Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 124.

Sonnabend, den 30. Juni.

( Nachdruck verboten.)

ner Mutter Sobn.

Toman von Clara Viebig .

Kate e die Achseln, und das Abendrot, das im Schei Sen noch einen leßten Schimmer durch das hohe Fenster warf, gab ihrer Wange ein überhuschendes Not. Ich weiß es nicht," fagte sie leise. Und dann sah sie so verloren hinaus in den Herbstabend, daß der Mann fühlte, sie war mit ihren Ge­danken ganz abwesend, die irrten draußen suchend umber.

Räte, sagte er ein wenig empfindlich, und der Aerger, den er über des Sohnes Abwesenheit empfand, mischte dem Ton noch eine besondere Schärfe bei, ich bin eben aus der Stadt nach Hause gekommen müde, hungrig, es ist ja schon acht Uhr- wir wollen effen. Und nicht mal ein freundliches Gesicht?!"

Sie stand rasch auf, um nach dem Abendbrot zu klingeln, und versuchte zu lächeln. Aber es wurde kein rechtes Lächeln. Er sah's, und das verstimmte ihn noch mehr. Laß nur, Iaß! Tu Dir feinen Zwang ant" Müde setzte er sich zu Tisch. Aber sein Hunger schien doch nicht so rege zu sein, denn als die Speisen aufgetragen waren und vor ihm dampf­ten, langte er nur lässig zu und lässig, ohne zu wissen, was. Das Eßzimmer war viel zu groß für die zwei einsamen Menschen; ungemütlich leer erschien heute an dem kühlen Herbstabend der schöne Naum. Fröstelnd schauerte die Frau zusammen.

,, Wir müssen die Heizung in Gang bringen lassen," sagte der Mann.

Das war das einzige, was während des Effens gesprochen wurde. Nachher stand Schlieben auf, um in fein Arbeits­zimmer hinüberzugehen. Dort wollte er rauchen, dort war's fleiner, gemütlicher; er bemerkte es nicht, daß seine Frau ihn förmlich mit den Blicken verfolgte.

Wenn Paul ihr doch nur sagen möchte, was er von Wo Wolfgang nur wieder

1906

Dritte, der brachte sie zwei auseinander! O, wie kläglich fielen alle ihre Theorien von Erziehung, Beeinflussung, vom Geboren werden im Geifte über den Haufen! Wolfgang war doch nicht das Kind, in dem sie beide sich mit Leib und Seele einten er war und blieb fremdes Blut. Und er hatte eine frenide Seele. Armer Sohn!

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Im Herzen der Frau, die Tage, Wochen, Monate, die Jahre lang nichts als Bitterkeit und Kränkung, sogar manch­mal etwas wie Empörung gegen den empfunden hatte, der ihre Tage also berstörte, feimte plöglich ein einsichtsvolles Mitleid. Wie konnte sie ihm, den es nicht mit hundert Ban­den an das Elternhaus fesselte, so sehr zürnen?! Es war eben nicht fe in Elternhaus. Unbewußt mochte er es fühlen, daß der Boden hier für ihn nicht Heimatboden war- nun suchte er, nun irrte er!

Den Kopf schwer in die Hände stüßend, grübelte Räte: was sollte sie beginnen? Sollte sie ihm gestehen, woher er kam? Ihm alles erzählen? Vielleicht daß es dann besser wurde! Ach, würde es besser, so würde sie gern alles tun! Aber ach, es war so schwer! Doch es mußte sein. Sie durfte nicht länger schweigen! Sie fühlte ihr zitterndes Herz er­starten in einem festen Entschluß: wenn er nach Hause fam, würde sie sprechen. Was sie gehütet hatte als größtes Ge­heimnis, über dem sie zitternd gewacht hatte, was ihr, wie fie glaubte, nichts hätte entreißen können, das war sie nun bereit freiwillig zu offenbaren. Sie mußte. Mie konnte es sonst je besser werden, wie je zu gutem Ende kommen, über­haupt zu einem Ende?!

Mit inbrünstigem Suchen schauten ihre Augen um sich; 23 war ein angstvolles Blicken in ihnen. Aber da war kein anderer Ausweg. Mit einer Entschlossenheit, deren Käte Schlieben vor einem Jahr noch nicht fähig gewesen wäre, bereitete sie sich auf das Geständnis vor. Einen Augenblid fam ihr der Wunsch, sich Paul zu Hülfe zu rufen. Aber rasch verwarf sie den Gedanken hatte er denn Wolfgang ie so geliebt wie sie? Es würde ihm vielleicht gleichgültig sein. Oder nein, es würde ihm vielleicht ein Triumph sein, er war ja immer anderer Meinung als sie gewesen. Und zuvorkommen,

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Wolfgangs Ausbleiben da sich ganz in ihre suchenden, es selber Wolfgang sagen, und das durfte nicht sein. Ste,

sein mochte?! Sie vertiefte irrenden Gedanken und merkte es kaum, daß sie allein blieb in dem falten, leeren Zimmer.

