Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 234.

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Der Sumpf.

Dienstag, den 4. Dezember.

Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersehung.

War er doch sein Leben lang ein Landmann gewesen! Und nun hatte er seit drei langen Jahren keinen ländlichen Anblick gehabt, keinen ländlichen Laut vernommen. Mit Ausnahme jenes langen Marsches bei der Rückkehr aus dem Gefängnis, als er zu ermattet gewesen war, um auf irgend etwas zu achten, und der wenigen Male, als er sich in den städtischen Parks ausgeruht hatte, während er im Winter nach Arbeit fuchte, hatte er buchstäblich keinen Baum gesehen. Und jetzt war ihm zumute, wie einem Vogel, der von einem Sturm aufgehoben und davongetragen wird; jeden Augen­blick blieb er stehen und starrte irgend etwas voll Ver­wunderung und Entzücken an: eine Herde Kühe, eine Wiese mit Gänseblümchen, Hecken voll blühender wilder Rosen, fingende Vögelchen auf den Bäumen.

Dann kam er zu einer Farm und näherte sich ihr, nach­dem er sich sicherheitshalber mit einem Stod bewaffnet hatte. Der Farmer schmierte einen vor der Scheune stehenden Wagen, und Jurgis ging auf ihn zu. Ich möchte gern ein wenig Frühstück haben," sagte er.

Wollen Sie arbeiten?" fragte der Farmer. Nein," sagte Jurgis, arbeiten will ich nicht."

1906

grunzte er vor Befriedigung und spülte alles noch einmal durch, in der wilden Hoffnung, daß er auch den Düngergeruch loswerden könnte.

Er hing alles auf; und während seine Sachen trockneten, legte er sich wieder in die Sonne und tat abermals einen langen Schlaf. Sie waren oben heiß und steif wie ein Brett, als er aufwachte, und nur unten noch ein wenig feucht; aber er war hungrig, und so zog er sie an und machte sich wieder auf den Weg. Er hatte kein Messer, aber mit einiger Mühe brach er sich einen derben Stock, und so bewaffnet kehrte er auf die Landstraße zurück.

Nach einiger Zeit erreichte er eine große Farm und bog in den Weg ein, der auf den Hof führte. Es war gerade Nachtmahlzeit, und der Farmer wusch sich an der Küchentür die Hände. Bitte, Herr," sagte Jurgis, kann ich etwas zu effen bekommen? Ich kann zahlen." Worauf der Farmer unverzüglich entgegnete:" Wir füttern hier keine Land­streicher. Machen Sie, daß Sie fortkommen!"

Jurgis ging ohne ein weiteres Wort, doch als er um die Scheune herumfam, erblickte er ein frisch gepflügtes und ge­eggtes Feld, das der Farmer mit jungen Pfirsichbäumen be­pflanzt hatte, und im Vorübergehen riß er eine ganze Reihe mit den Wurzeln heraus, es waren wohl hundert Bäumchen geworden, als er das Ende des Feldes erreichte. Das war seine Antwort, und es war ein Beweis für seine Mann ihn schlug, so würde er jedesmal fein Teil davon­tragen.

" Dann können Sie hier auch nichts kriegen," sagte der Stimmung; von jetzt an wollte er kämpfen, und wenn ein Farmer grob.

Ich wollte dafür bezahlen," bemerkte Jurgis. " D!" sagte der Farmer; dann fügte er sarkastisch hinzu: Nach sieben Uhr morgens wird bei uns kein Frühstück serviert."

" Ich bin sehr hungrig," sagte Jugis ernst. Ich möchte mir gern etwas zu effen kaufen."

Fragen Sie die Frau," erwiderte der Farmer, indem er über seine Schulter nickte. Die Frau" war zugänglicher, und für eine kleine Münze erwarb Jurgis zwei dicke Butter­brote, ein Stück Pudding und zwei Aepfel. Er ging davon, indem er den Budding verzehrte, weil er sich am schlechtesten tragen ließ. Nach wenigen Minuten fam er an einen Fluß. er kletterte über einen Baun und ging auf einem Waldweg am Ufer entlang. Bald darauf fand er einen behaglichen Platz, und dort verschlang er seine Mahlzeit und löschte seinen Durst mit Flußwasser. Dann lag er stundenlang da und tat nichts weiter als schauen und genießen, bis ihm ganz schläfrig wurde und er sich im Schatten eines Busches niederlegte.

