Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 132.
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Donnerstag, den 12. Juli.
( Nachdruck verboten.)
Kinder der Gaffe.
Roman von Charlotte Knoedel. Gleich," sagte auch der Christian, und die Kinder schlüpften in die Kammer nebenan.
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" Das muß ich sagen!" Die Marie schaute den Kindern nach. Parieren tun se Dir!" Sie sah zu dem Manne auf. Na, da wollt ich auch-!" Müting fuhr mit der Hand durch die Luft.
Dann wandte er sich zur Luis.„ Gib," sagte er und streckte die Arme nach dem Kind aus.
Das quietite laut vor Jubel, strampelte mit den Beinchen
und reckte die kleinen Arme zum Vater auf.
Stomm!" und er nahm's aufs nie und fügte laut des Kindes weiche Bäckchen.
Hinter dem Vater, an der Kammertürspalte, stand die fleine Emma im Dunkeln. Barfüßig, im blau und weiß gestreiften Hemdchen, stand fie und gudte:
Wie der Vater den Johann lieb hatte! Sie fühlte, wie ihr Herzchen gegen die Rippen schlug.„ Aber mich hat er auch lieb," jagte sie sich ganz leise und verschränkte die dünnen Aermchen feft, fest über der Brust.
Wie die Mutter tot war und hier in der Kammer im Sarg lag, so ganz still, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu husten und ohne sich zu rühren, da hatte der Vater draußen am Herd geseffen und sie auf dem Schoß gehabt. Und er hatte sie an sich gedrückt, ganz fest, und er hatte feinen Stopf auf ihr Haar gelegt und hatte geweint, geweint.
Lange hatte er geweint.
Die fleine Emma stand noch immer fröstelnd im dünnen Hemdchen und lugte durch die Türspalte, bis leise und bestimmt der Christian aus dem Bett herüber sie zu sich rief.
Da troch sie zu ihm hinein und drängte das Köpfchen in Ses Bruders Arm. Der machte eine kleine, ärgerliche Bewegung zwar, aber er wehrte dem Kinde nicht.
Draußen hatte derweilen die Luis dem Vater Kartoffeln auf den Teller geschöpft, hatte die Großmutter einen Wurst zipfel für ihn aus dem Schrank geholt und die Marie ihm eine Tasse Kaffee eingegossen.
Sie hatte sie vor ihn auf den Tisch gestellt. Nimmste Milch?" fragte sie. Er nickte, und sie schenkte ihm ein paar Tropfen ein.
Die Großmutter und die Luis sahen ihr zu. Die Alte neftelte dabei an ihrer Schürze herum. Ueber ihr welfes Geficht ging ein Lachen. Die weiß, wie man's anfängt, dachte fie. Aber sie hat ein paar hundert Mark gespart, hm! Gesund war sie wohl auch, und wenn sie nicht so proper war, wie die Luis! Denn das mußte selbst die Großmutter der Toten nachsagen, so lang wie sie sich nur auf den Beinen hatte halten fönnen, war immer alles wie geleckt gewesen in ihrem Haushalt.
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Die da!" Der Großmutter war die Lotterwirtschaft bei der Marie ihren Eltern noch gut in Erinnerung. Sie hatte einmal die ganze Familie aus zerbrochenen Milchtöpfen und sonst ein paar Geschirren Kaffee trinken sehen. Und das wußte sie, so wie die Luis war die da nicht. Aber sie hatte ein paar hundert Mark gespart! Müting faß am Tisch, aß Kartoffeln und Wurst und frank seine Bichorienbrühe. Ab und zu gab er dem Kind auf feinem Knie ein Kartoffelbrödlein, einmal auch ein Stückchen Wurst.
Die Luis spülte die Teller und fegte sie in den Schrank. Die Großmutter hocte am Ofen und wärmte fich die Hände. Es war still in der Stube. Und in die Stille drang es wie ein fernes Schelten, wie Stühlerücken und Weiberheulen. Verlorene Laute waren es, die über den Hof herüberfamen. Die Fremde in der Stube horchte auf. Was is das?" fragte sie. Ihre Augen glänzten vor Neugier.
Der Edel wird sein Frau wieder hauen," sagte Müting. Gestern abend hat er's auch getan!" und er aß ruhig weiter. „ Der Eckel?" fragte die Marie. Is das der Nothaarige, Ser drobe in de Mansarde wohnt?" " Ja, der!"
