Hlnterhallmgsblatt des Worwärts Nr. 23. Freitag, den 1. Februar. 1907

(Nachdruck verboten.) 23] JVIadame cTOra. Roman von Johannes V. Jensen. Madame d'Ora fängt gleichsam an. sich obenauf zu fühlen. Ihre Beobachtungsgabe kommt ihr wieder, and während sie Frau Carthys harmlosem Geschwätz ein höfliches Ohr zu- wendet, ohne länger acht darauf zu geben, richtet sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die beiden Gestalten dort mitten im Kreise, auf Eld und Edmund Hall. Sie stehen nebeneinander vor dem kleinen Tisch mit Edmunds Apparaten, und in seiner ganzen Haltung liegt dies Fürsorgliche, das niemand besser kennt als Madame d'Ora , derselbe Ausdruck einer neuen, völligen und frischen Hingebung, den sie einmal bei ihm an- gebetet hat, der aber jetzt an ihrer Seele frißt. So neigte er auch vor Mirjam das Haupt an jenem Tage, als sie zusammen Seifenblasen machten, mit dieser selben unendlich feinen und vertraulichen Scheu, die Mirjam zu einem neugeborenen und schmetterlingsbeschwingten Wesen machte und ihn selber zu dem einzigen, der fein und jung genug war, um der Stim- mung der Flüchtigkeit keinen Abbruch zu tun. Dainals enipörte es sie, erweckte die dumpfe Brutalität ihrer Natur, weil sie sich benachteiligt glaubte, weil sie niemand den Schatz von Edmund Halls Aufmerksamkeit gönnte, aber auch, weil sie. die sie sich nach einem andern Gesetz erneuerte, im geheimen Edmund Hall verachtete, wenn er sich als blinder Anhänger mit irgend einer Schönheit im lebenden Bilde aufstellte. Madame hatte ja in seinem Wesen nie etwas anderes als die Rolle sehen können, wenn sie selber nicht mit im Spiele war. Hier aber beugt sie sich! Denn mit Eld kann sie sich nicht ver- gleichen: hier ist ihrer barbarischen Logik Einhalt geboten. Während sie die beiden ansieht, Edmund Hall und das Geister- mädchen, überkommt sie in dem Interesse des Paares eine Ge- mütsbewegung, die so zusanimengesetzt und fremd ist, daß sie sich nur ihres eigenen Anteils daran, der Neugier und des Entsetzens bewußt wird. Sie lieben sick. denkt sie. Mein Gott, sie lieben sich! Im selben Augenblick, wo sie das weiß und iiber den ersten vernichtenden Eindruck hinweggekommen ist, hat sie ein Gefühl, als sei ihre Neigung für Edmund Hall auf Eld übergegangen, sie ist tief und unwiderstehlich gerührt, ihr ganzes Wesen strömt in Teilnahme über. Sie glüht für Eld, sie fühlt sich mit ihrem ganzen unlogischen, fanatischen Frauenherzen zu dem weißen Mädchen hingezogen.... Ach, wie schön sie ist," stammelt sie vor sich hin mit weh- mütigem Ausdruck. Ja, ist sie nicht entzückend," quiekt Frau Mc Earthy dicht an Madame d'Oras Ohr, so daß ihr Atem ihre Wange berührt. Madame schüttelt sich. Aber sie senkt den Kopf: Ja," flüstert sie. So war Madame d'Ora für den radikalen Spiritismus gewonnen, indem sie von dem Unfaßlichen, dem Unmöglichen gelähmt und von ihrem Schönheitssinn befreit war. Aber ihre Natlirtriebe hatten noch nicht gesprochen. 11. Die Sitzung gestaltete sich zu einer der sonderbarsten und großartigsten, die der Kreis bisher erlebt hatte. Es schien, als ob der ElektrizitätSgehalt der Atmosphäre, der Barometer- stand und die erschlaffende Hitze des Tages zusammen die günstigsten Bedingungen für die Mysterien der Stoff- Umsetzung, die chemischen und physischen Verwandlungen bildeten, die mit Fräulein Karekin im Kabinett als Zentrum von dem Kreise ausgingen. Eld, der materialisierte Geist, das längst akzeptierte Wunder der Sitzungen, gab Edmund Hall zu erkennen, daß sie heute zuerst die Blumen erscheinen lassen wolle. Dies hatten sie schon früher gesehen, indem Eid zuweilen Rosen aus einem Wasserglas genommen und sie verschiedenen im Kreise gereicht hatte, heute aber meinte sie, daß der Zustand des Mediums sie instandsetzen werde, viel größere Dinge zu tun. Sie bat, daß man ihr ein wenig Sand und Wasser in den Kreis bringen möge. Hall holte einen Porzellancimer mit Wasser und stellte ihn an die Erde neben den Tisch. Sand konnte er dahingegen nicht gleich beschaffen, und da meinte Eld, daß sie es auch wohl entbehren könne. Sie

