Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 86� Sonnabend� Den 5 Mai 1906 (Nachdruck verboten) 4i Einer JVIuttcr Sohn. Roman von ClaraViebig. Keine Antwort. Aber an den zuckenden Bewegungen von Kätes Schultern sah Schlieben, daß sie heftig weinte Ach, was war denn das nun wieder?! Bekümmert war sein Gesicht, als er hinter ihr drein rannte übers öde Venn. Sollte es denn nie besser werden? Da sank einem ja wahrhaftig jeglicher Lebensmut! Es war auch eine Torheit gewesen, sie hierher zu bringen— geradezu eine Verrücktheit! Hier war ja keine Heiterkeit zu finden. Eine Trostlosigkeit lauerte in dieser unbegrenzten Weite, eine schreckhafte Härte in dieser herb duftenden Luft, eine unerträgliche Schwermut in dieser großen Stille! Schlieben hörte nur das eigene erregte Atmen. Immer rascher lief er, eine heftige Angst um seine Frau erfaßte ihn plötzlich. Jetzt hatte er sie beinah erreicht— schon streckte er die Hand aus, sie am flatternde» Kleid zu haschen da drehte sie sich um, warf sich ihm an die Brust und schluchzte: „Ach, hier ist beides: Blüte und Frucht! Aber unsere Myrte ist abgeblüht und hat nicht Frucht getragen— nicht Frucht — wir armen Leute!" Also das— das tvar's wieder?! Verwünscht! Er, der sonst so Gemäßigte, stampfte heftig mit dem Fuß auf: Zorn, Scham und eine gewisses Schmerzgefühl jagten ihm das Blut zu Kopfe. Da stand er nun in einer Oedenei, hielt seine zum Erbarmen weinende Frau in den Armen und kam sich selber höchst kläglich vor. „Sei nicht böse, sei nicht böse," bat sie und drückte sich fester an ihn.„Siehst Du, hier hatte ich gehofft— ach, so bestimmt gehosft— gewartet— ich weiß selbst nicht recht auf was, aber immer gewartet— und heute— eben ist mir's klar geworden: es war doch alles, alles umsonst! Laß mich weinen!" Und sie weinte wie jemand, den, alle Hoffnung ge- storben ist. Was sollte er ihr sagen? Wie sie trösten?! Er wagte kein Wort, strich ihr nur sacht übers heiße Gesicht und fühlte, wie auch ihn ein Gefühl beschlich, das Gefühl, das er nicht immer die Kraft hatte, beiseite zu schieben. So standen sie lange stumm, bis er, sich zusammen- nehmend, in einem Ton, der gleichgiiltig-ruhig zu klingen bemüht war, sagte:„Wir müssen zurückgehen, wir sind hier ganz in die Wildnis geraten. Komm, nimm meinen Arm! Du bist übermüdet, und wenn wir---" „Still," unterbrach sie ihn und ließ hastig seinen Arm fahren.„Wieder wie vorhin! Es klagt was!" Nun hörte er's auch. Sie horchten beide: war das ein Tier? Oder die Stimme eines KiitdeS, eineD ganz kleinen Kindes?! „O Gott!" Weiter sagte Käte nichts, aber sie machte, kurz entschlossen, eine Wendung nach rechts und lief eilig, ohne acht zu haben, daß sie mehrmals stolperte im schier undurchdringlichen Beerengestrüpp, zu einer kleinen Boden- senkung hinunter. Ihr feines Ohr hatte sie recht geführt. Da lag das Kind auf der Erde. Es hatte kein Kissen, keine Decke, war recht erbärmlich eingebündelt in einen alten, zerschlissenen Frauen- rock. Sein Köpfchen, das dunkel behaart war, lag im be- reiften Kraut: mit den großen, klaren Augen guckte es starr in die Helle, die zwischen Himmel und Venn flimmerte. Da war kein Schleier, keine schützende Hülle: auch keine Mutter— nur das Venn. Sie hatten sich doch getäuscht: es weinte nicht, es grahlte nur so vor sich hin, wie stillzufriedenc Kinder zu tun pflegen. Seine kleinen Händchen, die nicht mit eingebündelt waren, hatten um sich gefaßt, einige der roten Beeren gegriffen und zerquetscht. Dann waren die Fäustchen zum hungrigen Mündchen gewandert: die Sänglingslippen waren betropft mit Beerensaft. „So allein?!" Käte war in die Knie gesunken, ihre Hände umfaßten zitternd das Bündel.