Anterhaltnngsblatt des Horivürts Nr. 93. Mlttlvoch. den 16. Mai. 1906 (Nachdruck verboten.) in Siner JVIutter Sohn» Roman von ClaraViebig. Und doch, wenn Schlieben zu Tisch nach Hause kam, an jenen köstlichen Nachmittagen, in denen die Kiefern um sein. Haus dufteten und die reine Luft den nach angespannter Arbeit erwachten Appetit noch verstärkte, wenn ihm dann der Junge mit Geschrei entgegentappclte, seinen kleinen Bauch klopfend: „Papa— essen— gut mecken," und Käte sich lachend am Fenster zeigte, dann konnte er sich nicht enthalten, den hungrigen Schreier hoch in die Luft zu schwingen und ihn erst nach einem freundschaftlichen Klaps wieder auf die Füße zu stellen. Er war doch ein famoser Kerl! Und immer bei Appetit. Nun, Gott sei Dank, satt zu essen würde er ja auch immer haben! Eine gewisse Behäbigkeit kam dabei über den Mann. Was er früher nie so gefühlt hatte: daß ein eignes Heim ein Glück bedeutet— das fühlte er jetzt. Und er empfand die Wohltat des gesicherten Besitzes, der es gestattet, sich das Leben mit allen möglichen Annehmlichkeiten auszugestalten. Hübsch war das Haus! Aber wenn er es demnächst kaufte, baute er doch noch an, und das Grundstück daneben kaufte er auch noch zu. Es wäre doch höchst fatal, wenn sich da etwa einer einem dicht auf die Nase setzte! Es war Schlichen seinerzeit schwer geworden, hier draußen Wohnung zu nehmen, nachdem er, so lange er denken konnte, in einer Berliner Stadtwohnung gelebt hatte. Nun aber pries er den Gedanken seiner Frau, hier herauszuziehen, als sehr glücklich. Nicht nur des Kindes wegen! Man hatte selber hier draußen ja einen ganz anderen Genuß seines Heims: man kam viel mehr zum Bewußtsein eines solchen. Und wie viel gesünder war's— wahrhaftig, der Appetit war kolossal! Man wurde noch der reine Materialist! Und von feinem knurrenden Magen getrieben, folgte Schlieben dem eßlustigen Jungen ins Haus.-- Wolfgang Solheid, genannt �Schlichen, bekam die ersten Hosen. Es war ein Fest fürs ganze Haus. Käte ließ ihn heimlich photographieren, denn hübscher hatte nie ein Junge in ersten Hosen ausgesehen. Und sie stellte ihrem Manne das Bild des noch nicht Dreijährigen � weiße Hosen, weißer Faltenkittel, Pferdchen im Arm, Peitsche in der Hand— von einem Rosenkranz umgeben, in die Mitte seines Geburtstags- tisches. Das war ja unter all den vielen Geschenken das beste, was sie ihm geben konnte. Wie kräftig Wölfchen war. Hier auf dem Bilde sah man's erst: so groß wie ein Vierjähriger! Und trotzig sah er aus, unternehmend wie ein Fünfjähriger, der schon an Streit mit anderen Buben denkt. Glückselig wies die Frau dem Manne das Bild, und ein solches Leuchten war dabei in ihren Augen, daß er sich innig freute. Er dankte ihr, sie küssend, viele Male für diese Ueberraschung: ja, dieses Bild sollte neben dem ihren auf seinem Schreibtisch stehen! Und dann schäkerten sie beide mit dem Knaben, der sich in seinen ersten Hosen, die ihm noch unbequem waren, ungebärdig über den Teppich wälzte. Schlieben konnte sich nicht entsinnen, je seinen Geburts- tag so angenehm verlebt zu haben wie dieses Mal. Es war so viel Heiterkeit um ihn, so viel Freude. Und wenn auch Wolf schon am Mittag die ersten Hosen zerriflen hatte— wie und wo war der bestürzten Wärterin ganz unbegreif- lich—, so störte das den Festtag nicht, im Gegenteil, das Lachen wurde noch heller.„Zerreiße Hosen, mein Junge, zerreiße," flüsterte die Mutter lächelnd in sich ktznein, als ihr der Schaden gezeigt wurde,„sei Du nur froh und stark!" Am Abend war Gesellschaft. Die Fenster der hübschen Villa waren hell erleuchtet, und im Garten war italienische Nacht. Lau war die Luft: unbeweglich breiteten die Kiefern ihre Aeste unterm Sternenhimmel, und großen Glühwürmern gleich schimmerten bunte Lampions in Büschxn und Laub- gängen. Im Oberstock der Villa, im einzigen nicht hell beleuchteten, nur von einer Milchglasampel matt beschienen, durch dichte Vorhänge und Jalousien still gehaltenen Gemach, lag Wölf- chen und schlief. Aber unten ließ man ihn leben. An der Festtafel war der