Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 82.
Sonnabend, den 28. April.
( Nachdruck verboten.)
Die Eroberung von Jerufalem.
48] Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Alfred Beuter,
( Schluß.)
Ermattet und erschöpft fingen einige an zu wanken, fielen auf die Knie, erhoben sich wieder. schöpften dann, auf die an die Mauer gelehnten Streuze geſtüßt, einen Augenblick Atem und bildeten so eine Hecke von lebenden Kruzifiren. Manchmal hefteten sich ihre Blicke auf Elias, wie erstaunt darüber, an diesem Trauertage und auf dieser Straße des Todeskampfes einen Menschen anzutreffen, der kein Kreuz trug.
In diesem traurigen Aufzuge gab es so viele gebrechliche Greise und schmerzgebeugte alte Weiblein, so viele, denen man das Weh über getäuschte Hoffnungen ansah, so viele, durch deren sanfte Güte bitteres Herzeleid schimmerte, so viele, deren Erhabenheit den inneren Hammer nur schlecht verbarg, daß Elias sein eigenes Unglück vergaß, und sein Herz über fremdes in Mitleid erbebte.
Plötzlich brach dicht vor seinen Augen eine Frau zusammen. Er fing fie in den Armen auf, setzte sie auf einen Stein am Rande der Straße, wischte ihr mit seinem Damascener Schleier den Schweiß vom Gesicht und setzte dann seinen Weg weiter fort.
Die Straße verödete wieder. Die Büßerprozession war zum Golgathahügel emporgestiegen.
1906
Das sind meine wahren Bräute; ich vermähle mich mit der Repra und dem Tode."
Im vollen Laufe floh er der Kidronbrücke zu, um auf der anderen Seite den Abhang des Delberges empor zu klimmen.
Im Gethsemane der Franziskaner sangen die Pilger das Lamento", während sich bläuliche Weihrauchwölfchen emporkräuselten. Doch Elias beschleunigte seinen Schritt und stieg noch höher hinauf zu einem anderen Gethsemane, dem der Armen, das nur von Delbäumen eingeschlossen, ohne Kapelle, ohne Weihrauchfässer war.
Er setzte sich unter einen der vielhundertjährigen Bäume, wo einst des Menschen Sohn" in seiner Todesangst gerungen haben soll. Ihm gegenüber dehnten sich am Bergeshang die Fried höfe wie weiße Zeichentücher aus, und die harte eckige Linie der Binnen über ihnen glich einem auf diese gigantischen Leichentücher gesetzten Knochen- Diadem.
Einige Pilger schleppten sich in übermäßiger Frömmig feit noch immer am Fuße der Stadt mühsam dahin, und man hörte den Lekten Propheten" schreien:
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Wehe Dir, Du Geschlecht von Hoffärtigen und Betrügern! Jerusalem ist wie Moloch; es nähret sich von Tränen und Verzweiflung."
" Ja," wiederholte Elias, es ist wie Moloch!" Und er wandte seine Blicke von der Stadt ab.
Unten schmückten sich die Hänge des Scopus und die von Siloa mit dem bunten Schmelz des judäischen Frühlings. Frauen kehrten mit der Amphore auf dem Kopfe und wehenden Aermeln von einer Quelle heim.
Eine unüberwindliche Mattigkeit überfiel ihn. Auf dem nach Bethanien führenden Wege kam eine mit Nie war ihm ein Weg so lang vorgekommen. Palmen zum Osterfeste beladene Kamelfarawane herbei; es Einen Augenblick setzte er sich auf eine wacklige Treppe. sah aus, als ob die langen biegsamen Zweige, die sich bei Den Kopf an die Wand lehnend, sah er wirr und Fraus Er- jedem Schritte langsam hoben und senkten, mit ihren sanften, innerungen aus der Jugend an seinem geistigen Auge vor- friedlichen Bewegungen den Segen erteilten. überziehen: Das kleine Haus, seine Mutter, seinen Onkel, das Waisenhaus, die alte Bibel und die Reliquien aus Jeru salem , und in seinen Ohren hörte er wieder die rätselhaften, bezaubernden Worte:
Jungfrau, Tochter Zions, glücklich der Sterbliche, der im Schatten Deiner Mauern ruht."
