Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 209.

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Der Sumpf.

Sonnabend den 27 Oktober.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersetzung.

Jurgis hatte leider sehr wenig Zeit, sein Baby anzusehen. Niemals fühlte er feine Stetten peinlicher als jetzt. Wenn er heimkam, schlief das Baby, und es war der reinste Zufall, daß es aufwachte, ehe Jurgis einschlief. Morgens hatte er feine Zeit, es anzusehen, so wars allein der Sonntag, an dem der Bater Gelegenheit dazu fand. Noch grausamer war es für Ona, welche, wie der Arzt jagte, um ihrer selbst und des Babys willen zu Haus hätte bleiben sollen, um das Baby zu besorgen. Aber- Ona mußte zur Arbeit und es Tuta Elzbieta überlassen, dem Kinde das blaßblaue Gift zu geben, das im Gemüseladen Milch genannt wurde. Onas Ent­bindung kostete so schon einen Wochenlohn. Sie mußte am zweiten Montag zur Fabrik, und das einzige, wozu Jurgis fie bewegen konnte, war, zu fahren und ihn hinterherlaufen zu lassen, um ihr zu helfen, wenn sie bei Browns ausstieg. Damit war alles gut, jagte Ona. Es war ja feine An­strengung, den ganzen Tag still zu siben und zu nähen. Wenn fie länger wartete, fönnte ihre schreckliche Aufseherin eine andere an ihren Blak sezen; das würde jetzt ein noch viel größeres Unglück bedeuten. Des Babys wegen mußten fie nun ja noch viel härter arbeiten. Es war eine so große Ver­antwortlichkeit sie durften das Baby nicht aufwachsen laffen, damit es darben mußte, wie fie es taten. Das war auch Jurgis erster Gedante gewesen er hatte seine Hände ge­ballt und fich für den Streit gewappnet, den er für das fleine bißchen menschliche Dasein fämpfen wollte.

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1906

fich, daß man in den Schweineschlachträumen die Zeit, in welcher die Schweine geschlachtet werden mußten, nach der Uhr bestimmte und daß fie fich täglich verringerte. Auch für Stüdarbeit wurde die Zeit reduziert, und dieselbe Arbeit dann wieder in fürzerer Zeit und doch für denselben Preis verlangt. Hatten die Arbeiter sich dann an die Schnelligkeit gewöhnt, reduzierten sie den Lohn im Vergleich zu der Ber­fürzung der Zeit! Sie hatten dies Mannöver in der Büchsen­abteilung so oft angewandt, daß die Mädchen beinahe ver­zweifelten. Ihre Löhne waren in zwei Jahren um ein Drittel zurückgegangen, und es braute fich ein Sturm der Unzufriedenheit zusammen, der eines Tages ausbrechen sollte. Einen Monat später, als Marija Fleischzurichterin geworden, traf die Büchsenfabrik, welche sie verlassen hatte, eine Ein­richtung, welche die Einnahmen der Mädchen fast um die Hälfte verfleinerte. Die Empörung darüber war so groß, daß die Mädchen ohne Unterhandlung hinausmarschierten und sich auf der Straße ordneten. Eins der Mädchen hatte irgendwo gelesen, daß eine rote Fahne das geeignete Sympol für unterdrückte Arbeiter wäre. Deshalb entfalteten sie jest so eine Fahne, und vor Wut heulend paradierten sie damit über die Höfe. Das Resultat war eine Gewerkschaft, aber der improvisierte Streit fiel in drei Tagen in sich zusammen, dank dem Zuzug neuer Arbeiter. Am Ende bekam das Mädchen, welches die Fahne getragen, in der Stadt eine Stellung in einem großen Laden, bei einem Gehalt von 22 Dollar die Woche!

