Zlnterhallungsklatt des Horwärts Nr. 245 Mittwoch � den 19 Dezember. 1906 � Der Sumpf. Roman von Upton Sinclair . Autorisierte llebersetzung. „Aber vielleicht ist die Mandschurei Euren Blicken zu weit entfernt— kommt mit mir hierher nach Chicago . Hier in dieser Stadt find heute nacht zehntausend Mädchen in un- reinen Häusern eingesperrt, die vom Hunger getrieben ihren Körper verkaufen. Und wir wissen es und treiben unseren Spaß damit. Und diese unglücklichen Geschöpfe tragen die Züge Eurer Mütter, sie können Eure Schwestern, Eure Töchter sein. Das Kind, dessen lachende Augen Euch am Morgen grüßen werden, mag vielleicht einmal demselben Schicksal ent- gegensehen. Heute nacht sind in Chicago zehntausend Männer obdachlos, heruntergekommen, betteln um Arbeit und hungern doch, die Schrecknisse der fürchterlichen Winterkälte vor Augen. Hunderttausend Kinder mühen heute nacht ihre schwachen Kräfte ab und werden um ihre Jugend betrogen, nur um Brot �zu verdienen. Hunderttausend Mütter, die in Elend und Schmutz leben, nehmen den schrecklichen Kampf auf, um nur so viel zu verdienen, ihre Kleinen ernähren zu können. Da find Tausende von alten Leuten beiseite gestoßen und hülflos, die auf den Tod als einen Erlöser von ihren Qualen warten. Da sind eine Million Menschen— Männer, F sauen und Kinder,— die unter dem Joch der Lohnsslaverei seufzen. um nur so viel zu verdienen, daß sie davon ihr Leben fristen können— Menschenkinder, die bis ans Ende ihrer Tage ver- dämmt find zu eintönigem Leben voll Mühsal, Hunger und Elend, Schmutz und Krankheit, Unwissenheit, Trunkenkeit und Laster. Und dann wendet mit mir daS Bild um und blickt auf die andere Seite. Da sind tausend, vielleicht zehntausend, die die Herren dieser Sklaven sind, die den Lohn ihrer Mühsal ernten. Das. wovon sie leben, verdienen sie nicht. Ihre einzige Sorge besteht darin, das Geld auszugeben. Sie leben in Palästen, sie schwelgen in Genußsucht und Der- schwendung. wie Worte sie nicht beschreiben können. Sie geben Hunderte von Dollars für ein Paar Schuhe, ein Taschen- tuch, ein Strumpfband auZ, sie verschwenden Millionen für Pferde, Automobile und Dachten, Paläste und Festlichkeiten, für winzige Edelsteine, ihren Körper damit zu schmücken. Alles gehört ihnen. Der Farmer pflügt seinen Boden, der Bergmann wühlt in der Erde, der Weber sitzt hinter seinem Webstuhl, das Genie erfindet, der Kluge leitet, der Weise studiert— und alle Früchte dieser Arbeit des Gehirns, der Muskeln laufen in einem ununterbrochenen Strom zusammen, der da in den Schoß jener Leute fließt. Das ganze Heil der menschlichen Gesellschaft liegt in ihren Händen. Die ganze Arbeit der Welt hängt von ihnen ab, und gleich gierigen Wölfen schlingen sie alles in sich hinein. Dreht und wendet es, wie Ihr wollt, die Menschheit lebt und ssirbt für sie. Sie haben die Macht der Regierung gekaust, und überall benutzen sie die geraubte und gestohlene Macht, um ihre Privilegien fester zu umgrenzen, und die Kanäle zu vertiefen, durch die der Fluß des Gewinnes ihnen zuströmt. Und Ihr Arbeiter! Ihr sollt mir geboren werden, um immer nur an die Mühen des kommenden TageS zu denken? Ist hier unter Euch ein einziger, der glaubt, daß das für immer weitergehen darf? Daß die Ernte der Arbeit der Menschheit nicht auch der Menschheit gehören müsse, um ihren allgemeinen Zielen zu dienen? Daß sie nicht von dem Willen der Allgemeinheit gelenkt und geleitet werde? Wenn es aber nicht immer so bleiben sollte, wie es jetzt ist, welche Macht will denn die neuen Forderungen durchsetzen? Werden sich etwa Eure Herren dazu bequemen? glaubt Ihr, daß sie jemals den Frei- brief Eurer Freiheit schreiben werden? Werden sie ihren Reichtum anwenden, um Schulen für Eure Belehrung zu bauen? Werden Le in Zeitungen Eure Fortschritte hinaus- rufen in alle Welt, und werden sie politische Parteien für Eure Zwecke bilden? Könnt Ihr denn nicht einsehen, daß diese?lufgabe Eure herrlichste Aufgabe ist. die Ihr jemals ausführen dürstet? Könnt Ihr denn nicht begreifen, daß, wenn sie je zur Ausführung kommt, dies nur unter dem heftigen Widerstand der Reichen und Herrschenden geschehen wird, unter Schimpf, Haß und Verfolgung, unter der Peitsche und im Kerker? Das Ziel wird erkämpft werden mit dem Gelde, das der Hunger zusainmenscharrte, durch