Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 122.

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Donnerstag, den 28. Juni.

( Nachdruck verboten.)

Einer Mutter Sobn.

Roman von Clara Biebig.

Wolfgang war, als er Frida bis an ihre Haustüre gebracht hatte, langsam weitergefchlendert, den Tennisschläger unterm Arm, die Hände in den Taschen der weiten Hosen. Ueber ihm spannte sich ein reichgestirnter Nachthimmel, unendlich schwül blinkten goldene Augen zu ihm nieder; alles Räderrollen war berftummf, feine Spaziergänger in großen Trupps wirbelten mehr den Staub der Straße auf. Was die hin und wieder rollenden Sprengwagen des Tages nicht vermocht hatten, das hatte jetzt der Tau der Nacht getan. Der lose Sand war ge­löscht, eine fühlende Frische stieg vom Boden auf, Bäume und Büsche dufteten nach Grün; von Gartenbeeten, im Dunkel versunken, stiegen Blumengerüche auf. Wolfgang atmete mit Wohlgefühl, leise pfiff er; eine friedvolle Freudigkeit war in ihm: nun war es doch gut, daß er sich nicht mehr in Berlin umhertrieb! Es war so nett gewesen mit Frida, wie gut hatte er sich mit ihr unterhalten und dann es machte ihm wirklich ein riesiges Vergnügen, Mutter Lämke ein wenig unter die Arme greifen zu können!

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So recht im Innersten vergnügt fam er zu Hause an. Die Herrschaften haben längst abgegessen," erlaubte sich Friedrich mit einem gewissen Vorwurf zu bemerken- der junge Herr war denn doch gar zu unpünktlich!

Na, wenn schon," sagte Wolfgang. Sagen Sie der Köchin, fie soll mir noch rasch was machen, ein Kotelett oder Beefsteak, oder was gab's denn sonst heute abend? Ich habe ' nen Mordshunger!"

Friedrich sah ihn ganz verdugt an: jetzt noch, um halb elf noch? Das war doch Herrn Schlieben oder der gnädigen Frau noch nie eingefallen, so etwas zu verlangen- warmes Abendbrot noch, um halb elf Uhr?! Er stand zögernd. " Na, wird's bald," sagte der junge Herr über die Schulter weg und ging ins Eßzimmer hinein.

Da faßen die Eltern beide lasen noch am Tisch,

aber der Tisch war leer.

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,, Guten Abend," sagte der Sohn, schon abgedeckt?!" Aus seinem Ton flang laut die Verwunderung.

Na, da bist Du ja!" Der Vater nickte ihm zu, aber sah dabei nicht auf, er schien von seiner Lektüre ganz in Anspruch genommen. Und die Mutter sprach:" Seßt Du Dich noch ein wenig zu uns?"

Den jungen Menschen fröstelte auf einmal. Draußen war's wohlig warm gewesen, hier innen kühl.

Und dann war es eine Weile ganz still, bis Friedrich mit einem Tablett hereinkam, auf dem, neben dem Gedeck, nur ein wenig faltes Fleisch, Brot, Butter und Käse zu sehen waren. Es fiel Wolfgang auf, wie laut er flapperte; für ge­wöhnlich servierte das Hausmädchen. Wo ist denn Marie?" Zu Bett!" sagte die Mutter furz.

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Schon?!" Wolfgang wunderte sich im stillen darüber. Horch, da schlug eben drüben die Bendüle in Mutters Zimmer elf?! Wirklich schon elf Uhr?! Da fonnten sie aber machen, daß er was. zu essen kriegte, der Magen schrumpfte ihm ja ordentlich zusammen vor Hunger! Er sah unverwandt nach der Tür, durch die Friedrich wieder verschwunden war: gab's nun bald was?!

Er wartete. " So doch!" Die Mutter rückte ihm das Schüsselchen mit faltem Fleisch näher.

Warum ißt Du denn nicht?" fragte der Vater plötzlich. O, ich warte ja noch!"

Es gibt nichts anderes mehr," sagte die Mutter, und ihr Gesicht, das unendlich abgespannt aussah, wie das eines Menschen, der lange und vergeblich gewartet hat, rötete sich schwach.

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Nichts anderes nichts mehr wieso denn?!" Der Sohn sah außerordentlich enttäuscht drein, sah von der Mutter auf den Tisch, aufs Büfett und dann wie suchend im Zimmer umher.

1906

kommst!" Der Bater runzelte die Stirn, und nun sah er zum erstenmal heute abend den Sohn voll an und maß ihn mit einem ernsthaften Blicke. Du kannst doch unmöglich ver langen, wenn Du so unpünktlich nach Hause kommst, noch warmes Abendbrot zu finden?"

