Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 32.
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Donnerstag, den 15. Februar.
( Nachdrud verboten.)
Ein Dugend Fäuste tanzten auf Kalmuds Rüden. Ob gleich er sich mannhaft wehrte, wurde er windelweich geprügelt. Dann schafften sie ihn ins Sprißenhaus. Dort stand eine Totenbahre. Darauf banden sie ihn mit Stricken fest und ließen ihn liegen, bis ihn, durch sein Wimmern herbeigelockt, der Nachtwächter befreite.
Als später Gast fand sich zur Brait der Lehrer noch ein. Ihn besonders zu ehren, befahl der Doßheimer, daß Wein aus dem Keller heraufgeholt werde. Das föstliche Getränk behagte allen, nur der Notring blieb bei seinem Schnaps.
Der Lehrer war nicht bloß ein gescheiter Kopf, sondern auch ein vortrefflicher Gesellschafter. Wo er erschien, verbreitete er Fröhlichkeit um sich. Kaum daß er warm geworden war, schlug die Stimmung unter den Braitgästen um. Ein Jur jagte den anderen, und das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Von des Magisters guter Laune angestedt, begab sich der Bürgermeister seiner Würde und sang:
..Wääste net, wu Bombach leit? Bombach leit bei Saase, Wu die schiene Mädcher sein Met de lange Nase."
Und der Notring setzte darauf:
Ach Gottche, sprach Lottche,
Siwwe Kinnercher un kei Mann, Die Kinnercher hawwe Läusercher, Und die Fra hat kein Samm.
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Nach Mitternacht brach man auf. Die Männer hatten sämtlich einen scheppen Gang". Nur die Frauen bewahrten ihre Haltung. Jede trug als kostbare Beute vom Kampfplatz einen halben Kuchen im Schnupftuch heim.
13.
Der Kaufmann und Viehhändler Moritz Edelschild aus Bellersheim hatte seine Karriere als Hausierer begonnen. Mit einem Back Wollwaren besuchte er die Städtchen und Dörfer des Kreises und schlug im Lauf der Jahre so viel Geld dabei heraus, daß er in seinem Heimatort ein Haus erwerben und ein Manufakturwarengeschäft errichten konnte. Dem rastlos Tätigen, der feine Mühe scheute, wo's einen Groschen zu verdienen gab, stand seine Frau, eine stattliche Brünette, zur Seite. Die sechs Kinder, die sie ihm gebar, drei Knaben und drei Mädchen, wurden sorgfältig erzogen. Den Knaben erteilte der Pfarrer so lange Privatunterricht, bis sie zum Besuch einer höheren Schule vorgebildet waren. Später midmeten sie sich dem Kaufmannsstand. Von den Mädchen verheirateten sich zwei nach Sturhessen, während die Jüngste, die ein wenig hinkte, bei den Eltern blieb.
Der Moritz Edelschild lebte wie die meisten Juden auf dem Land streng religiös. Niemand hätte ihn dazu vermocht, am Schabbes" etwas zu verkaufen. Dann saß er im Feiertagsrock in der Stube oder vor dem geschlossenen Laden und gab sich seinen Betrachtungen hin.-
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Es war ein Mann von ansehnlicher Gestalt. Ungeheure Ohren flankierten das von grauem Vollbart umrahmte Gesicht, aus dem eine stark gebogene Nase hervorsprang. Lebhafte braune Augen verrieten großen Verstand.
Es begab sich, daß der Moritz Edelschild mit seiner Familie den Sederabend, den Vorabend zum Bassahfest, feierte. Angetan mit dem schneeweißen Sterbegewand las er Frau und Kindern aus der„ Hagada " vor und trank herzerfreuenden Wein aus silbernem Pokal, der, wie das Gesez vorschreibt, viermal gefüllt werden muß. Vor ihm stand das„ Charoses", der braune Teig, der den Lehm versinnbildlicht, woraus die ägyptischen Sklaven Ziegel bereiten mußten, das Moror", das bittere Kraut, das an die Leiden der Kinder Israels während der ägyptischen Gefangenschaft gemahnen soll, endlich das Ei, das Symbol der Umwälzung.
Und er las von den Tagen des Tyrannen Pharao und von den Wundern, die Gott an seinem Volf getan. Und sein freudiger Gesang erscholl: Herr, nun bau Deinen Tempel auf
1906
im nächsten Jahr zu Jerusalem , in diesem Jahr noch Knechte, im nächsten Jahr freie Männer!"
