Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 141.
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Mittwoch, den 25. Juli.
( Nachdruck verboten.)
Kinder der Gaffe.
Roman von Charlotte noedel.
Aber die Luis zögerte, sie wußte, daß der Vater bald heimkommen mußte. Und sie stand noch an des Weibes Bett, als der Mann in die vordere Stube trat.
Ein schadenfrohes Lächeln ging über ihr Gesicht. ,, Der Vater is da, jetzt is es zu spät," sagte sie. Marie reckte die Hand aus:„ Das hast nure gewollt, Du Du...!" Ihre Stimme zitterte.
Die Luis aber schlich sich zur Kammer hinaus.
Die
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1906
Mein Kinner," wandte er sich wieder an die Frau, ,, meinem Luis sein Rinner, die sollst Du mer nit quäle wie die Hund! Und die sollen in die Schul gehn, wie's Ordnung is!"
Er faßte die Luis fester und schaute zu ihr herab.„ Du gehst mer von morge ab jeden Tag in die Schul! Das sag ich der, vor dere, vor... bor Deiner Mutter, und wenn ſe Dich dabehalte will, Du folgst er nit und sagsts mir! Und schaffen! Ihrem Kind die Windeln wasche, das soll sie selber beforge...!"
Er schaute das Mädchen lang und traurig an. Wie das aussieht! dachte er, so schwarz um die Auge und eso blaß und mager! Nit viel annerst hat es Luis ausgesehn, wie es gestorbe is!
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Ein Grauen kroch dem Mann über den Rücken hinab. Wenn wenn Er wagte den Gedanken In der Stube stand der Vater vor der weinenden Emma. nicht auszudenken, und dann wäre nur die daran schuld, die Was haste denn?" fragte er. Marie, die liederlich! Dem Mann flimmerte es vor den Augen.
,, Nig!" sagte sie und schluchzte.
" Du heulst doch!" Er hob des Kindes Köpfchen zu sich auf. Hat Dich der Christian gehauen?" und er wandte sich um.„ Christian!" rief er.
Ja, Vater!" sagte der Knabe, der ihm leise in die Stube gefolgt war.
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-?"
„ Hast se gehauen?" Der Christian verneinte. „ Die Mutter denn? Oder der Franz oder Nein, nein!" Die Emma schüttelte heftig den Kopf. Ungeduldig trat der Mann an den Tisch.
,, Wenn Der nig is, dann laß auch es heule!" sagte er, und dabei fiel sein Blick auf das Papier, das der Polizist zurückgelassen hatte.
"
Was is denn das?"
„ En Gendarm war da, der hat's gebracht!" sagte der Christian, und darum weint es Emma auch!"
Der Mann entfaltete das Blatt. Er trat ans Fenster und las mit gerunzelten Brauen.
Da haben mer's ja wieder!" Er warf den Zettel auf den Boden und lachte hart.
" Das is en Wirtschaft jetzt! Und' s wird jeden Tag besser! Da frieg ich schon Geldstraf, weil ich mein Kinner nit in der Schul schick! Hahaha!"
auf.
Er ballte die Fäuste.
Der Christian bückte sich und hob den Zettel vom Boden
Bater!" sagte die Luis, De sollst emal zur Mutter
komme!"
Sag er, fe sollt aufstehn und ihr Arbeit schaffe!" ,, Chrischan, Chrischan!" rief die Frau aus der Kammer
herüber.
Der Mann aber trat keinen Schritt vom Fleck, seine Brust arbeitete und seine Nasenflügel bebten.
,, Geldstraf, weil ich mein Kinner nit in de Schul schick, ich! Hahaha!"
„ Chrischan, Chrischan!" Die Frau rief unter Tränen. " Halt's Maul!" fuhr der Mann auf, seine Stimme dröhnte.
Die Emma zudte zusammen bei dem Klang. Eine Weile herrschte Totenstille.
Und plößlich erschien die Marie unter der Tür und schlich sich zu dem Mann heran.
,, Chrischan!" flehte sie und faßte ihn am Aermel. Ich mag nig höre!" sagte der und stieß sie von sich. Daß De Entschuldigunge genug haft kann ich mer denke, brauchst se nit erst herzebete!"