wünschte, daß der Eimer ein wenig weiter zurück, näher an das Kabinett heran, gestellt werde, und Hall stellte ihn einen Fuß davon entfernt, ein wenig seitlich, man konnte ihn in der Dunkelheit gerade erkennen. Schon während diese Vor- bereitungen vor-sich gingen, hatte Madame d'Ora eine Luft- Veränderung gespürt, über die sie sich nicht recht klar wurde, bis sie sah, wie mehrere im Kreise sich bewegten, als ob auch sie etwas empfänden: da sog sie die Luft ein und merkte, daß es Bliimengeruch war, der anfing, das Zimmer zu erfüllen. Nach einer Weile schlug ihr eine Welle schweren, süßen Wohl- geruchs entgegen, der ihr bekannt erschien, und gleichzeitig fühlte sie, wie drückend die Hitze im Raum war. Sie brach in Schweiß aus, ihr Blut flammte in ihre Haut hinein... und mm hüllte der Duft sie wieder ein, so daß sie nichts weiter atmete: es war dieser erstickende und süße Lilienduft, der ein ganzes Meer von Blumenhauch enthält, aber er war von nächtlicher Färbung, so daß man ihn begehrlich und bange trank. Eld hatte den Eimer mit einem Teil ihrer weiten Schleiergewandung bedeckt, der Stoff lag leicht darüber, so daß man nur gleichsam in einen großen Hausen Spinnen- gewebe hineinsah. Sie glitt dann in das Kabinett hinein, und man hörte einen Augenblick Mirjam da drinnen seufzeil und im Schlaf jammern. Eld kam gleich wieder heraits und nickte Hall kräftig zu: Es ist gut! Musik!" Hall wandte sich an den Kreis und bat die Mitglieder, nicht an das zu denken und ihre Aufmerksamkeit nicht zu stark auf das zu lenken, was Eld vorhatte, da Erfahrungen aus früheren Sitzungen gelehrt hatten, daß das die Prozesse erschwerte. Um die Nerven des Kreises zu harmonisieren und von dem Unterbewußtsein zu befreien, von dem alle Materialisation abhängig war, wollte er Madame d'Ora vorschlagen, zu singen. Er sah Leontine an, und sie war so- gleich bereit, stand auf und folgte ihm an das Harmonium. Wie es hier nach Blumen duftet I" flüsterte sie.Es ist doch erstickend. Nicht wahr?" Hall nickte und hielt seinen Kopf wie jemand, der die Spannung vor dem Gewitter fühlt. Er war sehr blaß. Als Leontine sich gesetzt hatte und anfing zu präludieren, kehrte er zu Eld zurück, die mit gesenktem Haupt dastand, die um- gekehrt gefalteten Hände vor sich haltend. Abgesehen von der Musik war es still im Laboratorium. Hin und wieder schnüffelte jemand leise, als lvolle er seinen Eindruck von dem Vorhandensein dieses mystischen Blumenduftes erneuern. Er war jetzt zeitweise fast betäubend, kam in heißen Wellen, als ränge er sich von irgend einem Mittelpunkt los. Während Madame d'Ora auf dem Harmonium tastete und suchte und in ihrer Erinnerung forschte, um etwas zu finden, was sie singen könnte, hörte sie den Lärm der Stadt da draußen, er klang gleichsam erstickt, durch die niit Läden geschlossenen Fenster. Es iiberkam sie eine Sehnsucht nach Freiheit. Es klang wie Meeresbrausen tief unter einer Felsklippe. Jedesinal, wenn der I�-Zug voriiberdonnerte, erzitterte das Haus und es war, als ob der Lärm durch das Mauerwerk heraufdringe wie der Laut einer Welle, die an das Ufer treibt. Madame spielte weiter und ging in einen breiten, altmodischen Ton iiber, jetzt wußte sie. was sie singen wollte. Das Harmonium gehorchte ihren Händen, sauste und seufzte, wie sie wollte. Sie sang: ES wiegte sich manch tüchtig Schiff Auf Wellen frisch und blau, Und an dem harten Steuer ward Schon mancher Schiffer grau, Kolumbus auch trieb einst das Herz Voll Sehnsucht auf das Meer, Im ewig wandelnden Mondenlicht Fuhr suchend er umher. Christoph Kolumbus fühlte sich Am wohlsten schon als Kind, Wenn durch der Wogen Mähne pfiff Heihoh! der wilde Wind. Doch als er ergraut, da packte ihn Ein Sehnen nach dem Glück. Nach etwas Ewigem, da? in un? Kehrt ewiglich zurück.