" Ja," wiederholte er laut, glücklich der Sterbliche, der da ruhet!"
Er erhob sich.
Aber nun schien es ihm, als ob sein Kopf unter Dornen blute und ein Büßerkreuz seine Schultern drücke.
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Seine Augen zum Ecce- Homo- Bogen" emporrichtend, sagte er:
,, Ach, Cäcilie, Cäcilie! Mit Deinen sonnenbeschienenen Fingern hast Du die Krone gewunden, die jetzt meine Stirn zerfleischt und ich selbst habe mir, als ich neben Dir in der Bassionsblumenlaube saß, mein Kreuz gezimmert."
So war er allmählich an dem Stefanstore angelangt, wo die vom Pilgerzuge angelockten, außerhalb des Lebens Stehenden" wie ein Häuflein Unglück hockten.
Von der Last des eigenen Beides niedergedrückt, vermied Elias, fie anzusehen, und schritt ungerührt zwischen ihnen hindurch. Plößlich aber fühlte er, daß sein Mantel festgehalten wurde und wandte sich um.
Es war die Aussäßige, die den Saum seines Mantels gefaßt hatte und an ihre wunden Lippen drückte.
An dieser Bewegung erkannte er sie wieder, denn seit furzer Zeit hatte die Krankheit sie so furchtbar entstellt, daß sogar ihre Augen sich in eine glasige Masse verwandelt hatten, in der man nur noch ganz undeutlich einen legten Schimmer verzweiflungsvoller Zärtlichkeit zu erkennen vermochte. Er blieb stehen und betrachtete lange mit einem unsäglich wehen, sanften Gefühl die Häßlichkeit dieses Antlikes. Sie allein hat mich wirklich geliebt."
Und er suchte etwas, das er ihr zum letzten Andenken geben könnte.
Doch seine Taschen waren leer, und schon entfernte er sich betrübt, als er plöglich seinen Trauring glänzen fah. Gilig 30g er ihn von seinem abgemagerten Finger, ging denselben Weg zurück und warf der Ausjäßigen den Ring in die kleine Bettelschale,
Heiter ging der Tag zur Rüste. Ein lauer Hauch strich durch die Wipfel der Selbäume. Vielleicht waren es die selben, die einst bei dem erhabenen Schwächeanfall Christi ge zittert hatten.
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Rings um Elias sproßten kleine Blumen mit roten und gelben Blüten Bluts- und Schweißtropfen die der Sage nach aus diesen Anzeichen Seiner Todesangst gekeimt sein sollen.
Und die Schönheit jenes Todeskampfes erfüllte ihn mit Neid, als er dachte:
„ Er wußte, daß Er in die Glorie Seines Vaters eingehen werde und daß die, welche er verließ, nicht von Seinem Fleisch und Blut waren. Doch ich, ich weiß nicht, wohin ich gehe, und ich hinterlasse ein angebetetes, schwächliches Kind, das dann ganz allein in der Welt dastehen wird."
Das Gesicht in den Schleier vergrabend, weinte er bittere
Tränen. Von neuem erzitterten bei einem Windstoße die friedenspendenden Zweige der vielhundertjährigen Bäume und streuten kleine Silberblättchen auf den weißen Mantel und das Damascener Schweißtuch.
Von der um ihn herrschenden Ruhe gestärkt, erhob Elias sich.
Ihm eilte es, ein Ende zu machen; rasch schritt er den mit Kaktus umsäumten Fußpfad hinan, der zu dem mohammedanischen Dörfchen und dem dort erbauten Minaret führte.
geschaut.
Hinter der Stadt versant die Sonne, und nun flammten ihre Umrisse im Abendrot auf, wie sie einst im Morgenlicht strahlend hervorgetreten waren,
Ihre Zinnen, Brüstungen, Türme, Dome, Kuppelit, Spitzen, Kreuze, Halbmonde und Triangeln gligerten in goldigem Schein, gingen dann in dunkles Karfunkelrot über, wurden bläulich wie Amethyste und strahlend und geschmückt wie in ihren Jugendtagen" lächelte die Stadt, wie eine königliche Braut, die ihren Gatten erwartet.
Elias sah sich, wie er vor fünfzehn Jahren gewesen war. von Dünkel erfüllt, im Glauben start, mit herrischer Gebärde