Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 210.
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Der Sumpf.
Dienstag, den 30. Oftober.
( Nachdrud verboten.)
Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersetzung. Kalte Winde und verkürzte Tage kündigten den Winter an. Die Frist schien der Familie zu kurz, weil sie nicht Zeit genug gehabt hatte, sich für ihn vorzubereiten. Doch kam er, unerbittlich, und in die Augen des kleinen Stanislovas brachte er den gehetzten Ausdruck zurück. Auch Jurgis' Herz ward bei der Aussicht von Schrecken ergriffen, denn Ona war nicht fähig, den Kampf mit Kälte und Schneeschauern zu bestehen. Wenn ein Orkan kam, keine Bahn mehr ging und Ona nicht zur Arbeit konnte, so fand sie am anderen Lage ihren Blab besetzt. Was dann? In der Woche vor Weinachten fam der erste große Sturm; da erhob sich Jurgis' Seele wie ein erwachender Löwe. Vier Tage liefen die Wagen nicht, und in diesen Tagen erfuhr Jurgis zum erstenmal in seinem Leben, was es heißt, zu kämpfen und bekämpft zu werden. Er hatte vielen Gefahren ins Auge gesehen sie waren ihm wie Kinderspiel gewesen. Jetzt war es ein Todeskampf, und alle Furien waren in ihm entfesselt.
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1906
zu erreichen. Zufällig war ein eiliger Tag bei Durhams, und den ganzen Morgen humpelte er mit dem schmerzenden Fuße umber; mittags aber wurden die Schmerzen so groß, daß sie ihn fast ohnmächtig machten, und nach ein paar Stunden war er tatsächlich unterlegen und mußte es dem suchte den Fuß und befahl Jurgis, nach Hause und zu Bett zu Aufseher sagen. Es wurde nach dem Arzt gesandt; er untergehen; er fügte hinzu, daß er durch seine Narrheit wahrfcheinlich genötigt sein würde, monatelang im Bett zu bleiben. Für den Unfall konnten Durham u. Co. nicht verantwortlich gemacht werden, und weiter hatte der Arzt nichts damit zu tun. Irgendwie kam Jurgis heim; er konnte vor Schmerzen Kaum stehen und sein Herz zitterte vor Schrecken und Angst. Elzbieta half ihm ins Bett, fühlte den Fuß mit kaltem Wasser und nahm sich furchtbar zusammen, um ihm ihre Verstörung nicht merken zu lassen. Sie erwartete die anderen vor der Tür, um ihnen alles zu sagen, und auch sie machten ein hoffnungsvolles Gesicht und meinten, sie würden ihn schon durchbringen.
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feuer und besprachen das Unglück in angstvollem Geflüster. Aber als er eingeschlafen war, saßen sie um das KüchenSie waren in größter Not das war ganz klar. Jurgis hatte nur 60 Dollar auf der Bank, und die flaue Zeit war so Am ersten Morgen verließen sie zwei Stunden vor nahe. Jonas und Marija konnten zusammen nicht einmal Tagesanbruch das Haus. Ona war in all ihre Mäntel ge- genug für aller Unterhalt verdienen, und außerdem hatten widelt und lag wie ein Mehlsack an seiner Schulter; der sie nur Onas Einnahme und das bißchen des Knaben. Die Kleine Knabe, bis an die Nase eingebändelt, hing an seinen miete mußte bezahlt werden, der Rest für die Möbel, die Rockschößen. Ein rasender Sturm schlug ihm in das Gesicht, Versicherung und die Säcke voll Kohlen! Es war Januar, und das Thermometer stand unter Null. Der Schnee reichte mitten im Winterdie schrecklichste Zeit für Entbehrungen. ihm bis an die Knie, auf manchen Strecken bis zu den Armen. Der tiefe Schnee kam wieder und Ona durfte nicht mehr Er umflammerte seine Füße und suchte ihn umzureißen, erfahren. Sie verlor ihren Plates war ganz sicher! Der baute eine Mauer vor ihm auf, um ihn zurückzuschlagen, aber kleine Stanislovas begann zu schluchzen. Wer würde für ihn Jurgis warf sich pustend und knirschend vor Wut auf ihn forgen? Es war schrecklich, daß ein Unfall, an dem niemand wie ein verwundeter Büffel. Schritt für Schritt erkämpfte schuld war, solches Leiden verursachen sollte. er seinen Weg, und als er endlich bei Durhams ankam, taumelte er wie geblendet und lehnte sich an eine Wand, um feuchend Gott zu danken, daß das Vieh heute spät zu den Schlachtbänken fam. Am Abend gab es denselben Kampf, und weil Jurgis nicht wußte, um welche Stunde er fort fonnte, bat er einen Hallenbesizer für Ona um Erlaubnis, in einer Ede zu fizen und auf ihn zu warten. Einmal wird es 11 Uhr in der Nacht, bis sie heimkamen.