Mit Unruhe hörten Jurgis und Ona diese Geschichten, denn wer fonnte wissen, wann es auch an fie fam. Ein- oder zweimal gingen Gerüchte um, daß eine der großen Häuser ihre ungelernten Arbeiter auf 15 Cent die Stunde herab­setzen wollten, und Jurgis wußte, daß, wenn es dazu fam, auch seine Stunde bald geschlagen hätte. Er hatte um diese Aljo ging Ona wieder nach Browns, wahrte ihren Blab Beit erfahren, daß Badingtown nicht eine Anzahl von Firmen und ihren Wochenlohn und zog sich damit das Leiden zu, das besaß, sondern nur eine große Firma-The Beef Trust". sich Tausende von Frauen unter denselben Umständen zu Jede Woche kamen die Leiter der Trusts zusemmen und ver­ziehen. Es ist schwer, in Worten zu sagen, was das für Ona glichen ihre Geschäftsnotizen, und es gab da nur einen Maß­bedeutete, es schien doch nur eine so kleine Unvorsichtigkeit zu stab für die Arbeiter in den Höfen, nur eine Richtschmur für sein, und die Strafe dafür war so groß, daß weder sie noch ihre Leistungen. Jurgis hatte gehört, daß sie auch die Preise jemand anders beides miteinander in Zusammenhang bringen feststellten, welche sie für Vieh zahlen und für das Fleisch fonnte. Frauenleiden!" Für Ona bedeutete es die Unternehmen wollten. Doch das verstand er nicht, oder er fragte fuchung bei einem Spezialisten, eine lange Behandlung, viel- nicht danach. Die einzige, welche sich vor einem Lohnschnitt leicht ein oder zwei Operationen, es bedeutete Schmerzen in nicht fürchtete, war Marija. Sie beglückwünschte sich, naiv Kopf und Rücken, Druck und Herzweh und Nervenschmerzen, genug, weil jemand kurz vorher auf ihrem Platz gewefen wenn sie durch den Regen zur Arbeit gehen mußte. Die und um ihretwillen entlassen war. Marija wurde eine ge­meisten Frauen, welche in Padingtown arbeiteten, litten an wandte Fleischzurichterin und hoffte zu steigen. Während demselben Uebel und hatten es aus derselben Ursache. Des- des Sommers waren Jurgis und Ona imftande gewesen, ihr halb ward es nicht für nötig gehalten, den Doktor zu fragen. den letzten Pfennig ihrer Schuld zu bezahlen und fie le te fich Statt dessen gebrauchte Ona Patentmedizinen, eine nach der ein Bankkonto an. Tamoszins besaß auch ein solches, mm anderen, welche die Freunde ihr anpriesen. Alle enthielten sie wetteiferten sie miteinander bei den Einlagen und berechneten Alkohol oder Schlafmittel, sie halfen ihr, so lange sie sie nahm. einmal über das andere ihre Haushaltungsuntoften. So jagte sie immer dem Phantom der Gesundheit nach, und verlor fie doch, weil sie zu arm war, um eine Stur zu ge­

brauchen.

11.

Während des Commers waren die Packhäuser in boller Tätigkeit, und Jurgis verdiente wieder mehr Geld. Freilich doch nicht so viel wie im vergangenen Sommer, denn die Bad­herren nahmen immer mehr Arbeiter an. Jede Woche kamen neue Männer an, nach einem regelrechten System. Man be­hielt sie alle in der folgenden flauen Saison, so daß jeder von ihnen weniger bekam als jemals zuvor. Früher oder später fefselten die Badherren durch dieses System alle laufende Arbeit von Chicago an ihr Wert. Und wie schlau der Kniff war! Die Männer mußten neue Arbeiter anlernen, die eines Tages ihren Streit brechen würden, und sie blieben dabei arm, so daß fie fich für den Streifversuch nicht vorbereiten fonnten. Aber man muß nicht glauben, daß dieser Ueber­fluß von Arbeitern eine Erleichterung für jemand war! Im Gegenteil, die Heßerei wurde immer toller. Beständig hatten fie neue Einfälle, durch welche die Arbeit vermehrt ward. Diese Hegerei wirkte gerade wie die Daumenschrauben der mittelalterlichen Folterkammer. Die Padherren nahmen mehr Antreiber auf und bezahlten sie besser. Sie hezten die Menschen mit neuen Maschinen zur Arbeit. Man erzählte

Der Besit eines größeren Wohlstandes erzeugt Sorgen und legt Verantwortlichkeit auf, das fand die arme Marija bald heraus. Auf Rat eines Freundes hatte sie ihre Er­sparnisse in die Bank an der Ashland Avenmue gelegt. Natürlich mußte jie weiter nichts, als daß diese Bank groß und imposant war. Was kann ein armes fremdes Arbeitermädchen mög­licherweise vom Bankgeschäft mehr verstehen, als daß ihr Geld in dem Hause ist? So lebte Marija in beständiger Angst, daß mit ihrer Bauf etwas passieren fönnte, und sie machte. jeden Morgen einen Umweg, um sicher zu sein, daß das Haus noch stände. Ihre Hauptfurcht bestand darin, daß ein Brand ausbrechen könnte, weil sie ihr Geld in Scheinen deponiert hatte und sich ängstigte, daß, wenn die Bank mit den Scheinen abbrennte, sie ihr keine anderen wiedergeben würden. Jurgis lachte sie aus, er war ein Mann und stolz auf seine höhere Renntnis; er erzählte ihr, daß die Bank fenerfeste Gewölbe hätte und alle ihre Millionen von Dollar darin ficher ver­steckt wären. Eines Morgens nun machte Marija den ge­wohnten Weg und sah mit Schrecken und Entseben eine große Menge Leute vor der Bank stehen. Alles Blut ver­schwand vor Schrecken aus ihrem Gesicht, sie stiirzte in die Wenge hinein, schrie die Leute an, um die Ursache zu er fahren, hörte aber gar nicht, was sie antworteten, das Ge­dränge wurde so arg, daß sie nicht weiter fonnte. Es war