Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 160.

30]

Dienstag, den 21. August.

( Nachdruck verboten.)

Kinder der Gaffe.

Roman von Charlotte Knoedel.

Die Luis sah das Gefängnis. Visionär zog es an ihr vorbei. Gitterfenster sah sie, und dahinter

-

Sie stieß einen gellenden Schrei aus. Und dann sant sie ohnmächtig in des Bruders Arme.

Der trug sie ins Bett, rieb ihre Schläfen mit Wasser und wartete, wartete in zitternder Angst, bis sie die Augen aufschlug.

Es dauerte lange. Den Christian dünkten es Stunden. Als sie zum Bewußtsein kam, umframpfte sie des Bruders Arm. Bleib bei mir!" flehte sie, bleib bei mir, bis Dein Bug fährt!"

Er willfahrte ihr, und sie schloß die Augen und hielt seine Hände.

,, Kommt der August heut nicht?" fragte der Christian nach einer Weile.

Sie schüttelte den Kopf.

,, Er is mit en paar Kamerade en weite Tour mache...!" Und dann schwiegen sie wieder.

Den Christian quälte das Verlangen nach der Paula. Es war wilder denn je, während er still am Bett der Schwester saß.

Ob sie auf mich wartet? dachte er. Oder ob ihr die Zeit lang geworden ist und sie mit... mit...? Aber nein! Das tat sie nicht! Sie beschwor's ihm jedesmal, und dabei sah sie ihm fest in die Augen! Es war lächerlich, so etwas nur zu denken...! Und er fuhr sich mit der Hand über die

Stirn.

Wieder saß er eine Weile

Herrgott, kann ich das aushalten? fragte er sich. Es war ihm, als müsse er zur Paula stürzen. Und er stellte sich ihre Augen vor, diese schwimmenden blauen Augen, in die er nicht schauen konnte, ohne daß ihn ein Zittern durchrann. Und dann sah er ihre ganze volle Gestalt.

Der Schweiß stand auf seiner Stirn. Wozu diese Vorstellungen, diese Phantasien? Sie machten ihn ja rasend!

Sollte er sich von den dünnen Fingern befreien, die sich so fest und heiß um seine Hand spannten?

Er dachte an die Emma, und dabei kam ihm der Blick der Paula in den Sinn. Dieser Blick, der ihn damals rafend gemacht hatte. Ja die! Die ist zu allem fähig! schrie es laut in ihm.

Und ich hab den Schwüren dieses Mädchens geglaubt! Ich! Ich! Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Ich hab ihren Schwüren geglaubt! Was mag sie sich gefreut haben, über den dummen Christian! Wie hat sie sich wohl lustig gemacht über mich bei ihren anderen Liebhabern!

Andere Liebhaber, ha! Ihm schwindelte doch bei dem Gedanken!

Die Qual hette ihn vom Stuhl auf. Er machte eine Bewegung, um seine Hand von den Fingern der Luis zu be­freien. Da schlug sie die Augen auf.

,, Chrischan," sagte sie und schaute ihn flehend an. Und er setzte sich.

Ja, ja...!" sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn, seine Stimme flang rauh.

Und auch über die Luis fam wieder die Angst. Was fann ich tun, was kann ich tun? Wie kann ich das Unglück verhüten? dachte sie in einem fort. Die eine Frage hette im Kreise durch ihr Hirn, immerfort, immerfort!

Ob sie jest wohl mit einem andern läuft, die Paula? dachte der Christian, und er glaubte ihr Lachen zu hören. Der Chrischan, hahaha! der dumme! Läßt sich an der Nas' herumführen! Er ballte die Faust und knirschte mit den Zähnen. Der Chrischan, der dumme! Hahaha!

In der Küche tickte die Uhr gleichmäßig. Es war, als verhöhne sie den Gedankengalopp der beiden Menschenkinder, die wortlos beisammensaßen.

Hin- her! Hin- her!-

Ah!"

1906

Draußen begann es zu dämmern, in der Stube wurde es Nacht.

