Hlnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 29. Sonnabend, den 9. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 29] Mäame d'Ora» Roman von Johannes V. Jensen, „Wenn man minderwertige Leute aus seinem Kreise ausscheiden sollte, würde man sich eine fatale Majorität zu Feinden machen," sagte Hall und lachte leise.„Du bist in- konsequent, Leontine, natürlich. Was meinst Du mit G e- s i n d el? Mein Kreis ist gerade so zweckmäßig wie möglich zusammengesetzt. Diese Menschen haben nicht wie wir, wenigstens nicht wie ich, ihre Dummheit und Bosheit ein- gebüßt, und ohne diese Elemente kann man keine ganzen Menschen wieder hervorbringen. Sie sind töricht und aber- gläubisch, ihre Gehirnzellen liegen noch flach aufeinander wie Geldstapel, sie haben nichts gegeben; aber sie haben den Vogel Rok in sich und die große Seeschlange, ihre Phantasie ist prädarwinistisch, d. h. sie besitzen noch alle Variations- Möglichkeiten. Sie sind Gottlob gierig und neidisch und voller Liigen. Es sind tiefe Menschen. Laß sie mir bitte! Na- türlich riechen sie nicht angenehm, und es ist gerade nicht das, was ich unter Glück verstehe, mich zwischen ihnen zu bewegen, ihrem Geschivätz ausgesetzt..." „Ja, aber lvas willst Du denn eigentlich erreichen?" „Erreichen? Was kann man weiter erreichen, als sich weniger zu langweilen? Die ganze Erde ist entdeckt— ausgenommen die Pole, auf denen wir ja möglicherweise noch Diamantberge finden können— ich freilich glaube, daß sie flachgedrückt sind— ich bin fast überall gewesen, ich bin fpcktranalytisch durch das Weltall gereist, es gibt nichts mehr, keine Hoffnung auf Erneuerung. Warum da die Zukunft nicht in dem Uebernatürlichen suchen? Unsere EntWickelung führt geradeswegs dahin. Bisher sind wir uns alle darin einig gewesen, das Leben zu genießen, niemand ist aber auf den Einfall gekominen, den Tod selbst zu genießen. Er kann für die Menschheit erobert werden. Du schüttelst den Kopf, Du verstehst mich nicht. Ich bin kein Mystiker, ich denke an den neuen Typus, auf den wir als Folge der EntWickelung gefaßt sein miissen. Woher sollte er sein Material beziehen, wenn nicht gerade aus unseren Abnormitäten, unserer Auf- lösung? Du weißt wohl, daß der durchschnittliche Verstand der einen Generation so ungefähr den Geisteskrankheiten der voraufgehenden entspricht; wenn Du es nicht weißt, so lang- weile Dich über die banalen Wahrheiten, die die Denker der Vorzeit mit Aufbietung aller Kräfte hervorbrachten. Oder überzeuge Dich davon, wie sehr Idioten oft Affen ähneln. Gut, ich erwarte, daß meine Entdeckungen in bezug auf den Stoff der Chemie neue Wege erschließen werden, und gleich- zeitig hoffe ich, die Menschheit zu der nächsten Entwickelungs- stufe vorwärts zu führen— die möglicherweise jenseits dessen liegt, was wir den Tod nennen." '„Du wirst stets einsam sein, trotzdem, Edmund, selbst „jenseits". Hast Du mir nicht erzählt, daß Dich nichts so peinigt wie die spiritistische Literatur, die voll von der ge- wöhnlichsten Erbauungsfaselei ist. Das kannst Du von Deinen Geistern erwarten." „Wer sagt, daß ich an„Geister" glaube? Wenn Du Dir einen Orang-Utang vorstellen kannst, der an Menschen glaubt, so weißt Du, was ich meine." „Ja. aber die Geisterwesen, die wir bei den Sitzungen erscheinen lassen, sind doch tote Menschen, haben friiher gelebt." „Was verstehst Du unter toten Menschen? Der Tod ist ein physisches Blendwerk. Hier ist der Punkt, auf den ich meine Untersuchungen richte. Ob mich der Kreis, das Medium oder die Geister langweilen, ist eine ganz andere Frage." „Ja, Edmund. Jetzt sprichst Du aber doch nicht von Elb..." Leontine sah ihn vorsichtig an. Seine Züge ver- schlössen sich. „Darf ich Dir etwas sagen?" fragte sie. „Nein." „Ich sage es trotzdem," rief sie lauter und mit einem zornigen Aufblitzen in den Augen ans.