Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 182. Donnerstag, den 20. September. 1906
lRach druck verboten.) Die Sandinger Gemeinde. Novelle von Henrik Pontoppidan . Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann . Knud antwortete nicht. „Es ist also Dein Ernst. Du willst-- es ist wirklich Deine Absicht, daß—" „Ja, ich will mich mit Boel verloben. Ich schulde es ihr." Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. „Ktiud! Das ver— biete ich!" „Du hörst doch, daß ich sage, ich schulde es ihr, Mutter!" „Unsinn! Davon kann keine Rede sein. Das darf nicht geschehen! Es ist ja Wahnsinn! Wo hast Du Deine Ver- nunft gelassen, Knud? Willst Du Deine Karriere ganz ruinieren? Du, mit Deiner Zukunft— mit Deinen Verbindungen!— Es ist ja nichts als Uebereilung. Du hast Dich überreden lassen, das weiß ich. Das Mädchen hat es auf Dich abgesehen. Aber ich will kein Wort mehr davon hören.— Wie hast Du Dich nur so dumm verblenden lassen?" Jetzt war die Reihe zu starren an Knud,— er saß da wie aus den Wolken gefallen und wußte nicht, was er von dem Erguß der Mutter denken sollte. „Ich wundere mich eigentlich recht über Dich," sagte er schließlich.„Daß Du gerade nicht entzückt sein würdest, hatte ich mir ja allerdings gedacht,— ich bin es vielleicht selber nicht einmal. Aber was kannst Du mit Deinen Anschauungen im Grunde an Boel auszusetzen haben. Sie ist ja ein an- ständiges Mädchen, freilich aus armer, aber doch aus guter Familie—" „Aus guter Familie'— Ihre Eltern leben in den elendesten Verhältnissen, die man sich denken kann." „Jetzt übertreibst Du doch wohl. Ter Vater ist ja Parzellist!" „Wer hat Dir das gesagt?" „Das hat mir Boel selbst erzählt." „Dann hat sie gelogen. Der Vater ist ein armseliger Krüppel, der nichts verdient, und die Mutter ist ein wahres Scheusal von Zigeunerabstammung, zweifelsohne diebisch und versoffen, jedenfalls von allen ordentlichen Menschen ge- mieden. Das war ja gerade der Grund, weshalb ich seiner- zeit das Mädchen zu mir nahm.— Aber es verhält sich so, wie ich vorhin sagte. Du hast Dich verlocken lassen. Boel ist ja in vieler Hinsicht ein gutes, tüchtiges Mädchen, aber ich habe es doch aus allerlei herausgefühlt, daß auch in ihren Adern Zigeunerblut fließt." Knud sah die Mutter ungläubig an. Er traute ihr nicht recht. Boel konnte sicher nicht lügen. Aber um der Unter- Haltung jetzt ein Ende zu machen, bat er die Mutter, ihn allein zu lassen, damit er über das nachdenken könne, was sie ge- sagt hatte. 12. Boel befand sich wieder allein im Eßzimmer, wo sie be- schäftigt war, Lampen in Ordnung zu machen. Das Herz schlug ihr bis an den Hals, und sie war ganz schwindelig vor Angst und Spannung. Sie hatte Frau Gylling zu Knud hineingehen sehen, und nach dem, was sich bier heute morgen zugetragen hatte, konnte sie sich denken, miorüber nun da drinnen verhandelt wurde.— Wie würde die Sache aus- fallen? Würde sie gezwungen sein, mit Schimpf und Schande von hier zu fliehen?. Oder--? Oder--? Die Stube drehte sich um sie herum. Ihr wurde so matt in den Beinen, daß sie sich setzen mußte.-- Sollte ein großes, großes Glück ihr beschieden sein? Sollten ihre kühnsten Träume doch noch in Erfüllung gehen? Sie fuhr in die Höhe. Draußen auf dem Gang kam jemand. Es war Frau Gylling. Ihr wurde schwarz vor Augen, als die Tür sich auftat. Sie sah nur wie bei dem Aufflammen eines Blitzstrahls das lila Band auf Frau Gyllings Haube.