Und dann kamen die Kinder heim und die Marie. ,, Chrischan, um alles in der Welt, Du mußt auf die Bahn!" rief der Johann.

Er brachte dem Bruder Stock und Hut." Darf ich Dich begleite?" fragte er.

Der Christian nickte und reichte der Luis die Hand. Es tut mir leid, daß Du Dich aufgeregt hast wege mir! Und grüß den Vater," sagte er.

"

"

Chrischan!!" flehte sie und sah ihn an. Du weißt, ich mein' s nure... Ach Gott, ich möcht ja alles für Dich tun!" Sie schluchzte auf.

Er fuhr mit der Hand über ihr weiches Haar. Sie waren sonst nie zärtlich zu einander.

Dann ging er in die Nacht, die angstvollen Gedanken der Luis hezten hinter ihm her.

-

Wenn er ihr begegnen tät mit dem Härter am Arm, oder mit sonst einem? Was dann? Sie zitterte. Aber nein, nein! beruhigte sie sich, die Paula is schlau! Wo sie weiß, daß er da is!

Und wenn's am End wahr wäre, was sie dem Christian geschworen hatte? Doch sie verlachte den Gedanken. Sie fannte die Paula.

Aber der Christian, der Christian?! Wenn der sie mit einem trifft! Wenn der weiß, daß sie ihn betrügt ha! Der falte Schweiß stand auf ihrer Stirn, und ihre dünnen fieberheißen Finger frampften sich ineinander.

Was kann ich tun! Wie kann ich ihm helfen! Wie kann ich das Schrecklichste verhüten, das Schrecklichste?.

Lange wälzte sich die Quis an jenem Abend schlaflos int Bett. Ihre Wangen brannten, ihre Stirn und ihre Finger. Und ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Wenn sie die Augen schloß, war ein wildes Sprühen von Funken rings um sie her. Die wirbelten erst wild durcheinander, wurden zu einer Garbe und drehten sich dann im Kreise wie ein Rad. Und sie preßte die Hände an die Stirn. Aber die Hände waren ebenso heiß wie die Stirn.

Langsam hörte das Rad auf sich zu drehen. Es wurde still. Und die Luis wußte nichts mehr.

Als sie nach einer Weile plötzlich erwachte, faltete sie die Hände und setzte sich im Bett auf.

Ich muß die Paula überreden, daß sie vom Christian abläßt. Die Paula muß em sage, oder schreibe, daß sie en nit beirate will, dann wird alles gut! Sie legte sich um und schlief ein, die Hände auf der Brust

gefaltet.

23.

Als die Luis am andern Morgen aufstehen wollte, taumelte sie.

Die Aufregung von gestern liegt mer halt noch in den Gliedern, dachte sie mit müdem Lächeln. Ich bin überhaupt gar nig mehr wert, die letzt Zeit!

Sie zog sich an und begann zu arbeiten, aber überm Kartoffelschälen ward sie schwindlig.

Die ganze Küche drehte sich im Kreise um sie, und dann wußte sie nichts mehr.

Als sie zu sich kam, lag sie mit offenen Kleidern auf ihrem Bett und aus der Küche tönte der Marie Stimme zu ihr herüber.

Es geht all schlecht mit em," sagte sie.

Die Luis horchte auf. War von ihr die Rede?

" Ja, ja...! Ich hab se die legt Zeit als mal betracht!* Das war Frau Hampel. Sie gefallt mer nit, und ich muß dann immer an die Emma...!"

Mit vorgestrecktem Hals, atemhaltend saß die Luis. Ihre Augen quollen hervor.. Sie hatte die Zähne fest auf­einander gepreßt. Die Emma!" hörte sie noch, dann ver­wirrte sich alles um sie her. Ein paar Töne verrahm sie noch, die kamen wie aus weiter Ferne, und dann ward Nacht rings um fie.

Als sie wieder zu sich kam, stand der Arzt an ihrem Bett. Er fühlte ihren Puls.

Wie geht's?" fragte er dabei.