jeden Tag rückwärts gehend ein Vaterunser sprechen. Dann werde ihr der Henner nach- laufen wie ei» Hündchen. Sie tat, wie ihr geheißen, der Er- folg blieb jedoch aus. Vielleicht deshalb, warf sie sich vor, weil sie in ihrer Neugier das Päckchen geöffnet hatte. Darin lagen ein Stückchen Brot, zwei Lorbeerblätter und ein Kalbs- knöchelchen beieinander. Mit der Zeit wurde sie ganz leid- mütig, und sie war halb und halb entschlossen, nach der Kirmes. in ihre Heimat zurückzukehren. Sie stammte aus dem Hinter- land. Dort hatten die Weibsleute die Hosen an. Sie be- stellten sogar das Feld, während die Männer ins Westfälische auf Arbeit gingen. Als junges Ding war sie fortgelaufen.- Jn der Fremde sollte ihr Weizen blühen. Jetzt sah sie's ein: daheim war daheim! Bedächtig zog sie sich an und trat dann auf den Flur. Eben kam auch der Henner, festtäglich gekleidet, aus seiner Stube und schritt an der schön geputzten Dine vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust- Insgeheim hatte sie doch noch ge- hofft, daß er sie zum Tanz führen werde. Run war's aus. Wie sie's anstellen mochte, sie war und blieb ein Pechvogel. Bekümmert schlich sie wieder in ihre Kammer und setzte sich weinend auf ihr Bett. Der Henner begab sich in den Stall, noch einmal nach dem Vieh zu sehen, ehe er auf den Festplatz ging. Jeweilig durch Balken voneinander geschieden, standen die Rinder, Kühe und Ochsen, wohlgenährt, mit glänzendem Fell, eine wahre Augenweide. Was die Viehhaltung anbetraf, konnte man von dem Dotzheimcr etwas lernen. In ihrer Geräumigkeit und mit ihren Dunstkamincn war seine Stallung geradezu mustergültig. Probiert's nur emal," pflegte er zu sagen,„und steckt ein Mensch in ein sticksig Loch. Ein paar Tag, und he wird schroh. Und fällt vom Fleisch. Akkurat so is es mit dem Vieh. De allererst braucht's Licht und Luft." � Immer wieder scyärfte er dem Henner ein:„Du sollst beileib mit dem Futter net sparen. Unser Herrgott läßt's ja wachsen. Und so ein Tier muh seine richtige Nahrung haben- Freilich, das Fressen macht's net allein. Der Striche! tut auch nötig. Gut geputzt is halb gefüttert." Seinen Grundsätzen getreu hielt der Dotzheimerberz im Stall auf Ordnung und Reinlichkeit. An der Tür und an den Wänden sah man'weder Schmutz noch Spinngeweb. Krippen und Stallgefäße waren sauber gewaschen, und die frische Stre« gab dem Ganzen einen fast festlichen Anstrich.
Ausgabe
23 (2.2.1906) 23
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