Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 26.

20]

lange an.

Mittwoch, den 6. Februar.

( Nachdrud verboten.)

Madame d'Ora.

Roman von Johannes V. Jensen, Eld lächelt eigenartig warm und schwermütig, sieht Hall Wir werden uns trennen müssen," flüstert sie. Und als sie sieht, wie es ihn erschüttert, lächelt sie mit heißen Augen und läßt langsam ihr Gesicht hintenüber sinken, wie um allein zu sein. Ihr voller und roter Mund öffnet sich leise, sie kann nicht weinen. Endlich schleudert sie ihr langes Haar zurück und richtet sich wieder auf, fie lächelt lautlos und entschwindet in der Dunkelheit, aus der ihre Augen hindurch­schimmern, schmerztrunken.

Kommst Du nicht wieder?" fragt Hall. Sie nicht.

Ja. Aber jekt muß ich gehen."

Vor dem Kabinett stehend, verschwindet sie ganz all­mählich. Sie wird nach und nach undeutlich wie eine weiße Wolfe und sinkt gleichzeitig zusammen, wird kleiner und kleiner. Ihre dunklen Augen und der Mund, der so reich und so traurig ist, schwinden zuletzt in dem dunklen Raum dahin. Bald ist nur noch ein niedriger Nebelhaufen auf dem Fußboden, der schnell zusammenschrumpft und ganz weg ist. Der Kreis atmet auf, seufzt, schweigt.

Während der letzten Minuten hat man Mirjam drinnen im Kabinett jammern und weinen hören, niemand aber hat darüber nachgedacht, alle Aufmerksamkeit war auf Eld ge­richtet. Aber gleich nachdem sie verschwunden, ist es, als höre man Mirjam näher und mit größerer Wirklichkeit, fie feufzt so herzzerreißend in dem dunklen Kabinett, jammert und heult ohnmächtig wie ein Kind. Plötzlich schreit sie laut dadrinnen. Edmund Hall tritt einen Schritt vor, um nach dem Kabinett zu gehen, und mehrere im Kreise fangen an, sich von den Stühlen zu erheben, im Gefühl, daß hier ein Unglück passiert ist.

Und nun geschieht etwas sehr Unheimliches.

Hall steht still, und ein Schrei dringt aus dem Chor, wildes Frauenzimmergefreisch, aus dem man Madame d'Oras Töne wie einen in einer Orgelpfeife heraus­hört und die Ausrufe aredens und Entsetzens der Männer. Vor dem Kabinect regt ein weibliches Wesen, halb nackend und in ihrem Blute schwimmend. Sie sieht aus wie ein ganz gewöhnliches junges Mädchen, das nur mit einem Hemd bekleidet ist, sie trägt lange, schwarze Strümpfe mit blauen Schleifen überm Knie. Die nadten Arme find bon oben bis unten blutig und hängen mit tropfenden Fingern herab. Das Hemd klebt am Körper und trieft von dickem, spiegelrotem Blut. Eine Schnittwunde klafft am Halse von einem Ohr zum anderen, und von hier aus quillt das nasse Blut an ihr herab. Das Gesicht ist zu einem ent­feglichen Ausdruck von Atemnot erstarrt, und der Mund steht willenlos offen, rund wie ein Ring in der Qual des Todes. Unter der Stirn, die schon den fahlen Schimmer der Leiche trägt, liegen die halbgebrochenen, sterbenden Augen. Sie macht keine Bewegung, und sie ist nur eine Sekunde sichtbar, dann verschwindet sie ganz, berschwindet, als sei sie nie da gewesen. Aber ihr Anblick hat wie eine gewaltsame Offen­barung von des Lebens Wirklichkeit und Grausen gewirkt. Sie ist in ihrer elenden Nacktheit erschienen, entkleidet, sie hat sich gezeigt, ihr widerliches, rotes Innere nach außen gefehrt. Es ist ein Mensch, den man gemordet hat, ein blutiges Schlachtopfer, es ist ein Mädchen von der Straße, und sie ist nicht schön, nein, sie ist ein gewöhnliches Geschöpf mit unschönen Knien und vorstehendem Bauch. Aber sie ist entleibt worden, und sie klagt an. Sie kommt stumm, den Todesschatten über den armen Augen, die, während sie lebte, wohl faum etwas anderes als törichte und schmukige Vor­stellungen erglänzen machten, denen aber nun auf entseßliche Weise ihr Recht geworden ist

...

