Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 242.

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Der Sumpf.

Freitag, den 14. Dezember.

Roman von Upton Sinclair . Autorisierte Uebersehung. ,, Mir nicht helfen? Aber warum denn nicht?" Warum? Weil er einer von Scullys einflußreichsten Leuten Warum? Weil er einer von Scullys einflußreichsten Beuten ist. Philip Connor. Heiliger Himmel!" Jurgis war ganz niedergeschlagen und traurig.

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1906

20 000 allein in Chicago , und von denen suchten jetzt viele in der Stadt Arbeit. Die einige Tage später erfolgte Be­endigung des Streiks, wodurch etwa die Hälfte der Streifen­den wieder eingestellt wurde, schaffte keine Abhülfe, denn für Die 10-15 000 Neger, Ausländer und Verbrecher waren sich jeden wieder Angestellten hatte ein Streifbrecher aufzuhören. nun selbst überlassen.

Nach ungefähr zehn Tagen hatte Jurgis nur noch ein ,, Er kann Dich ins Gefängnis bringen, wenn er will," erklärte Harper. Das war wirklich eine schöne Geschichte. paar Cent übrig, und er hatte noch keine Arbeit gefunden, nicht einmal für einen Tag, ja selbst keine Gelegenheitsarbeit Was soll ich denn aber machen?" fragte Jurgis zaghaft. Wie soll ich das wissen?" sagte Harper." Ich darf nicht hatte er bekommen können. Wieder einmal, genau so, als er einmal wagen, Bürge zu stehen, wenn ich nicht riskieren will, aus dem Hospital fam, waren ihm Hände und Füße gebunden, mich für das ganze Leben zu ruinieren." Kannst Du's und er stand dem graufigen Gespenst des Hungers gegenüber. Ein fürchterlicher Schrecken überfam ihn, eine wahnsinnige nicht doch für mich tun und vorgeben, daß Du nicht wußtest, Angst. Und so war er nahe daran, Hungers zu sterben. Der wen ich verlegte?" fragte Jurgis. Was würde denn das nuzen, wenn Du vor Gericht kommst?" fragte Harper. Dann Tod streckte seine dürren Arme nach ihm aus, berührte ihn, und er fühlte seinen Atem im Gesicht. Er schrie auf vor stand er einige Augenblide in Gedanken verjunken. Ich Grauen. Er bettelte um Arbeit, bis er fast vor Erschöpfung fann nichts anderes fun, als daß ich den zu hinterlegenden niedersant; er fonnte nicht ruhen, er mußte weiter wandern, Betrag herabzudrücken versuche," sagte er. Wenn Du dann fofort Geld bezahlen könntest, so werden sie Dich borerst abgezehrt und heruntergekommen, mit irrem Blick um sich laufen lassen." Wieviel wird es denn sein?" fragte Jurgis. schauend. Ueberall, wo er hinging, von einem Ende der Ich weiß nicht," entgegnete der andere; wieviel hast Du Stadt zum anderen, waren Hunderte gleich ihm, überall sah denn?"" Ich habe so ungefähr 300 Dollar," war die man überflüssige Menschenkinder, die die erbarmungslose Antwort. Gut," sagte Harper, ich bin nicht sicher, aber Hand der Behörden hinaustrieb. Als seine Barschaft bis auf ich will wenigstens versuchen, daß Du dafür loskommst. Um ein Geringes zusammengeschmolzen war, hörte Jurgis, daß, wenn die Bäckerläden nachts schlössen, alles, was noch übrig unserer Freundschaft willen werde ich das Risiko auf mich geblieben war, zu halben Preisen verkauft würde, und er ging nehmen, denn ich möchte nicht, daß Du für ein oder zwei hin, kaufte zwei Laib altgebackenes Brot für ein paar Cent, Jahre ins Gefängnis wanderst." Und so trennte schließlich Jurgis sein Bankbuch, das in brach sie in Stücke und stopfte sich die Taschen damit voll, von seiner Hose eingenäht war, heraus und unterschrieb einen Beit zu Zeit davon effend. Außerdem gab er feinen Heller Scheck über den ganzen Betrag, den Bush" Harper quittierte. aus, und nach zwei oder drei Tagen hatte er nicht einmal Dann ging Harper weg, holte sich das Geld und eilte nach ein Stückchen Brot. Er ging die Straßen entlang, sah gierig Dann ging Harper weg, holte sich das Geld und eilte nach in die Mülltonnen und suchte, ob etwas Genießbares darin dem Magistrat. Dort gab er die Erklärung ab, daß Jurgis ein anständiger Mensch und ein Freund von Scully sei, der wäre. Auf diese Weise fristete er sich noch einige Zeit hin. nur von einem Streifbrecher angegriffen worden sei. Die berlangte Hinterlegung wurde auf 300 Dollar herabgesetzt, und Harper leistete Bürgschaft für Jurgis. Er sagte dies Jurgis aber nicht, sagte ihm auch nicht, daß es eine Leichtig. feit für ihn gewesen sein würde, ihn auch ohne Geldbuße frei zu bekommen, und daß er die 300 Dollar als Belohnung für Das gehabte Risiko in seine eigene Tasche stecken würde. Alles, was er Jurgis sagte, war, daß er nun vorläufig frei sei, so rasch als möglich zu verschwinden. Jurgis nahm den Dollar und 14 Cent, die ihm von seinem Bankkonto blieben, und den Restbetrag von gestern abend, sprang auf einen Straßen­bahnwagen und fuhr ans andere Ende von Chicago .

