Nnterhaltungsblatt des Horwarts Nr. 224. Sonnabend, den 17. November. 19VL

(Nachdruck verboten.) 831 Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. So kam er schließlich zu den Schlachthöfen, zu den schwarzen Nauchvulkanen, zu dem brüllenden Vieh und dem Gestank. Und als er einen überfüllten Stratzenwagen sah, konnte er nicht widerstehen, sondern stieg auf und verbarg sich, unbemerkt von dein Kondukteur, hinter einem anderen Mann. In zehn Minuten hatte er seine Straße erreicht und sein Haus. Er kam im Laufschritt um die Ecke herum. Da war endlich das Haus, doch plötzlich blieb er stehen und starrte es an. Was war nur mit dem Hause? Jurgis blickte zweimal genau hin; dann sah er ganz verwirrt die danebenliegenden Häuser an, und das Schank- lokal an der Ecke. Ja, es war ganz recht, er irrte sich nicht, ganz gewiß nicht. Aber das Haus das Haus hatte eine andere Farbe! Er ging ein paar Schritte näher heran. Ja: es war grau gewesen, und jetzt war es gelb! Die Fensterrahmen waren rot gewesen, und jetzt waren sie grün! Es war alles frisch gestrichen! Wie sonderbar das aussah! Jurgis ging noch näher heran, hielt sich jedoch an der anderen Seite der Straße. Plötzlich übermannte ihn eine furchtbare Angst. Seine Knie schlotterten, und in seinem Kopf schwirrte es. Neue Farbe am ganzen Hause und neue Wetterdächer, wo die alten schadhaft geworden waren, und der Agent war böse gewesen! Neue Schindeln auf dem Loch im Dach sogar auf dem Loch, das ihm sechs Monate lang das Leben zur Last gemacht hatte, weil er kein Geld hatte, um es machen zu lassen, und keine Zeit, um es selber zu machen, und weil das Regenwasser durchtropfte und die Schüsseln und Töpfe überliefen, die er hingestellt hatte, um es aufzufangen, so daß der ganze Boden durchnäßt wurde und der Mörtel sich aufzulösen begann. Und nun war es heil- gemacht! Und die zerbrochene Scheibe war ersetzt! Und Gardinen hingen an den Fenstern neue weiße, steife und blanke Gardinen! Da öffnete sich plötzlich die Haustür. Jurgis stand wie angewurzelt, seine Brust wogte, so heftig rang er nach Atem. Ein Knabe war herausgekommen, ein fremder Knabe, ein großer, dicker, rosiger Bengel, desgleichen man in seinem Hause nie gesehen hatte! Jurgis starrte den Jungen wie gebannt an. Er kam pfeifend die Treppe herunter und schob mit den Füßen den Schnee fort. Unten blieb er stehen, nahm eine Handvoll vom Boden auf und lehnte sich an das Geländer, während er einen Schneeball machte. Gleich darauf blickte er auf und sah Jurgis, und ihre Blicke begegneten sich, es war ein feind- seliger Blick, denn der Knabe schien zu denken, daß Jurgis einen Verdacht in bezug auf den Schneeball habe. Als Jurgis sich langsam anschickte, über die Straße hinüber auf ihn zu zugehen, blickte er sich rasch um, als ob er auf Flucht sänne, blieb dann aber doch stehen. Jurgis hielt sich an dem Geländer fest, denn er fühlte sich nicht ganz sicher auf den Beinen.Was was machst Du hier?" stieß er mühsam hervor. Ach was!" sagte der Junge. Du" Jurgis begann nochmals:Was machst Du hier?" Ich?" entgegnete der Knabe zornig.Ich wohne hier." Du wohnst hier?" keuchte Jurgis erblassend. Er war kreideweiß und klamnierte sich nur noch fester ans Geländer. Du wohnst hier? Wo ist denn meine Familie?" Der Knabe machte ein verwundertes Gesicht.Ihre Familie?" fragte er. Jurgis kam auf ihn zu.Ich dies ist mein Haus!" rief er laut und erregt. Nanu!" sagte der Knabe. Dann öffnete sich plötzlich die Haustür, und er rief:He, Mal Hier ist ein Kerl, der sagt, daß dies Haus ihm gehört." Eine dicke Jrländerin erschien auf den Stufen.Was gibt s?" fragte sie.