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der junge Mensch verschluckte den Rest es wäre ihm ja ,, Aber Ihr Ihr braucht ja doch deswegen nicht" biel lieber, die Eltern fäßen nicht da und warteten auf ihn, die Dienstboten würden schon ihre Schuldigkeit tun! Meinst Du vielleicht, die Dienstboten brauchen keine Nachtruhe?" sagte der Bater, als hätte er diese Gedanken er­raten. Die Mädchen, die ben ganzen Tag in der Küche ge­steckt haben, wollen abends auch Schluß machen. Darum mußt Du schon früher kommen, wenn Du mit uns essen willst. Im übrigen wird es einem jungen Menschen wohl nichts schaden, wenn er abends mal mit einem Butterbrot vorlieb nimmt. - er hatte eigentlich sagen wollen: Ueberdies Du, der Du"

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Du, der Du so gut zum Mittag iffeft", aber nun reizte ihn die Miene des jungen Menschen, in der so viel maßloses Staunen lag, und er sprach laut, ganz gegen seine Gewohn heit heftig, heftiger, als er's je im Sinn gehabt hatte: Du kommst Du dazu, gerade Du?!" Eine Bewegung Kätes, ein -bist Du etwa berechtigt, solche Ansprüche zu machen? Wie Rauschen ihres Kleides erinnerten ihn an ihre Gegenwart, und er fuhr gemäßigter fort, aber mit einem gewissen ärger­lichen Hohn: Leistest Du etwa so viel? Zwei Stunden vor­mittags im Kontorfnapp, nachmittags eine Stunde- ia, das ist eine erstaunliche, eine foloffale Tätigkeit, die große Ansprüche an Deine Kräfte ftellt! Eine ganz besondere Ver pflegung erheischt, in der Tat! Nun, was denn, was?!"

Wolfgang hatte etwas sagen wollen, aber der Vater ließ ihn nicht zu Worte kommen: Seße erst eine bescheidene Miene auf, und dann rede! Junge, ich sage Dir, wenn Du Brau müller noch einmal um Geld angehst!"

Da, da war es heraus! All das diplomatische Fragen und Aushorchenwollen war im Aerger vergessen. Schlieben fühlte fich förmlich erleichtert, nun er sagen konnte: Das ist ja eine unerhörte Sache! Es ist eine Schmach für Dich und für mich!" Die erregte Stimme war leiser geworden, bei den letzten Worten erstickte sie in einem Seufzer. Der Mann stützte den Arm auf den Tisch und den Kopf in die Hand; man sah es ihm an, wie nah es ihm ging.

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Käte saß stumm und blaß. Ihre Augen öffneten sich schreckhaft weit- also, das, das hatte er getan, sich Geld geborgt?! Auch das?! Nicht allein, daß er sich betrant, finn­los betrank auch das, auch das?! Es konnte ja gar nicht seinnein! Flehend suchte ihr Blick Wolfgangs Gesicht: er mußte ja verneinen!

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Aber, Papa," sagte Wolfgang und versuchte zu lächelit, ich weiß wirklich nicht, wie Du mir vorkommst! Ich habe Deinen Sozius, der mir's übrigens mal selber angeboten hat, der mir überhaupt sehr entgegengekommen ist, um' ne kleine Gefälligkeit gebeten. Ich wollte es ihm gerade wieder schicken" er lugte von der Seite den Vater an: wußte der, wieviel? morgen schicke ich es ihm!"

So, morgen!" Es lag Mißtrauen in. Schliebens Ton, aber doch eine gewisse Beruhigung, er wollte ja so gern das Beste von seinem Jungen annehmen. Was hast Du noch für Schulden?" fragte er. Und dann kam plößlich die Furcht über ihn, daß dieser junge Mensch da ihn hinterginge, und in der Angst vor einer Niesenverantwortlichkeit, die er sich auferlegt hatte, sagte er härter, als es sich mit seinem Herzen vertrug: Ich würde Dich züchtigen wie einen nichtsnußigen Buben, wenn ich's erführe! Meine Hand von Dir abziehen -fieh, wie Du fertig wirst! Pfui, Schulden, ein Schulden­macher!"

Räte sah immerfort ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie wollte rufen, ihn unterbrechen: Du bist so streng, viel zu streng, so schneidest Du ihm ja jedes Ge­ständnis ab!"- aber sie brachte nichts heraus. Sie ber stummte unter der Last der Befürchtungen, die über sie her stürzten. Voll verzehrender Unruhe hingen ihre Blicke an dem jungen Gesicht, das bleich geworden war.

" Habt Ihr denn nichts anderes gegessen?!" Wolfgangs Lippen zudten, es arbeitete in ihm. Er hatte " Ja, wir haben anderes gegessen aber wenn Du nicht sprechen wollen, schon angefekt dazu, es einzugestehen, daß er

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