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27.

Der arme Jurgis war wieder einmal ein Ausgestoßener, ja ein Landstreicher. Er war mit einem Male alles dessen beraubt, wodurch er imstande gewesen wäre, sich das Leben angenehm zu gestalten und den Folgen seiner Handlungen zu entgehen. Er konnte nicht länger mehr eine Stellung ein­nehmen, wie er sie wünschte, er fonnte nicht länger mehr frech Stehlen er mußte mit der angenommener großen Herde Laufen. Nein, schlimmer noch: er durfte sich nicht einmal unter sie mischen, er mußte sich vor ihnen verbergen, denn er war für den Untergang gefennzeichnet. So arbeitete auch er nun unter völlig veränderten Aussichten. Er war auf eine neue Lebensgrundlage gestellt, die nicht leicht geändert werden fonnte. Wenn er früher ohne Arbeit war, so war er zu­frieden, in einem Hausgange oder in einem Karren schlafen zu können, und wenn er 15 Cent pro Tag zum Kneipen übrig hatte, jetzt aber begehrte er alle möglichen Dinge und litt darunter, weil er sie nicht erlangen founte. Er mußte sich ab und zu ein Glas genehmigen. Er mußte trinken, und wenn es seinen letzten Groschen kostete und er den Rest des Tages zu hungern hatte. Jurgis belagerte aufs neue die Fabriftore; aber seit er in Chicago war, hatte er nie weniger Aussicht gehabt, Arbeit zu bekommen, als gerade jetzt. Denn jezt war eine wirtschaftliche Krisis; die Million oder gar zwei Millionen Menschen, die im Frühjahr und Sommer ohne Arbeit waren, konnten nicht untergebracht werden. Dann kam der große Streit, bei dem 70 000 Männer und Frauen hier eine Reihe von Monaten im ganzen Lande ohne Arbeit waren,

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Einige Tage lang ging er ständig hungernd umher, wurde schwächer und immer schwächer; und eines Morgens begegnete ihm ein Mißgeschick, das ihn beinahe gänzlich zu Boden drückte. Als er eine Straße entlang schlich, an deren beiden Seiten große Warenhäuser lagen, bot ihm jemand Arbeit an; aber nachdem Jurgis angefangen hatte, wurde er wieder weggeschickt, weil er nicht kräftig genug war. Er war verloren und gerichtet, es gab feine Hoffnung mehr für ihn! Gerade um diese Zeit hatte eine der Chicagoer Beitungen, die sich viel des armen Volkes annahm, eine Suppenfüche zugunsten der Arbeitslosen eröffnet. Einige sagten, daß die Zeitung dies der Reklame halber veranstaltet habe; andere wieder meinten, daß sie sonst befürchtete, alle ihre Leser würden verhungern. Welches aber auch der Grund sein mochte, die Suppe war kräftig und heiß, und wer nur wollte, der konnte während der ganzen Nacht einen Topf voll davon bekommen. Als Jurgis die Tatsache von einem Gefährten erfuhr, gelobte er sich, mindestens ein halbes Dugend Töpfe vor dem nächsten Morgen auszulöffeln. Aber es stellte sich heraus, daß er sich schon glücklich schäßen durfte, nur einen einzigen zu erwischen, denn eine große Zahl von Männern stand in der Reihe vor ihm, und die Reihe war immer noch fast gleich lang, als die Küche bereits geschlossen wurde. Bis jetzt war das Wetter schön gewesen, und Jurgis hatte jede Nacht auf einer freien Baustelle schlafen können; aber die Vorboten des Winters stellten sich bereits ein, fröstelnde Winde kamen von Norden her und sturmpepeitschter Regen stellte sich ein. An jenem Tage faufte sich Jurgis, um ein Dach über sich zu haben, zwei Glas Bier, und in der Nacht gab er seine letzten zwei Cent in einer Kneipe für ein Stehbier hin. Er tat dies in einer Kneipe, die von einem Neger ge­halten wurde, der umherging und die Bierüberreste aus den Fässern sammelte, die vor den Kneipen umherlagen, und nach­dem er dieses Gemisch mit Chemikalien behandelt hatte, um es wieder schäumend zu machen, es zu zwei Cent die Kanne verkaufte. Der Kauf des Bieres schloß das Privilegium ein, die Nacht auf dem Boden der Kneipe mit einer Menge her­untergekommener, ausgewiesener Männer und Frauen au­bringen zu dürfen.

Während dieser falten Zeit hatte Jurgis eines Tages tatsächlich um sein elendes Leben gebettelt und nicht eine