UnttthaltmrgMatt des vorwärts Nr. 27. Donnerstag, den 8 Februar 1906 (Nachdruck verbaten.) 13] Der Kuppelbof. Roman von Alfred Bock . So," sagte Bickelmeier laut,etz wird sich's geben. Und das bitt ich mir aus:'s wird nix geschwätzt. He soll seine Ruh haben. Morn guck ich emal nach. Den Doktor kannst Du sparen." Die Horlig begleitete den Alten bis vor die Tür. Vom Himmel leuchtete der abnehmende Mond mit mattem Schein hernieder. Ueber dem Winterberg stand eine schwarze Wolken- wand. Es war unerträglich schwül. Ich glaub als, die Nacht kriegen wir was," verab- schiedet? sich der Bickelmeier. Sie schaute ihm nach, bis er jenseits des Kesselackers in der Talsenkung verschwunden war. Unaufhaltsam rannen ihre Tränen. In ihrer Bestürztheit hatte sie ihm nicht ein- mal gedankt, dem barmherzigen Samariter. Er war der einzige im Dorf, der es gut mit ihr meinte. Und auch mit dem Fried. Der lag nun auf seinem Schmerzenslager. Wer konnte wissen, wie lang? Eine jähe Angst befiel sie. Wenn ihr der Bub genommen würde. Sie würd's nicht überleben. Nein, das nicht. Sie wollte für ihn beten. Ja, beten ohne Gottvertrauen. Das hatte doch keinen Wert. Wie oft hatte sie dem Herrgott ihr Leid geklagt. Manchmal schien es, als ob ein wenig Licht auf ihren Weg fallen sollte, dann war es gleich wieder desto dunkler geworden. Der Herrgott verschloß ihr sein Ohr, indes er andere, die es gar nicht verdienten, mit Glück überschüttete. Deswegen war sie ihm gram. Und dem Heiland auch, der doch eins mit seinem Vater war. In die Kirche zog sie nichts. Zwar ging sie noch zum Abendmahl, bloß daß die Leute sie nicht für schlecht halten sollten. Ihre Meinung war fest begriindet: für die armen Leut gab's keine Gerechtigkeit, droben nicht und drunten nicht. Der Fried verlangte nach ihr. Rasch humpelte sie in die Stube. Ihn dürstete. Da erquickte sie ihn mit Milch. Der Weisung des alten Bickelmeier gemäß sprach sie kein unnötig Wort. Damit sie gleich etwas leisten könne, wenn der Kranke ihrer bedürfe, rückte sie ihren Schemel an sein Bett. Dort hielt sie Wache die ganze Nacht. Der Fried lag mit geschlossenen Augen, in der Tat schlief er nicht. Die Vorgänge auf dem Festplatz beschäftigten unablässig sein Gehirn. Seinen Vater verfluchte er und war doch für ihn eingetreten,'s war halt die Stimme des Bluts! Die ließ sich nicht verleugnen. Und nun der Streit mit dem Matz. Es war das erste Mal, daß er die Hand gegen jemand erhoben hatte. Wie der Zweikampf enden würde, war für ihn, den Schwächeren, von vornherein nicht zweifelhaft. Seltsam I Während er ohnmächtig am Boden lag, hatten seine Sinne dennoch Eindrücke empfangen. Nur daß er sich ihrer nicht klar bewußt werden konnte. Jemand hatte seinen Namen gerufen.Fried, lieber Fried!" Traurig und mit- leidvoll. Die Stimme schien ihm wohlbekannt. Er ver- suchte, sich ihren Klang wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Fried, lieber Fried!" Wär's möglich? Ja, es wurde ihm zur Gewißheit. Es konnte niemand anders gewesen sein als die Mariann. Er hatte ihre Nähe gespürt. Sie hatte ihm beistehen wollen, hatte sich vor aller Welt zu ihm bekannt. Also war sick ihm doch noch gut! Dies Glück wog hundert- fältig auf, was ihm heute Schlimmes begegnet war. So- bald er nur erst wieder krabbeln konnte, wollte er sie sprechen. Liebe kannte verborgene Wege. Hatten sie beide den festen Willen, sich ein Glück zu schmieden, würde es ihnen auch ge- lingen. Freilich, des Bauern Herz war hart wie Stein. Eh der sich zu anderer Sinnesart bekehrte, mußte schon ein Wunder geschehen. Seine Gedanken flogen hin und her, Fieberröte bedeckte seine Wangen. Endlich verfiel er in einen unruhigen Schlaf. Ihm träumte, er stünde�auf dem Kirchenplatz. Die Sonne schickte glühend heiße Strahlen herab. Am Himmel tvar kein Wölkchen zu sehen. Seit vielen Wochen hatte es nicht geregnet, und alle Brunnen waren im Dorf