Hausherr schon betoastet worden und dann seine liebenswürdige Gattin— mit was konnte man den Gefeierten nun noch mehr feiern, als daß man den Jungen leben ließ, seinen Jungen? Der Geheime Sanitätsrat Hofmann, der erprobte Arzt und langjährige Freund des Hauses, bat sich das Vorrecht aus, diese paar Worte sprechen zu dürfen. Er als Arzt, als Berater in mancher Stunde, er wußte ja am besten zu sagen, woran es hier noch gemangelt hatte. Alles war dagewesen: Liebe und innigstes Verstehen und auch das äußere Glück, aber— hier machte er eine kleine Pause und nickte der ihm gegenübersitzenden Frau des Hauses freundlich-verständnis- innig zu— das Kinderlachen hatte gefehlt! Und nun war auch das da! „Kinderlachen— o du Erlösung!" rief er und zwinkerte. und eine Rührung kam dabei in seine Stimme, denn er ge- dachte auch seiner eigenen drei, die freilich jetzt schon selbständig draußen im Leben ihren Weg gingen: aber ihr Lachen, das klang ihm noch immer in Herz und Ohr. „Kein Kind— kein Glück! Aber ein Kind— ein Glück, ein großes Glück! Und hier zumal! Denn meine Doktoraugen haben sich noch kaum je an einem prächtigeren Brustkasten, an einem famoser entwickelten Schädel, an strammeren Beinen und blankeren Augen geweidet. Alle Sinne sind scharf: der Junge hört wie ein Luchs, sieht wie ein Falke, wittert wie ein Hirsch, fühlt— nun, ich habe mir sagen lassen, daß er schon auf die leiseste Berührung seiner Kehr» seite lebhaft reagiert. Nur der Geschmack ist bis jetzt nicht in gleichem Grade fein entwickelt— der Junge ißt alles! Aber dies wiederum ist mir ein neuer Beweis seiner besonderen körperlichen Bevorzugung, denn, verehrte Anwesende—" hier kniff der Doktor scherzweise blinzelnd das eine Auge zu--- „wer von Ihnen spräche nicht mit mir: ein guter Magen, der alles verträgt, ist die größte Lebensmitgabe einer gütigen Vor- schung! Derjgunge ist ein Glückskind. Ein Glückskind im doppelten Sinne des Wortes, denn nicht nur ist er selber alles Glückes voll, nein, das Glück ist auch bei denen, die um ihn sind, durch ihn eingekehrt. Hier, unsere liebe Frau, haben wir sie je früher so gesehen? So jung mit den Jungen, so froh mit den Frohen! lind hier, unser verehrter Freund—'s ist wahrhaftig nicht, als hätte der heute die Mitte der Vierzig erklomnien— der steckt ja voll von Tatkraft, von Plänen und Unternehmungen wie einer mit zwanzig! Und hat dabei die schöne Ruhe, die behagliche Gesättigtkeit des glücklichen Haus- Vaters. Und das macht alles, alles der Glücksiunge! Darum, Dank sei der Stunde, die ihn bescherte, dem Winde, der ihn hcrgetragen hat! Woher—?!" Der Doktor, der eine kleine, boshafte Ader hatte, maäite jetzt geflissentlich eine kleine Pause, räusperte sich und zupfte an seiner Weste, sah er doch so manches neugierige Auge erwartungsvoll auf sich gerichtet. Aber er sah auch den rch-ben, betroffenen Blick, den das Ehepaar miteinander tauschte, sah, daß Käte erblaßt war und ängstlich, fast flehend an seinen Lippen hing, und so fuhr er geschwind mit einem gutmütig einlenkenden Lachen fort:„Woher, meine Damen — nur Geduld! Das will ich Ihnen schon sagen: vom Himmel ist er gefallen! Wie die Sternschnuppe fällt in der Sommernacht.- Und unsere liebe Frau, die just spazieren ging, hat ihre Schürze aufgehalten und hat ihn sich heimgetragen in ihr Haus. So ist er denn der Stern dieses Hauses geworden, und wir alle und ich ganz besonders— wenn ich nun auch als Arzt hier überflüssig geworden bin— freuen uns seiner, ohne zu fragen, woher er uns ward. Alle gute Gabe kommt von oben, das haben wir schon in der Jugend gelernt— darum: auf das Wohl dessen, der unseren Freunden vom Himmel ge- fallen ist!" Der Doktor war ernst geworden, es war eine gewisse Feierlichkeit darin, wie er jetzt seinen Champagnerkelch hob und ihn austrank bis zur Neige:„Prosit Rest! Auf das Wohl des Kindes, des Sohnes dieses Hauscsi Der Glücks - junge, er wachse, blühe und gedeihe!"
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23 (16.5.1906) 93
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