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sie allein durfte das, mit all der Liebe, deren sie noch fähig war, damit er's weich hörte, schonend und zart!

Hastig lief sie hinüber in den Salon. Da bewahrte fie in ihrem Schreibtisch seinen Taufschein und die Abtretungs­urkunde aus seinem Heimatdorf; diese Papiere hatte sie selbst ihrem Manne nicht anvertraut. Nun holte fie fie hervor und legte sie bereit. Sie würde ihm doch zeigen müssen, daß alles fich so berhielt, wie sie sagte!

aber sie zwang ihre Aufregung nieder. Nuhig mußte sie sein, ganz ruhig und verständig; in vollem Bewußtsein dessen, was fie tat, das Luftschloß umstoßen, das sich sich erbaut hatte und das nicht so geworden war wie in ihren Träumen. Aber wenn auch dieses Luftschloß zusammenfiel, fonnte nicht aus feinen Trümmern etwas gerettet werden, doch noch etwas Gutes erstehen?! Er würde ihr ja dankbar sein, er mußte ihr ja dankbar sein. Und das war das Gute!

Sie hatte ein Buch vor sich liegen, ein Buch, das alle Welt interessant fand eine Bekannte hatte ihr gesagt: Sch fonnte gar nicht aufhören damit, ich hatte so viel im Kopf, aber ich habe alles drüber vergessen," sie bergaß nichts darüber. Wie in einem großen Kummer, der stumpf macht, fühlte sie sich. Noch stumpfer, abgestorbener gegen alles Aeußere, wie damals nach dem Tode ihres Vaters und ihrer Die Papiere fnitterten unter ihren zitternden Händen, Mutter. Gerade in diesen Trauerjahren hatte sie so biel ge­lesen, so mit besonderem Interesse, als seien ihr alte Dicht werke neu geschenkt und neue eine tröstende Offenbarung. Nun konnte sie nichts lesen, den Gedanken eines anderen nicht folgen. Sie flebte an ihren eigenen Gedanken; ihr Auge überflog wohl die Seite, aber wenn sie unten angelangt war, wußte sie nicht, was sie gelesen hatte. Es war ein uner­träglicher Zustand. Ach, wie gern, wie gern wollte sie fich für etwas intereffieren! Was gäbe sie darum, könnte sie doch. einmal recht herzlich lachen; früher hatte sie nie die gleiche Sehnsucht gehabt nach Frohsinn, Heiterkeit und nach Humor. Ah, welche Erlösung wäre es für sie gewesen, hätte sie lachen und weinen können! Jetzt fonnte sie nicht lachen, aber ach!- auch nicht mehr weinen, und das war das schlimmste: ihre Augen blieben trocken. Jedoch innerlich brannten die ungeweinten Summertränen und fraßen an ihrem Leben mit dem undergoffenen salzigen Naß.

Nein, der Tod war das schrecklichste nicht! Es gab Schrecklicheres. Es war schrecklich, wenn man sich fagen mußte: all Dein Leid hast Du Dir selber heraufbeschworen. Warum ließest Du Dir nicht genügen, warum mußtest Du erzwingen, was die Natur Dir versagte?! Es war schred­licher, wenn man fühlte, wie häusliches Glück, eheliches Glüd, Liebe, Treue, Einigkeit, wie all das, was zwei Menschen innig zusammenhält, ins Wanken geriet fühlte fie's denn nicht alle Tage, wie ihr Mann Tälter und fälter wurde, und wie auch sie gleichgültiger gegen ihn ward?! Ach, der Sohn, dieser

Sie faltete die Hände über den Dokumenten aus grobem Papier, und aus ihrer Brust stiegen bebende Seufzer.

Wenn er sie nun aber nicht richtig verstünde, wenn sie vielleicht nicht die Worte fand, die man finden mußte?! Wenn sie ihn dadurch verlieren würde?! Ein Schred überfiel sie, sie erblaßte und griff tastend um sich, wie jemand, der eine Stütze braucht; aber sie hielt sich aufrecht: dann lieber ihn berlieren, als daß er sich verlor!

Denn und Tränen, wie sie sie lange, lange nicht mehr hatte vergießen können, tropften ihr erlösend aus den Augen denn sie liebte ihn doch noch, lichte ihn mehr, als sie es selber für möglich gehalten hätte.

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So wartete sie auf ihn. Und wenn sie warten sollte bis morgen früh, und wenn er wieder betrunken nach Hause fäme betrunkener noch als das erstemal sie würde ihn doch erwarten. Heut noch mußte fie es ihm fagen! Es brannte förmlich in ihr.

Schlieben war längst zur Ruhe gegangen; er war ärger­lich auf seine Frau, hatte nur flüchtig den Kopf in ihr Zimmer