Jurgis wandte sich zu ihr.Wo ist meine Familie?" rief er verzweiflungsvoll aus.Ich habe sie hier verlassen. Dies ist mein Haus! Was machen Sie hier in meinem Hause?" Dir Frau starrte ihn erstaunt und angstvoll an, sie muß gedacht haben, daß sie es mit einem Tollhäusler zu tun hätte, denn Jurgis sah wie ein Wahnsinniger aus.Ihr Haus!" wiederholte sie. Mein Haus!" kreischte Jurgis.Ich wohnte hier, sag ich Ihnen!" Die Frau starrte ihn erstaunt und angswoll an, sie muß noch niemand gewohnt, das ist ein neues Haus. Man sagte es uns, man" Was haben Sie mit meiner Familie gemacht?" schrie Jurgis außer sich. Der Frau schien ein Licht aufzugehen, vielleicht hatte sie ihren eigenen Verdacht über das,>vasman" ihr gesagt hatte. Ich weiß nicht, wo Ihre Familie ist," sagte sie.Ich habe dies Haus vor drei Tagen gekauft, und es war niemand hier, und man sagte mir, es wäre ganz neu. Wollen Sie wirklich im Ernst behaupten, daß Sie es jemals gemietet hatten?" Gemietet!" keuchte Jurgis.Gekauft habe ich es» Bezahlt habe icg es! Es gehört mir! Und Sie mein Gott! Können Sie mir nicht sagen, wo die Meinen ge* blieben sind?" Es gelang ihr endlich, ihm begreiflich zu machen, daß sie von nichts wußte. Jurgis war so wirr im Kopf, daß er nicht imstande war, die Sachlage zu fassen. Es war, als ob seine Familie aus dem Leben fortgerissen wäre als ob sie sich als Traum-Menschen enthüllt hätten, die nie existiert hatten. Er war halb betäubt, doch plötzlich erinnerte er sich an Großmutter Majauskiene, die im nächsten Block wohnte. Die mußte es wissen! Er drehte sich um und rannte davon. Großmutter Majauskiene kam selbst an die Tür. Sie schrie auf, als sie den bebenden, wirr aussehenden Jurgis gewahrte. Ja, ja, sie konnte es ihm sagen. Die Familie war umgezogen, sie waren nicht imstande gewesen, die Zinsen zu bezahlen, und da hatte man sie in den Schnee hinausgejagt, und das Haus war frisch angestrichen und schon nach acht Tagen wieder verkauft worden. Nein, sie hatte nicht gehört, wie es ihnen ging, aber sie konnte ihm sagen, daß sie wieder zu Anicle Jukniene gezogen waren, bei der sie gewohnt hatten, als sie zuerst herkamen. Wollte Jurgis nicht herein- kommen und sich ausruhen? ES war wirklich zu arg, ja, wenn er nur nicht ins Gefängnis gemußt hätte. Und so wandte Jurgis sich ab und taumelte davon. Er kam nicht weit gleich hinter der Ecke verließen ihn die Kräfte ganz und gar, er setzte sich auf die Stufen eines Schanklokals, verbarg das Gesicht in den Händen und zuckte am ganzen Körper vor unterdrücktem, träncnloscm Schluchzen. Ihr Heim! Ihr Heim! Sie hatten es verloren! Schmerz, Verzweiflung und Wut überniannteu ihn, waS bedeuten selbst die qualvollsten Vorstellungen über alles mögliche gegen diese herzzerreißende, zerschmetternde Wirk- lichkeit gegen den Anblick von fremden Menschen, die sein Hans bewohnten, ihre Gardinen an seine Fenster hängen und ihn mit feindseligen Augen anstarrten! Es war un- geheuerlich es war undenkbar sie durften es nicht tun es konnte nicht wahr sein! Man denke nur, was hatte er in dem Hause durchgemacht, was für Qualen hatten sie alle um dieses Heims wegen gelitten, welchen Preis dafür gezahlt! Er machte die ganze lange Qual noch einmal durch. Die Opfer, die sie zu Anfang gebracht hatten, die dreihundert Dollar, die sie zusammengescharrt hatten, alles, was sie auf der Welt besaßen, alles, was zwischen ihnen und dem Hunger- tode stand! Und dann die Plackerei, von Monat zu Monat, um die zwölf Dollar zusammenzubringen, und die Zinsen, und von Zeit zu Zeit die Steuer, und alle anderen Kosten. und die Reparaturen, und wer weiß was alles! Hatten sie denn nicht alle Scelenkräfte an die Bezahlung des Hauses gesetzt? Sie hatten mit ihrem Schlveiß und Blut dafür ge- zahlt, ja, mehr noch, mit ihrem Herzblut! Dede Antanas war über den Kampf, das Geld zu verdienen, gestorben,