Der Orkan schlug manchen Mann aus der Arbeit, denn die um Arbeit bettelnde Menge draußen war niemals größer als jetzt, und die Badherren fadelten nicht lange. Als der Orkan vorüber war, sprang Jurgis vor Freude, denn er hatte dem Feinde ins Auge gesehen und hatte ihn besiegt, und er fühlte sich als Herr seines Schicksals. So mag einem Beherrscher des Waldes zumute sein, der seinen Feind im Kampfe tapfer überwältigt hat und doch zur Nachtzeit in einer Falle gefangen wird.
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Einen großen Schrecken gab es aber an den Schlacht bänken, wenn ein Stier ausbrach. Zuweilen zogen sie in der Hetze eins der Tiere heraus, ehe es ganz betäubt war, es kam dann wieder auf die Füße und rannte wild und finnlos umher. Ein Warnungsschrei ertönte die Männer ließen alles stehen und liegen und sprangen zu dem nächsten Pfeiler, glitten hier und da auf dem Boden aus und stürzten über einander. Das war schon im Sommer schlimm genug, wenn es hell war. Im Winter aber stiegen ihnen dabei vor Angst die Haare zu Berge, denn der Raum war so voller Dampf, daß sie nichts sehen konnten. Der Stier war freilich gewöhn lich blind und toll und hatte nicht die Absicht, jemanden zu verletzen. Aber die Möglichkeit war doch da, in ein Messer zu laufen, das ein anderer Mann in der Hand hat. Und dann der Gipfel der Furcht! Es konnte der Aufseher kommen und blindlings mit der Flinte dazwischen knallen.
Bei solch einem Aufstande war es, daß Jurgis in eine Fallgrube stürzte. Zuerst legte er keinen großen Wert darauf, als er wieder herausgekrochen war. Es war ja nur ein leichter Unfall, nur das Fußgelenk hatte er sich verstaucht. Es schmerzte, aber Jurgis war an Schmerz gewöhnt und verzärtelte sich nicht. Als er dann aber heimging, merkte er, daß er sich sehr verletzt hatte. Er konnte den Stiefel nicht anziehen. Selbst da fluchte er nur ein bißchen, wickelte den Fuß in alte Lumpen und humpelte hinaus, um den Wagen
Die Bitterkeit hierüber bildete nun auch Jurgis' tägliche Nahrung. Es hatte ja keinen Zwed, ihn zu betrügen; er kannte den Stand der Dinge so gut wie sie; er wußte, daß die Familie vor dem Verhungern stand. Die Qual fraẞ an feiner Seele. Nach zwei oder drei Tagen war er abgemagert. Für den starken Mann war es zum Verrücktwerden, so hülflos auf dem Rücken zu liegen, gleich einem gefesselten Prometheus. Afs Jurgis so lag, Tag für Tag, famen ihm Gefühle, die er früher nie gekannt. Bis jetzt hatte er das Leben willkommen geheißenes hatte seine Kümmernisse gehabt, doch keine, die ein Mann nicht überwinden konnte. Jetzt, in der Nachtzeit, wenn er sich unruhig hin und her warf, kam ein graues Phantom zu ihm in die Kammer, bei dessen Anblick sein Blut gefror und seine Haare sich sträubten. Es war ihm, als wenn die Welt unter seinen Füßen versänke und er in einen bodenlosen Abgrund, in die Höhlen der Verzweiflung stürzte. Jetzt glaubte er, was die anderen ihm gesagt, daß nämlich selbst die beste Kraft des Mannes das Unglück nicht besiegen kann. Es war wahr, daß man kämpfen mochte, fcviel man wollte, arbeiten, soviel man konnte- fallen würde man doch und zerschlagen werden! Wie eine eisige Hand griff der Gedanke an sein Herz, daß er und alle, die ihm lieb waren, in diesem unheimlichen Schreckenslande durch Hunger und Kälte umkommen mußten. Kein Ohr würde ihren Schrei hören, keine Hand sich ihnen hilfreich entgegenstrecken! Es war wahr, daß hier in dieser ungeheuren Stadt, mit ihren Lagern von aufgehäuftem Reichtum, menschliche Geschöpfe zu Tode gehetzt und durch die wilden Kräfte der Natur hingemordet wurden gerade, als ob sie in den Tagen der Höhlenmenschen lebten!
Ona verdiente jetzt 30 Dollar im Monat und Stanis lovas 13 Dollar. Dazu kamen Jonas' und Marijas Beiträge zur Hauswirtschaft mit 45 Dallar. Davon Miete, Zinsen, Abzahlung für die Möbel abgerechnet, blieben ihnen 60 Dollar, nach Abzug der Kohlenrechnung aber nur 50 Dollar. Sie entbehrten alles, was menschliche Wesen entbehren fonnten, sie gingen in alten, zerfumpten Kleidern, welche sie nicht vor der Kälte schützten, und wenn der Kinder Schuhe zerrissen waren, so banden sie sie mit Bindfaden zusammen. Halb invalid, wie sie war, ruinierte sich Ona da. durch, daß sie durch Regen und Kälte zu Fuß ging, weil