versiegt. Den Menschen klebte die Zunge am Gaumen, und sie schrieen, dem Wahnsinn nahe nach Wasier. Kläglich brüllte das Vieh in den Ställen. Das Elend nicht mehr zu sehen, ging er in die Kirche. Dort kniete der Pfarrer und betete. Und er betete mit. Wie er wieder ins Freie trat, kam der Dotz- heimer auf ihn zu. Kaum daß er den Bauern wieder- erkannte, so hatte der sich verändert. Sein Haar war weiß wie Schnee, tief in den Höhlen lagen die Augen, und sein Gesicht war quittengelb. Fried," sprach er mit Grabesstimme,etz zeig, was Du kannst. Schaff Wasser ins Dorf, und ich geb Dir die Mariann. Das schwör ich Dir bei Gott im Himmel!" Ihr wollt Euch über mich lustig machen," brauste er auf und kehrte dem Dotzheimer den Rücken. Dann lief er, als hätte er Siebenmeilenstiefel an. Und er fand sich auf einmal mitten in den Bergen, wo zwischen Felsen eingebettet der Wildsee liegt. Hastig beugte er sich nieder und löschte seinen brennenden Durst. Da rauschte es, wie wenn der Sturm in den Wellen wühlt, und die Wasser- frau stieg aus dem Grund. Sie hatte einen Spaten in der Hand. Den reichte sie ihm dar und sagte:Fried, jetzt gilt's. Schaffst Du das Wasser ins Dorf, ist Dein Glück gemacht. Hurtig ans Werk, ich helfe Dir!" Sprach's und verschwand. Sogleich setzte er den Spaten ein und grub einen Tag und eine Nacht. Manchmal war's ihm, als höre er hinter sich noch einen Spaten klingen, doch kümmerte er sich nicht weiter darum und rastete nicht, bis sich die klare Flut in breiter Rinne ins Dorf ergoß. Nun hatte die Not ein Ende. Alle priesen sie ihn als ihren Retter. Und die Männer hoben ihn auf die Schultern und trugen ihn in die Kirche. Am Eingang harrte seiner die Mariann, bräutlich geschmückt. So schön wie jetzt hatte der Lehrer die Orgel noch nie gespielt. Selig schritten sie zum Altar, und der Pfarrer gab sie zusammen. Fried, Fried!" Was is Dir dann?" weckte ihn die Mutter.Du schmeißt Dich ja ganz schrecklich erum." Er schaute verwundert um sich. Mir is nix," sagte er, ein Lächeln auf den Lippen, mir hat was geträumt Nach Mitternacht brach das Gewitter los, das der alte Bickelmeier prophezeit hatte. Blitz auf Blitz, Donner auf Donner, eine förmliche Kanonade. Der ganze Himmel stand in Flammen. Es regnete, als gösse man's mit Kübeln herab, und ein Orkan wütete, als ob die Welt aus den Fugen gehen wollte. In allen Häusern brannte Licht. Wenn es nachts auf dem Land gewittert, verlassen die Erwachsenen das Bett. Selbst die Kinder werden geweckt. Man kann nicht wissen, was passiert. Auch der Dodheimer saß in seiner Stube, das Andachts- buch vor sich auf dem Tisch, und las laut:O Du lebendiger, heiliger Gott! Ich höre Deine Stimme in den Wolken und fehe die zuckenden Blitze, die Zornesadern an Deiner Stirn. Wenn Du wolltest, könntest Du mich und alle Kreaturen in einem Augenblick zerschmettern. Ich aber bitte Dich, laß dieses schwere Wetter ohne Schaden vorübergehen. Bewahre Haus und Hof vor Blitzschlag und Wasserfluten, beschütze die Früchte auf dem Feld vor Schloßen und Hagel. Ach Herr, der Du stark und allmächtig, aber auch barmherzig und gnädig" Er hielt inne. Ein gewaltiger Donnerschlag ließ das Haus in seinen Grundfesten erzittern,'s war ihm doch ein bißchen gruselig. Er wandte den Kopf nach der an die Stube stoßenden Kammer. Drin war die Mariann. Wie mochte der jetzt zu- mute sein, da der Herr im Gewitter vorüberzog? Wohl dem, der ein reines Gewissen hatte! Wenn er zurückschaute auf sein vergangenes Leben: wissentlich hatte er niemand Böses zugefügt. Mit seiner Frau selig war er immer gut ausgekommen. Ein Sitzeblitz, wie er war, hatte er manchmal seinen Zorn an ihr aus- gelassen, aber nie hätte er sich unterfangen, sie mit Schlägen zu traktieren, wie dies im Dorf bei ehelichen Zwistigkeiten gang und gäbe war. Fünfundzwanzig Jahre saß er im Gemeinderat. Nie hatte er sein Amt mißbraucht. Daß er