Als er erwachte, schien die Sonne ihm heiß ins Gesicht. Er stand auf und recte die Arme, und dann starrte er das vorübergleitende Wasser an. Gerade vor ihm war ein tiefer, stiller und geschützter Tümpel, und plöblich kam ihm ein überwältigender Gedanke. Er konnte ein Bad nehmen! Das Wasser war frei, und er konnte hineinsteigen,- ganz tief hinein! Und das würde das erste Mal sein, daß er wieder tief ins Wasser hineinging, seit er Litauen verlassen

hatte!

Als Jurgis zuerst nach den Schlachthöfen ging, war er so rein gewesen, wie ein Arbeiter es sein kann. Aber später­hin, als er frank und kalt, hungrig und entmutigt war, und feine Arbeit ekelerregend und seine Wohnung voll Ungeziefer war, hatte er sich im Winter überhaupt nicht mehr gewaschen und im Sommer auch nur so viel von seinem Körper, wie in eine Waschschüssel hineinging. Im Gefängnis hatte er ge­badet und sich abgeduscht, aber seitdem nie wieder,- und jetzt wollte er schwimmen

Das Wasser war warm, und er plätscherte vor lauter Freude wie ein kleiner Junge drin herum. Dann sette er fich nahe am Ufer ins Wasser und begann sich abzuscheuern,- ganz langsam und methodisch, Zoll für Zoll, mit Sand. Nun er einmal dabei war, wollte er es gründlich machen und sehen, wie ihm zumute sein würde, wenn er rein war. Er schrubbte sich sogar den Kopf und kämmte die sogenannten rumen" aus seinem langen, schwarzen Haar, indem er den Kopf so lange wie möglich unters Wasser hielt, um zu sehen, ob er fie wohl alle töten könnte. Darauf sah er sich nach der Sonne um, und da sie noch so schön warm schien, so nahm er seine Kleider vom Ufer herunter und begann sie Stüd für Stüd zu waschen; als der Schmutz und das Fett stromab floß,

Jenseits des Obstgartens durchquerte Jurgis ein Gehölz, kam dann über ein Feld mit Wintergetreide und befand sich dann plötzlich auf einer anderen Landstraße. Nach kurzer Beit erblickte er eine andere Farm, und da der Himmel sich zu bewölfen begann, bat er hier um Nachtquartier und um Essen. Als der Farmer ihn zweifelnd ansah, fügte er hinzu: Ich will gern in der Scheune schlafen."

,, Na, ich weiß nich," sagte der andere. Rauchen Sie?" " Manchmal," erwiderte Jurgis, aber ich werde es draußen tun." Als der Mann feine Einwilligung gegeben hatte, fragte er:" Wieviel wird es fosten? Ich habe nicht viel Geld?"

,, Na, ich denke, zwanzig Cent fürs Abendbrot," sagte der Farmer." Fürs Schlafen werd' ich Ihnen nichts anrechnen."

und einem halben Dutzend Kinder zu Tisch. Es war ein Jurgis ging also hinein und setzte sich mit dem Ehepaar reichliches Mahl: gebackene Bohnen, Kartoffelpüree, zer­zerschnittener und geftobter Spargel, eine Schüssel Erdbeeren, große, derbe Brotschnitten und ein Krug Milch. Ein solches Bankett hatte Jurgis seit seinem Hochzeitstage nicht mehr mitgemacht, und er gab sich alle Mühe, den Wert seiner zwanzig Cent herausschlagen.

Sie waren alle zu hungrig, um zu sprechen; aber nachher saßen sie auf den Stufen und rauchten, und da begann der Farmer den anderen auszufragen. Als Jurgis ihm aus­einandergesetzt hatte, daß er ein Arbeiter aus Chicago sei und noch nicht recht wisse, wohin er gehen wolle, sagte der Farmer: Warum bleiben Sie nicht hier und arbeiten für mich?"

" Ich sehe mich jetzt nicht nach Arbeit um," versetzte

Jurgis.

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Ich werd' Sie gut bezahlen," sagte der andere, indem er die stämmige Gestalt mit den Augen maß, ,, einen Dollar pro Tag und freie Station. Arbeiter sind hier jetzt fürchterlich rar!"

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Gilt das für Sommer und Winter?" fragte Jurgis rasch. " N- nein," erwiderte der Farmer, später als bis zum November könnt' ich Sie nich' behalten. Dazu ist die Farm nicht groß genug."

Ach so," sagte der andere. Ich dachte mir's schon. Wenn Sie Ihre Pferde zum Herbst nicht mehr brauchen, jagen Sie sie dann in den Schnee' raus?"( Jurgis hatte nämlich angefangen, selbständig zu denken.)

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" Das is' nich' ganz dasselbe," versette der Farmer, der die Pointe wohl berstand. Es wird doch in den Winter­monaten irgend' ne Arbeit geben, für einen starken Kerl wie Gie,- in den großen Städten oder sonstwo."