„Um Gottes willen, das arme Kind! O wie reizend es ist! Sieh nur, Paul! Wie kommt es hierher? Es wird erfrieren! Verhungern! Ruf mal. Paul! Das arme Würmchen I Wenn jetzt die Mutter käme, der würde ich es aber gehörig sagen— es ist schändlich, das hülslose Wesen so liegen zu lafsen! Rufe — laut— lauter!" Er rief, er schrie:„He. holla! Ist niemand da?!" Keine Stimnie antwortete, kein Mensch kam. So still lag das Venn, als sei es eine ausgestorbene, längst ver» gesscne Welt. „Es konimt niemand," fliisterte Käte ganz leise, und es war Angst und zugleich zitterndes Frohlocken in ihrer Stimme.„Die Mutter künimert sich nicht— wer weiß, wo die hin ist?! Ob sie kommt?!" Spähend sah sie umher, reckte den Kopf nach allen Seiten, um ihn dann mit einem Seufzer der Befriedigung wieder auf das Kind herab zu neigen. Was gehörte dazu für ein unverzeihlicher Leichtsinn— nein, was für eine unsagbare Roheit, solch ein Würmchen hier preiszugeben! Wenn sie nun ein paar Stunden, nur eine Stunde später gekommen wären?! Da konnte es be- reits von einer Schlange gebissen, am Ende gar von einem Wolf zerrissen worden sein! Nun mußte Schlieben doch lachen, obgleich ihn ein leises Mißvergnügen beschlicken hatte beim Anblick ihrer Exaltation. „Nein, mein Kind, Giftschlangen gibt es hier nicht, und Wölfe auch nicht mehr, da kannst Du Dich beruhigen. Aber wenn die Nebel erst steigen, so hätten die genügt!" «O— I" Schaudernd preßte Käte den Findling an sich. Sie kauerte jetzt auf den Hacken und hielt das Kind im Schoß. Ihr Zeigefinger titzelte schäkernd unter dem kleinen Kinn: sie streichelte die rosigen Bäckcken, das flaumige Köpfchen, er- schöpfte sich in Liebkosungen und Sä meichelnamen, aber un- verwandt iah das Kind niit den großen, dunklen und doch so hellen Augen in die flimmernde Helle. Es lächelte nicht, es weinte aber auch nicht: es schenkte den Fremden gar keine Beachtung. „Glaubst Du, daß inan's mit Absicht hier ausgesetzt hat?" sragU' Käte plötzlich und machte die Augen weit auf. Eine beiße tz'lut �'e schoß ibr zu Kopf. „O dann— dann" — sie tat einen zitternden Atemzug und preßte das Kind an sich, als möchte sie es nicht wieder lassen. „Die Sache wird sich schon irgendwie aufklären," sagte Schlieben ablenkend.„Die Mutter wird schon kominen!" „Siehst Tu sie— siehst Du sie?" forschte sie fast ängstlich. „Nein!" „Nein!" Sie wiederholte es erteicmerr und lächelte dann. Ibr Auge und Ohr gehörte nun ganz dem hülfloseu Wesen. „Wo ist das liebe Kindchen— ei, wo ist es denn?! Lach doch mal! Sieh mich doch inal an mit Deinen großen Guck- äugen! O Du liebes Geschöpf, o Du süßes Kind!" Sie tändelte mit ihm und preßte Küsse auf seine Händchen, ohne zu achten, daß diese schmutzig waren. „Was machen wir nun?!" sagte der Mann betreten. „Wir können es nicht hier liegen lassen. Selbstverständ- lich nehmen wir's mit!" Die zarte Frau hatte plötzlich etwas fehr Energisches.„Glaubst Du, ich werde das Kind im Sticke lassen?!" Ihre Wangen glühten, ihre Augen glänzten. Mit einer gewissen Scheu sah Schlieben seine Frau an: wie war sie schön in diesem Augenblick! Schön, gesund, glücklich! So hatte er sie lange nicht gesehen. Nicht mehr, seit er sie als selige Braut in die Arme geschlossen hatte! Ihre Brust hob und senkte sich rasch unter bebenden Atem- ziigen, und an dieser Brust lag das Kind, und zu Füßen blühte die Myrte des Venns. Eine seltsame Bewegung überkam ihn: aber er wendete sich ab: was ging sie das fremde Kind an?! Und doch gestand er zögernd zu:„Freilich, hierlassen können wir's nicht! Weißt Du was? Wir wollen es bis zur Baraque mitnehmen. Gib her, ich will es tragen!" Aber sie wollte es selber tragen, sie ließ sich nur von ihm auf die Füße helfen.„So— so— komm, mein liebes
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23 (5.5.1906) 86
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