Er hatte das Gesicht von ihr abgewandt. „ Chrischan!" sagte sie noch einmal.
Da schaute er sie fest und hart an. Was hab ich, seit daß Du hier bist?" fragte er.
Wenn de mein Kinner zugrund richtst!" schrie er plöklich noch einmal wild auf und trat dicht vor die Marie hin Die zog die Schultern hoch. Wenn ich nit so elend wär, arg elend," heulte sie.
so
"
Ach geh mer e weg!" sagte der Mann.
Da drängte die Frau sich an ihn heran. Er stieß sie fort. Mein Rinner zulieb hab ich geheiratet, und jetzt-?" Seine Stimme versagte. Ein Schluchzen stieg aus seiner Kehle auf.
Verlegen standen die Kinder umher, die Emma meinte, die anderen verfolgten den Vorgang mit großen, trockenen Augen. Der Mann aber ließ sich in einen Stuhl fallen und legte den Kopf in die Hände.
Warum muß mir auch alles schief gehn? dachte er. Grad mir? Wenn ich die Kamps nehm, was haben die en ordentlich Lebe! En saubere Haushalt, und dabei besorgt die Frau doch noch ihr Feld, des groß Stück Land! Und was ihm das einbringt, und wenn er es abends heimkommt, da is was grdentlichs gekocht und er hat sein Gemütlichkeit!
Müting seufzte und hob den Kopf.
Da schlich sich die Luis zu ihm heran. Wollen er was esse, Vater?" fragte sie.
Was hast denn?"
Kartoffel und Kaffee!" ,, Nir annerscht?"
„ Nee!" Erstaunt sah die Luis den Vater an, das gab's doch jeden Abend, wie kam der Vater nur auf die Frage.
Sie ahnte nicht, daß bei ihren Worten dem Mann die Erinnerung an die Zeit durch den Kopf geflogen war, wo seine erste Frau ihm des Abends gar häufig einen Leckerbissen bereitet hatte.
Kartoffelküchle oder Pfannkuchen und Salat, dann und wann hatte sie ihm auch Kartoffelsalat gemacht und hatte einen Schoppen Bier dazu geholt.
Kartoffelsalat und Bier! Wie war nur mit einemmal die Lust danach in ihm erregt worden? Bier! Bier! Seine Kehle dünfte ihn ausgetrocknet. Er spürte einen heißen Durst. Bier! Bier! Er trank sehr selten und sehr mäßig.
Aber heute, heute hatte es ihn gepackt. Ha, jetzt einen Krug Bier runterstürzen! Einen? Nein! Zwei, drei, vier hintereinander. Immer einen Krug nach dem anderen, ganz rasch hinunter, das würde alles wegspülen, alles was hart und trocken in seiner Kehle saß.
Oder Schnaps?-Ja der, der brannte! Der brannte alles weg. Ja, und dann trinken, trinken, bis man nicht mehr denken konnte, nicht mehr denken brauchte! Der Mann saß reglos mit starren Augen. Er schluckte ein paarmal.- Wie trocken ihm die Kehle war.
Und da sie zusammenzuckte und den Kopf neigte, brauste er auf.„ En liederlichen Haushalt hab ich, und die Kinner- Schon wollte er aufstehen, da durchfuhr's ihn. Betrinken? werden geplagt und friegen nir rechts zu effe und... und Er rang nach Worten, seine Stimme zitterte.
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,, Und daß De des arm Mädelche nit mal in de Schul gehn laßt, Du faules Fraumensch!" Er ballte die Faust. Die Marie taumelte rückwärts. Er achtete es nicht. Same Hand tastete nach der Luis. Er zog sie an sich heran,
Und dann... dort hing der Hut! Die Jacke drunter! Du willst dich betrinken, Christian Müting? Du bist doch ein Mann, der auf sich hält! Ja, aber--Seine Hände hingen schlaff.
Bei so me Elend, wenn mer da nit-? Die Tränen, die in seine Augen traten. hatte das Mitleid mit sich selber ihm erpreßt.