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Und warum haut er se Senn
Weiß ich nit!"
1906
Die Marie wandte sich an die Alte. Ihr auch nit, Großmutter, wißt Ihr auch nit, warum er seine Frau haut? „ Geh en frage," sagte die.„ Er erzählt's alle Leut, daß fie en Hur' fei; aber von er laffe, fann er nit!"
der Alten stand und auf ihre Reden horchte. In seinen Augen Müting deutete mit der Hand nach der Luis, die neben hatte sich ein jähes Feuer entzündet.
Da schwieg die Großmutter, und auch die Fremde fragte nicht weiter.
Sie konnte sich die Geschichte ja von jemand anders erzählen laffen! Sie wollte gleich noch zur Frau Kamp hinaufgehen, die wußte gewiß auch davon!
zweimal tief auf. Es flang wie Seufzen, dann war die Neugier erwürgt, und gleichgültigen Tones fagte fie:
Aber für den Augenblick-! Die Marie atmete
,, Na, und jetzt fin's all schon drei Monat, daß das Luis
tot is!" über des fleinen Johann Haar. Der Mann nickte. Und dabei glitt seine Hand streichelnd
nur
„ Drei Monat, hm, drei Monat," wiederholte er. „ Die Zeit geht rum, gelt," meinte die Marie. en Glück für Dich, daß De die Großmutter haft!" Der Mann nickte.
„ Es is
,, Denn weißt, wenn fremde Leut im Haus wirtschafte, Christian, die geben die Grosche aus, und der Mann und die Rinner habe nig davon!"
,, Wenn er Euch das glaube tät," warf die Alte dazwischen, aber er meint immer, mit ere Fremde tät er besser fahre!" " Das hab' ich noch nie gefagt, Mutter!"
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„ Nit? So?" Die Großmutter lachte:„ Aber wie oft haft schon nach ner Frau verlangt, die mehr schaffe föunt wie ich, und... und Ich mag nit, daß die Kinder fo geplagt weren," fagte der Mann.
" Hahaha, das Luis und der Chrischan, wenn die en bißche schaffe müsse, das schad' ene nir!"
Aber' s is halt auch wegen Euch, Mutter! Ihr könnk Euch doch nit mehr so rumtun, 3hr fagt's ja selber!"
„ Na!" rief die Alte, und ein häßliches Lachen flog über ihr Gesicht. Ich weiß, warum Du en Junge im Haus habe willst! Für die Arbeit nit, für's Pläfier willst se habe!" „ Mutter!" Dem Mann war das Blut in den Kopf geftiegen.
Die Alte lachte." Tu doch nit eso."
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„ Du weißt, daß ich meim Luis die Treu hafl, Mutter! So wie ich die gern gehabt hab'!" Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und wischte ein paar Tränen weg, die darin aufgestiegen waren.
" Was Tren halte, ner Tote die Treu halte!" Die Alte lachte. Ueberhaupt Mannsleut und Treu!"
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Müting streichelte des Kleinen Johann Köpfchen. Seine Hand zitterte dabei. Sie war braun, rinnendurchfurcht und schwer, eine harte Hand, und die zitterte. Ja, mein Luis!" murmelte er vor sich hin.
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" Bei all dem hast aber niemand, der für Dein Kinner sorgt," sagte die Alte. Ner Tote die Treu halte, das is ja was ganz Schönes, aber die Kinner sind auch noch da... " Ich weiß ja! Laß mich nure in Friede," bat der Mann.
Und die Marie zupfte die Alte am Aermel. Lassen em doch Zeit, sich die Sach' zu überlege! So schnell kann mer jemand, den mer gern gehabt hat, halt nit vergesse, gelt, Chrischan?"
Dankbar blidte der Mann zu dem Weib hinüber. Und da lachte sie ihn an. Zwischen ihren dicken, roten Lippen blizten die Zähne blendend weiß hervor.
Im nächsten Augenblick ward die Tür, die vom Hof in die Stube führte, darin die drei saßen, hastig aufgerissen, und über die Schwelle stürzte eine Frau.
Erbarmen Euch! Erbarmen Euch! Er will mich tof stechen!" schrie fie und klammerte sich an Müting.
Der stand auf; gab der Luis den kleinen Johann, den das Gefichtchen zum Weinen verzog: Leg en ins Bett!" be fahl er. Dann richtete er das Weib vom Boden auf.
Die Marie hatte die Tür zugemacht und den Riegel vars