Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 220.

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Der Sumpf.

Dienstag, den 13. November.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersehung.

" Ich weiß nicht, ob Gesek gerecht, Ob es ein Unrecht doch,

Wir hier im Zuchthaus wissen nur, Daß unsre Mauern hoch,

Die Höll' zu hehlen tun sie wohl, Denn Dinge drin geschehen,

Die Gottessohn und Menschensohn Nicht sollten jemals sehen." 17.

1906

Aber nein, nicht für Jurgis läuteten die Glocken- δας Weihnachtsfest galt nicht für ihn, er zählte einfach nicht mehr Um sieben Uhr am nächsten Morgen wurde Jurgis mit. Auf ihn kam es nicht an; er wurde beiseite geworfen herausgelassen, um sich Wasser zum Aufwaschen seiner Belle wie ein Stück Abfall, wie das Gerippe irgend eines Tieres. zu holen, eine Pflicht, die er gewissenhaft erfüllte, während Es war fürchterlich, fürchterlich! Seine Frau konnte am die meisten Gefangenen sie so nachlässig ausübten, daß die Berhungern sein, sein Kind am Sterben, seine ganze Familie Aufseher schließlich einschreiten mußten, weil der Schmutz zu fonnte in der Kälte umkommen, und derweile läuteten groß wurde. Dann bekam er wieder, duffer and dope", sie ihr Christfest ein! Und welch ein bitterer Hohn darin und nachher gestattete man ihm, fich drei Stunden lang in lag, alles das gehörte zu seiner Strafe! Man brachte einem langen Hof mit Zementwänden und Glasdach Be­ihn an einen Ort, wo der Schnee nicht hineindringen konnte, wegung zu machen. Hier war es gedrängt voll von Zucht­wo die Kälte ihn nicht das Mark in den Knochen erfrieren hausbewohnern. An einer Seite des Hofes war die Stelle, lassen konnte, weshalb ums Himmels willen brachten sie wo die Gefangenen Besuche empfangen durften, doch waren nicht seine Familie ins Gefängnis und ließen ihn draußen, sie durch zwei auf Schrittlänge von einander stehende Draht­wenn er nun doch einmal bestraft werden sollte? Weshalb gitter von ihrem Besuch getrennt, so daß es unmöglich war, konnten sie keine bessere Strafart für ihn erfinden, als drei den Gefangenen irgend etwas zuzustecken; hier wartete Jurgis schwache Frauen und sechs hülflose Kinder dem Frost und voller Angst, aber es fam niemand, um ihn zu sehen. dem Hunger zu überantworten?

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Das war ihr Gesez, das war ihre Gerechtigkeit! Jurgis stand hoch aufgerichtet, bebend vor Zorn, die Hände geballt und die Arme gen Himmel gerect; seine ganze Seele flammte auf in Haß und Empörung. Zehntausend Flüche über sie und über ihre Geseze! Ihre Gerechtigkeit! Die war eine Lüge, eine Lüge, eine scheußliche, brutale Lüge, ein Ding so schwarz und hassenswert, daß es nur für eine Welt böjer Träume geschaffen schien! Es war alles Betrug und ekel­hafter Hohn! Es gab keine Gerechtigkeit, es gab nichts auf der Welt, was auch nur an Recht erinnerte, es war alles Gewalt und Tyrannei, der Wille und die Macht, beide rück­sichtslos und unbeschränkt! Sie hatten ihn mit ihrer Ferse in den Staub getreten, sie hatten sein inneres Wesen ver­zehrt; sie hatten seinen alten Vater ermordet, sie hatten seine Frau zugrunde gerichtet und zerbrochen, sie hatten seine ganze Familie gedemütigt und ruiniert; und nun sie mit ihm fertig waren, hatten sie keine Verwendung mehr für ihn; und weil er sich gegen sie aufgelehnt hatte, weil er ihnen im Wege war, hatten sie ihm dies angetan! Sie hatten ihn hinter eiserne Gitterstäbe gesetzt, als ob er ein wildes Tier gewesen wäre, ein Ding ohne Sinn und Verstand, ohne Rechte, ohne Zu­neigungen, ohne Gefühle. Nein, nicht einmal ein Tier würden sie so behandelt haben, wie sie ihn behandelten! Würde irgendeiner, der auch nur halbwegs bei Sinnen wäre, ein wildes Tier fangen und die Jungen dem sicheren Hunger­tode überlassen?