In dieser„ Nacht der Freiheit" klopfte es an die Tür, und ein junger Mann aus dem Hannoverschen trat herein. Er war auf einer Handelsreise begriffen und fragte den Hausherrn, ob er den Sederabend mitfeiern dürfe. Den Juden ist das Gastrecht heilig. Sogleich ward ihm ein Platz eingeräumt.
Und siehe da, der junge Mann aus dem Hannöverschen fand an der jüngsten Tochter des Hauses, die ein wenig hinkte, Gefallen. Man zog Erfundigungen über ihn ein und hörte, daß er von„ betuchen"*) Leuten stammte. Eref Schwuos**) erschien er als Freier und wurde mit offenen Armen empfangen. Bald nach seiner Verheiratung trat er in das Geschäft seines Schwiegervaters ein, das sich unter seiner Mitwirkung zu einem Kolonial- und Manufakturwarengeschäft" erweiterte.
Der Moritz Edelschild sah seine Sache in guten Händen und wandte sich mehr und mehr dem Viehhandel zu. Auch lieh er Gelder aus, wobei er feineswegs Wucherzinsen nahm, sondern nur von seinen Klienten verlangte, daß sie sich beim Ein- und Verkauf des Viehs seiner Vermittelung bedienten und allerlei Waren von ihm bezogen, die freilich nicht zum billigsten waren.
Einer seiner größten Schuldner und besten Kunden war. der Zacharias Allendörfer. Dieser hatte sich mit Leidenschaft der bündischen Bewegung unter den Bauern angeschlossen, die auf eine tatkräftige Vertretung der ländlichen Bevölkerung in allen geseßgebenden Körperschaften hinwirkte, den Kampf gegen die Roten " und die Handelsleute" verkündete und eine lebhafte Agitation für die Genossenschaften in die Wege leitete.
Mit den Handelsleuten verhielt es sich in Wahrheit folgendermaßen: gewiß gab es hie und da gewissenlose Ausbeuter, die dem Landmann zum Verderben gereichten. Seitdem jedoch die Darlehnskassen ins Leben getreten waren, entliehen vom Juden nur die noch Geld, die sich bereits auf einer schiefen Ebene befanden. Beim Viehhandel waren die jüdischen Händler einfach unentbehrlich, und wer da glaubte, ihrer Vermittelung entraten zu dürfen, kehrte wieder zu ihnen zurück.
Noch am selben Abend, da im Haus des Doßheimerberz die Brait gefeiert wurde, erfuhr der Moritz Edelschild in Bellersheim, daß der Zacharias Allendörfer sein Gut dem Mat verschrieben habe. Er erfaßte sofort die Situation. Zwei Wege standen ihm offen, seine Forderung zu retten, die achttausend Mark betrug. Entweder ließ er durch seinen Advokaten den Vertrag anfechten, wozu er berechtigt war, weil der Karges etwas abgetreten hatte, das ihm nur teilweise gehörte, oder er einigte sich mit dem Maß, dergestalt, daß dieser die Schuld seines Vaters übernahm. Das letztere schien ihm am ratsamsten.
Beim Grauen des Tags brach er von Bellerheim auf, und der Zufall wollte, daß er den Maß auf dem väterlichen of traf, eben damit beschäftigt, die guten Sachen, die seine Mutter für ihn zurecht gemacht hatte, in seinen Tornister zu packen.
,, No, man kann Dir gratulieren," begrüßte der Handelsmann den Soldaten.
" Ja," erwiderte der Maß, ohne sich in seinem Tun stören zu lassen.
,, Chammer!" dachte der Moriß und sagte mit Lebhaftig. feit:" Dem Doßheimer sein einzig Kind, Massel toff!***) Der Mazz schien keine Lust zu haben, sich in eine Unterhaltung einzulassen. Er deutete auf den Garten: Wann Du mein Vater sprechen willst, he is bei den Bienenstöck." Der Morig änderte plöglich die Tonart.
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,, Wer sagt, daß ich Dein Vater sprechen will? Ich hab mit Deinem Vater nir mehr zu schaffen. Dich will ich sprechen." Mich?"
*) wohlhabend. **) Pfingstabend. ***) großes Glück.