Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 103.

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Donnerstag, den 31. Mai.

( Nachdruck verboten.)

Einer Mutter Sohn.

Roman von Clara Viebig .

Manchmal, wenn des Knaben Blick, so über den Tisch weg, wie hilfesuchend zu dem Manne flog, nickte ihm dieser unmerklich, besänftigend zu. Ja, mit State war es wirklich je länger, desto weniger leicht auszukommen!

Schliebens verreisten. Der Gatte hatte seiner Frau wegen den Sanitätsrat konsultiert, und dieser hatte Franzens­ bad verordnet. Nun dahin konnte er sie beim besten Willen nicht begleiten! Er würde die Zeit benußen, und, da er auch lange nicht ausgespannt hatte, einige Fußwanderungen in Tirol unternehmen. Ein paar Pfund Gewichtsabnahme tonnten nicht schaden.

Aber wo sollte währenddessen Wolfgang bleiben?! Nun, zu Hause," sagte der Vater. Er ist ja alt genug; elf Jahre. Die Vormittage ist er in der Schule, die Nach­mittage im Garten, und alle paar Tage mag Hoffmann nach ihm sehen Dir zur Beruhigung!"

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Es war der Mutter ein unerträglicher Gedanke, das Kind allein zurückzulassen. Am liebsten hätte sie es mit sich ge­nommen. Aber Paul war ärgerlich geworden: Das fehlte noch!" Und der Arzt hatte gesagt:" Durchaus nicht!"

Käte hatte dann ihren Mann veranlassen wollen, den Knaben mitzunehmen: Wie gesund würde es ihm sein, sich mal so recht auszulaufen!"

,, Nun, ich denke, das besorgt er schon gründlich hier. Ich bitte Dich, Käte, der Junge ist kerngesund, gib doch nicht immer so an mit ihm! Und ich werde ihn doch auch nicht ganz unnüßerweise aus der Schule nehmen!"

Freilich, zurückkommen, womöglich zu den Lekten ge­hören, durfte er nicht! Käte war ja so ehrgeizig für ihren Sohn. So würde sie eben, da die Juliferien schon beinahe verstrichen waren und sie in dieser passenderen Zeit nicht mit ihm gereist waren, nun auch zu Hause bleiben! Sie erklärte, nicht fort zu können.

Aber Arzt und Mann bestimmten über sie weg; je nervös­ängstlicher sie sich weigerte, desto dringender erschien ihnen eine ernstliche Kur. Der Tag der Abreise wurde schon in Aussicht

genommen.

Vorher kündigte aber noch Lisbeth: nein, wenn die gnädige Frau auf so lange fortging und der Herr auch, nein, dann ging sie auch! Mit Wolfgang, mit dem Jungen allein bleiben?! Nein, das tat sie nicht!

Sie mußte sich in den nahezu zehn Jahren, die sie im Hause gewesen war, ganz gut gespart haben, denn auch die Versicherung einer Lohnzulage konnte sie nicht halten. Sie beharrte bei ihrer Kündigung und warf einen bösen Blid nach dem Knaben, der eben von draußen übers Fensterbrett sein lachendes Gesicht hereinhob.

Käte war außer sich. Nicht nur, weil sie ungern die langbewährte Dienerin entbehrte, sie hatte auch so bestimmt darauf gerechnet, Lisbeth würde während ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf den Knaben haben. Und es schmerzte sie, daß diese in einem so gehässigen Tone von Wolfgang sprach. Was hatte ihr das Kind denn getan?!

Aber Lisbeth zudte nur wortlos die Achseln und setzte eine verdrossen- beleidigte Miene auf.

Der Hausherr nahm sich den Knaben vor: Sage mal, Junge, was hast Du eigentlich mit der Lisbeth gehabt? Sie hat gekündigt, und, wie mir scheint, geht sie wegen Dir. Hör' mal" er sah ihn scharf an" Du bist wohl frech gegen das Mädchen gewesen?"

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Des Knaben Gesicht wurde ganz hell: O, das ist gut, das ist gut, daß die geht!" Er beantwortete gar nicht die an ihn gestellte Frage.

Schlieben zog ihn am Ohrläppchen:" Antworte, bist Du frech gegen sie gewesen?"

" Hm!" Wolfgang nickte und lachte den Vater an. Und dann sagte er, noch triumphierend in der Erinnerung: Gestern erst! Da hab' ich ihr eine ins Gesicht gegeben. Warum sagt sie denn immer, ich hätte hier nichts zu suchen?!" Schlieben erzählte seiner Frau nichts hiervon; sie würde

1906

sich ja nur wieder neue grüblerische Gedanken machen. Dem Jungen hatte er auch keinen Klaps gegeben, ihm nur ein wenig mit dem Finger gedroht.-

Ein anderes Mädchen war gemietet worden, freilich eins, auf das Käte von vornherein keine besondere Zuversicht setzte Liesbeth hatte gleich einen ganz anders intelligenten Eindruck gemacht aber es blieb keine Wahl, da keine Zieh­zeit war; und sie sollte doch so rasch als möglich ins Bad. So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben .

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Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Ge­sicht, rund und gesund, weiß und rot. Sie war erst acht­zehn, aber sie hatte schon lange gedient, schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie sie verstand keinen Wiz, nahm alles für wahr und sagte alles gerade heraus, wie sie's dachte, aber die Hausfrau nannte das dummdreist". Mit der alten Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als Lisbeth, denn fie ließ sich vieles gefallen.

,, Du kannst ganz beruhigt abreisen," sagte Paul. Tu mir den Gefallen, Käte, sperre Dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist Du mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier" leicht tupfte sein Finger hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!" Er füßte sie.

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Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte, zum erstenmal in ihrer Ehe auf so lange Zeif; denn früher waren sie immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekommen war, hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing fich an ihn. Es drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen: Warum gehst Du nicht mit mir wie früher? Franzensbad und Spaa das ist doch ein so großer Unter­schied nicht!" Aber wozu das sagen, wenn er nicht einmal mit dem leiſeſten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch manches abge­bröckelt unterm Flügelschlag der Zeit!

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Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang. Wenn jemand hereinkommt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!" sagte sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie dünkte, ein bißchen ver legen und machte nicht den Versuch, sie zu halten.

Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ih jezt die Hand reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Plaz nahm, konnte sie doch nicht an sich halten: Ach, wenn Du doch mitführest! Ich mag nicht allein reisen!"

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,, Hättest Du mir's doch ein bißchen eher gesagt!" Er war ganz betroffen; es tat ihm aufrichtig leid. Wie gut hätte ich Dich den einen Tag hinbringen, dort installieren, und den anderen Tag wieder zurück sein können!" D, er verstand es eben nicht, dieses: wenn Du doch mit führest!" Mit ihr auch dableiben das hatte sie gemeint. Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem Wölfchen noch schlief. Schon gestern abend hatte fie ihm Adieu sagen müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch einmal mit einem stummen Lebe­wohl an seinem Bett gestanden, und vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer auf den Kissen ruhenden Kopf gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen!

,, Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen," sagte sie ganz rasch, hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am Wagen standen. Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen!" Anderes konnte sie nicht mehr sagen, auch nichts anderes mehr denken. Grüßen Sie den-"

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