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Bald nach seiner Rüdkehr in die Belle öffnete ein Auf­seher die Tür, um einen anderen Gefangenen hereinzulassen. Es war ein schmucker junger Mensch mit hellbraunem Schnurr­bart, blauen Augen und einer hübschen Figur. Er nickte Jurgis nachlässig zu, um sich dann, als die Tür sich wieder geschlossen hatte, mit kritischer Miene umzusehen.

Na, Kam'rad," sagte er, als sein Blick abermals auf Jurgis fiel, Guten Morgen!"

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, Guten Morgen," sagte Jurgis.

Pech, gerade zu Weihnachten, was?" fügte der andere Jurgis nidte.

hinzu.

Der Ankömmling trat auf die Betten zu und besichtigte die Decken, er lüftete die Matraße und ließ sie mit einent Schreckensruf fallen. ,,, Herrgott!" sagte er, das ist denn doch die allerschlimmste bis jetzt!"

Er blickte wieder zu Jurgis hin. Sieht aus, als ob diese Nacht keiner drin geschlafen hätte. Konnten's wohl nicht aushalten, was?"

" Ich hatte diese Nacht keine Lust zum Schlafen," sagte

Jurgis.

Wann sind Sie hergekommen?" ,, Gestern."

Der andere sah sich nochmals um und rümpfte dann die Nase. Ein ganz verteufelter Gestank hier in dem Lokal," fagte er. Was ist das nur?"

Diese Mitternachtsstunden waren verhängnisvoll für Jurgis; in ihnen lag der Reim seiner Auflehnung, seiner Rebellion gegen alle Gesetze und seines Unglaubens. Er war nicht flug genug, um das soziale Verbrechen bis zu seinem fernen Ursprung zurück verfolgen zu können er konnte nicht sagen, daß es das ist, was die Menschen System" nennen, was ihn zu Boden drückte, daß es die Padherren, seinen Herren und Meister, waren, die das Landesgesetz er­fauft hatten und ihm nun von ihrem Richtersiz aus ihren es brutalen Willen als gutes Recht zu fühlen gaben. Er wußte nur, daß ihm Unrecht geschah und daß die Welt ihm Unrecht zugefügt hatte; daß Gesetz und Gesellschaft sich mit all ihren Machtmitteln als seine Feinde erklärt hatten. Und mit jeder Stunde wurde es schwärzer in seiner Seele, mit jeder Stunde regten sich in ihm neue Träume von Rache, von Troz, von wildem, rasendem Haß.

Gleich gift'gem Kraut die schlimmste Tat Blüht auf in Zuchthausluft;

Und was der Mensch noch Gutes hat,

Berliert dort Kraft und Duft.

Der Schmerz bewacht das schwere Tor,

Verzweiflung hält die Hut davor."

"

Ich bin es," sagte Jurgis.

Sie?"

Ja, ich."

Haben Sie sich denn nicht waschen müssen?"

" Ja, aber dies wäscht sich nicht ab."

"

Was ist es?"

"

Dünger."

" Dünger? Den Teufel auch, was sind Sie denn?" " Ich arbeite in den Schlachthöfen,

wenigstens tat ich

bis neulich, es steckt mir in den Kleidern."

Das ist mir denn doch neu!" sagte der andere. Ich dachte, ich wär schen mit allen Sorten zusammengekommen. Warum fißen Sie drin?"

" Ich habe meinen Herrn geschlagen."

Aha, so liegt die Sache! Was hatte er getan?"

Er er hatte mich gemein behandelt."

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" Ich verstehe schon. Sie sind wohl, was man einen red­

lichen Arbeitsmann nennt?"

,, Was sind Sie denn?" fragte Jurgis.

" Ich?" Der andere lachte. Sie nennen mich einen

Einbrecher," sagte er.

Ach!" sagte Jurgis.

Geldschränke und so was," sagte der andere.

O!" sagte Jurgis erstaunt und starrte den Gefährten daß-"

So schrieb Oskar Wilde in seiner Ballade vom Bucht- in scheuer Verwunderung an. Soll das heißen, daß Sie fie haus zu Reading";

aufbrechen, daß Sie-

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