„So, hier stehst Du, Boel?— Wenn Du mit den Lampen fertig bist, möchte ich gern ein Wort mit Dir reden. Ich bin in meinem Zimmer." Sie ging in die Wohnstube hinein. Die Tür schloß sich hinter ihr. Die j�üge in Boels Antlitz erstarrten. Der Klang in Frau Gyllings Stimme hatte ihr alles gesagt. Sie war ge- richtet. Sie war verworfen. Sie mußte also fort von hier. Und zwar noch heute. Ja, nicht einen Tag länger wollte sie unter einem Dach mit dem bleiben, der sie verraten hatte.— Aber wohin sollte sie nun fliehen? Sie kannte keinen Menschen in der ganzen Stadt. Draußen im Flur schellte es. Im selben Augenblick fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, daß es der kleine Uhrmacher- gehülfe sein müsse. Es war gerade der Tag und die Stunde, um die er zu kommen pflegte.— Ihm wollte sie sich ander- trauen. Er war immer so freundlich gegen sie gewesen. Er mußte ihr behülflich sein können, einen Ort zu finden, wo sie bleiben konnte, bis sie sich eine andere Stellung verschafft hatte. >sie eilte hinaus, um zu öffnen. Aber an Kasper Kappers Stelle stand dort ein ganz anderer Mann, der, den Hut in der Hand, sich als Abgesandter des Uhrenfabrikanten vorstellte. Boel fragte, ob denn der andere nicht komme. Nein, Herr Kapper habe sich heute in der Werkstatt nicht blicken lassen; er sei wohl krank geworden. „Ist er krank geworden?" fragte Boel tonlos. � „Ja, oder er hat andere Verhinderung gehabt. Gestern war sein Geburtstag, der hat sich vielleicht ein wenig in die Länge gezogen," sagte der Fremde und lächelte.--- Aus seinem Zimmer heraus hatte Knud zufällig diesen Wortwechsel gehört. Unter anderen Verhältnissen würde er kaum weiter darüber nachgedacht haben; jetzt aber ward sein Mißtrauen rege. Ein wenig ernüchtert, wie er nach der Unterhaltung mit der Mutter schon war, spähte er halb un- bewußt nach einem Ausweg, um sich mit Anstand aus dieser gewagten Affäre zu ziehen, in die er sich eingelassen hatte. Was für eine Mannsperson konnte es sein, nach der sie so interessiert fragte? dachte er. Der kleine Uhrmachcrgehülfe mit der Klappe vor dem Auge?— Er entsann sich, daß er einmal, als er nach Hause gekommen war, diesem Jüngling auf der Treppe begegnet war, und er meinte sich jetzt auch zu erinnern, daß er bei derselben Gelegenheit Boel sehr errötend angetroffen hatte. Sollte es denkbar sein, daß irgend eine Liebelei zwischen den beiden bestand— oder bestanden hatte? Diese erbärmlichen Wichte sollten ja eine sonderbare Macht auf Frauen ausüben können. Das las man ja in den Romanen. Hm! Die Mutter hatte Boel geradezu zur Lügnerin stempeln wollen. Wenn sie nun auch in erotischer Beziehung nicht ganz zuverlässig war, wenn überhaupt dieser Schimmer von ländlich frischer Unschuld, der sie so anziehend für ihn und für sie alle gemacht hatte, ein falscher Schein war, so--- . Er erhob sich entschlossen und öffnete die Tür. Boel stand noch da draußen auf dem Flur, nachdem sie den Uhr- macher in die Wohnstube hineingelassen hatte, und sie hörte ihn nicht, bis er dicht hinter ihr stand. Als sie ihn entdeckte, hätte sie fast einen Schrei aus- „Boel," sagte er.„Hören Sie doch einen Augenblick." Sie war auf die Eßstubentür zugeeilt, um ihm zu ent- weichen. Aber sein Ausruf hielt sie zurück. Es lag trotz des befehlerischen Tones etwas darin, was von neuem die Hoffnung in ihr entfachte. Sie blieb stehen, abgewendet, dw Hand auf dem Schloß,— gehorsam, willenlos, wie ein mit Füßen getretener Hund, der bei dem leisesten Wink seines Herrn still steht, in der Hoffnung, wieder zurückgerufen zu werden., „Sagen Sie mir doch, Boel.— ich mochte Sie gern nach etwas fragen,— möchte Dich gern etwas fragen. Es»st etwas, das an und für sich von untergeordneter Bedeutung ist, aber trotzdem—"