die Er- fahrungen, die dem Schlafe gestohlen sind, durch die Ge- danken, die sich unter dem Schatten des Galgens entwickelten." „Es wird eine Bewegung sein, die in der Tiefe ihren Anfang nimmt, ein scheues und verachtetes Ding, ver- abscheuenswert, den Ausdruck der Rache und des Hasses tragend. Aber es wird Euch Arbeiter, Euch Lohnsklaven, mit einer gebieterischen Stimmer rufen, der Ihr nickt entrinnen könnt, wo Ihr auch immer sein mögt, mit der Stimme alles des Unrechts, das Euch je zugefügt wurde, mit der Stimme Eurer Pflicht und Eurer Hoffnung. Die Stimme des Riesen Arbeit wird erschallen, verachtet, beschimpft und doch mächtig gigantisch. Ein Traum an Widerstand peitscht den Ar- beiter empor, Hoffnung kämpft in ihm mit Furcht, bis er plötzlich aufschnellt und ein Schrei sich seiner Kehle entringt, hörbar bis zum entferntesten Ende dieser Erde. Und imt Blitzesschnelle wird der Traum zur Wirklichkeit. Er regt sich, schnellt empor, und die Ketten liegen zerschmettert, die Fesseln fallen von ihm ab, er erhebt sich turmhoch, springt wie ein Gigant auf die Füße und schreit seine Freude in die Welt hinaus in unendlichem Frohlocken." Des Redners Stimme brach plötzlich ab, unter der Kraft seiner Gefühle. Er stand da, die Arme über sich ausgereckt, und die Macht seiner Vision schien ihm vom Boden empor- zubeben. Die Versammlung sprang auf mit einem wahren Beifallssturm, die Männer reckten ihre Arme laut lachend vor innerer Erregung. Und Jurgis war unter ihnen, er schrie aus vollem Halse, schrie, weil er sich nicht anders zu helfen wußte unter der Uebergewalt der in ihm aufgewühlten Ge« fühle. Das war mehr, als er ertragen konnte. Nicht allein des Mannes Worte, nein, seine bloße Gegenwart, seine Stimme mit seltsamer Betonung, die durch die Seele klang wie Glockengeläute, hob den Hörer mit kräftiger Hand und ließ ihn aufzucken wie unter einer Offenbarung überirdischer Dinge, über die er nie zuvor gesprochen hatte,— Dinge voller Weh und Schrecken. Weite Ausblicke eröffneten sich plötzlich vor den Augen Jurgis, während sein vergangenes trpuriges Leben wie ein Nebel verschwand. Er fühlte sich erhoben, ein Aufruhr und Zittern ging durch seinen Körper, er fühlte sich plötzlich nicht länger mehr als ein einfacher Mann. Mächte wachten in ihm auf, von denen er nie geträumt hatte, teuflische Kräfte stritten in ihm, und er saß da. überwältigt von Schmerz und Freuds. Alle seine alten Hoffnungen, sein alter Kummer, alle seine Wut stürzte auf einmal über ihn her und bewegte ihn in schier unbegreiflicher Weise. Daß er so gelitten hatte, war schlimm genug. Aber daß er dadurch ganz zugrunde ge- richtet und geschlagen sein sollte. daS war etwas, was ein menschlicher Geist nicht fassen konnte.„Was", sagt der Prophet,„ist der Mörder, der den Körper tötet, gegen den, der die Seele tötet?" Und Jurgis war ein Mann, deffen Seele getötet worden war, der aufgehört hatte zu hoffen und zu känipfen.— der mit der Verzweiflung längst abgeschlossen hatte. Und nun wurde ihm Plötzlich in erschütternder Er- rcgung alles klar. Er stand da mit aufgehobenen Händen, die Amgen blutunterlansen. die Adern traten ihm an den Schläfen hervor, und er schrie wie ein wildes Tier— rasend, toll. Und als er nicht mehr schreien konnte, stand er still da und flüsterte nur leise zu sich� selbst:„Bei Gott , bei Gott, bei Gott !" 29. Der Redner hatte sich in den Hintergrund der Tribüne zurückgezogen, und Jurgis bemerkte, daß seine Rede zu Ende war. Der Beifall dauerte wohl mehrere Minuten lang. Irgend jemand begann plötzlich einen Gesang, den die Menge aufnahni. Jurgis hatte ihn nie vorher gehört, und er konnte die Worte nicht ganz verstehen. Aber die wunderbare Melodie,— ihre Wildheit riß ihn mit � es war die Marseillaise . Als Vers auf Vers durch die Halle tönte, saß er still, die Hände gefaltet. Er zitterte durch alle Nerven. Er war in seineni ganzen Leben nie so erregt gewesen— ein Wunder war mit ihm geschehen. Die ganze Welt hatte sich für ihn verändert,— er war frei, frei. Er hatte nicht umsonst gelitten, er hatte nicht vergebens gedarbt und ge- hungert, er wußte, welche Erkenntnis er sich daimt errungen
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23 (19.12.1906) 245
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