Elly Johnson!" rief iemand zwischen den Schreienden. Es ertönte ein Knall, und eine Flamme schlug in die Höhe wie bei einem elektrischen Sturzschluß, jemand

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1907

hatte die Stühle verlassen und war auf einen Kontakt im Fußboden getreten, die Umzäunung war überschritten. Hall zündete die Bogenlampe an. Die Panik löste sich in Verwirrung und lautes Schwaben auf. Hall stellte sich ruhig an seinen Tisch, ruhig und mit eisiger Miene wie ein Mann, dessen Selbstbeherrschung fast das Bewußtsein aufhebt. greifen, er aber hatte Sinn für nichts, er beugte sich herab Madame d'Ora näherte sich ihm und wollte seine Hand er­und schrieb mit einem Bleistift auf ein Papier. Inzwischen schoben, und Mirjam schwankte heraus. Sie stand da und wurden die Vorhänge zu dem Kabinett auseinander ge­wandte ihr feuchtes Gesicht von der einen Seite nach der anderen wie eine Blinde, ihre Pupillen waren bis unter die Brauen hinaufgezogen, sie sant mit dem Körper und dem Salse vornüber, als fönne sie ihr Gewicht nicht tragen, fie tastete mit dem einen Fuß vor sich hin... plöblich beruhigten sich ihre Züge, ganz langsam sant sie zu Boden. Da trat Hall schnell an sie heran, untersuchte sie. Sie schlief gesund und natürlich. Hall winkte Frau Mc Carthy geistesabwesend

zu, daß sie sich ihrer annehmen solle. In diesem Augenblick fing jemand an, die Fenster von den Vorhängen zu befreien. Trotz des starken elektrischen Lichtes schlug der Tag herein wie ein Flammenschwert, wie ein beißender Schmerz. Die Mitglieder des Kreises zerstreuten sich im Labora­torium, während die Laden eine nach der anderen zurück­geschlagen wurden. Der Tag, den alle auf zwei bis drei Stunden vergessen hatten, drang jezt mit einer ungeheuren, entblößenden Kraft herein. Jetzt faben sie sich. Und es fam ein Augenblick, wo sie alle stehen blieben, jeder in seiner Stellung, und sich gegenseitig anstarrten; da glichen fie einer Gruppe von Sittlichkeitsverbrechern in einem Panoptikum. Sie waren alle vollständig abgespannt und schlaff, ohne Beichen von Leben in den Augen, ausgemergelt wie tot­geklemmte Razen, fie glichen ihrer eigenen Asche. Aber sie waren entzückt, und als sie sich verabschiedeten und gingen, schwatten sie, schwatzten sie, einen Bungenfchler hatten sie nicht.

Edmund Hall war mit seinen legten Kräften an ein Bort in der Ecke getreten, da stand er, eine Whiskyflasche vor dem Munde, er sog wie ein Schiff, das leck ist.

Sonnenuntergang in New York . Den Raum vor Halls Fenstern, der tief und luftig ist wie von dem Gipfel einer steilen Felsklippe, durchzuckt ein scharlachrotes, wildes Licht, ein Feuerschein; es ist, als erinnere sich des Abends die Erde ihres Urzustandes.

Die hohen, steilen Häuser starren tausendfenstrig und fohlschwarz beschattet. Die Brooklyner Brücke spannt ihre schwindelnd kühne Luftpassage mystisch durchglüht und ver­schwommen zwischen den beiden Stadtteilen, die sich über ihr bermischen und tief unten, wo der Schatten schon herrscht, fließt der Strom reißend und start mit heulenden Fähren und Buafierbooten. Ein schwerer Dampfer mit von Salz graugefärbten Seiten schleicht sich in dem schwindenden Tageslicht langsam den Fluß hinauf.

Durch die offenen Fenster streicht hin und wieder ein Hauch von dem Atem der arbeitenden Stadt, ein Geruch nach Holz, wie im jungen Lenz in den norwegischen Wäldern, wenn die Wärmeentfaltung des Sprossens und Knospens die Luft mit einem Dunst von Schwefel und Effig erfüllt. Die Hiße des Tages ist im Begriff, einer erquicklichen Kühle Plaz zu machen.

Die rote Dämmerung, die vom westlichen Himmel herab­finft, begegnet dem schneeweißen Licht der Stadt. Weit draußen im Hafen, in dem verblassenden Fahrwasser steht die Freiheitsstatue, der weibliche Koloß, patinagrün, und sendet einen weißen, ruhigen Funken auf das Meer hinaus.

Aber nachdem die Sonne untergegangen ist, und die Stadt in Dunkelheit gehüllt daliegt, und alle Flammen an­gezündet find, bildet sich eine grünlich blaue, fast durch. fichtige Luftschicht über New York . Sie sieht aus wie das Gas von rauchfreiem Pulver, alle Dinge sind vollkommen fichtbar darin, flimmern und eilen aber mit einer ungeheuren Intensität jetzt ist der gewaltige Schuß des New Yorker Tages gelöst! Jezt ist die langsame Explosion, die alle Häuser und Pflaster erhitte wie Büchsenläufe, überstanden.