„Ich will es sagen, ehe ich gehe. Du sollst ein Ende mit Eld machen, Edmund, Du mußt es. Ihr müßt Euch haben. Ich habe das Recht, Dir einen Rat zu geben. Könnt Ihr Euch denn nicht b» kommen? Gibt es denn keine Möglichkeit?" „Es gibt zwei Möglichkeiten," sagte Hall und hielt ruhig! Leontinens robustem Blick stand.„Zwei und nicht mehr." „Die eine ist?" „Daß ich ein Mittel finde, Elbs Menschlichkeit zu fesseln. Ich muß die Materialisation stabil machen. Das ist für mich ein chemisches Problem. Leider scheint es, als könne das nur auf Kosten von Mirjams Gesundheit geschehen, vielleicht auf Kosten ihres Lebens. Ich weiß übrigens bis jetzt weder aus noch ein, ich sehe das Problem und weiß, daß es gelöst werden kann." „Und die andere Möglichkeit, Edmund?" Hall zog die Brauen zusammen und sah Leontine gerade in die Augen: „Es ist die, daß ich auf Elds Seite übergehe." Ein Schrei durchzuckte Leontine, aber sie blieb voll- kommen ruhig sitzen, als sei sie besorgt, ihm durch ihre Angst den festen Grund unter den Füßen zu rauben. Sie nickte mit einer klugen und besonnenen Miene. „Das Experiment solltest Du lieber m i r überlassen." äußerte sie, und indem ein Gedanke sie durchzuckte, fuhr sie heftig zusammen. Sie veränderte den Gedankengang mit großer Willensanstrengung und fuhr in leichtem Ton fort: „Ja, mein Freund! Uebereile Dich nur nicht! Ich kann es begreifen, daß Du Eld liebst, sie ist reizend. Dünne ist sie— wie mir scheint— da ist gar nichts. Aber... Nun! Wenn Du sie nun also liebst. Du sagtest vorhin, es gebe nur zwei Möglichkeiten, Edmund,— ich finde, da ist eine dritte." Sie richtete ihre Augen dreist, fast mit Kälte auf ihn. Er stand fragend da. „Kaufe das Dutzend Plebejer! Kaufe sie. Du hast ja Geld genug, oder Du kannst zu dem Zweck einige Kilo Radium zu Geld machen. Stelle ein Himmelbett mitten im Kreise auf oder baue das Kabinett um... so lange Eld materialisiert ist, ist sie körperlich genug, ich habe sie selber befühlt, da ist, was da sein soll. Kaufe sie, stopf ihnen den Mund mit Dukaten, so lange es währt... ich werde Mendel- söhn auf dem Harmonium spielen... Ach nein, ich will hinaus und auf den Wellen rollen, ich will nach memer eigenen großen, grünen See hingus. Hah!" Mit einem Schnauben und einem Heulen fährt sie von dem Stuhl auf und wirbelt sich um sich selbst durch das ganze Zimmer. Hall legt die Hand über seine müden, geschwollenen Augen. Als er hört, daß sie ruhig wird, sieht er auf. Sie steht neben dem Kabinett und hebt die Vorhänge mit einem Finger in die Höhe, sieht zu dem Diwan und den Borten hinein. Leise schleicht sie davon und nähert sich der Orgel, ihre Lippen bewegen sich, sie spricht mit sich selber. Sie schlägt eine Taste an, läßt sie aber wieder los, als habe sie sich verbrannt. Als sie wieder zurückkonimt, ist sie gefaßt, aber es funkelt etwas Gefährliches in ihrem Blick, das Hall kennt und wogegen er sich wappnet, indem er jeden Ausdruck in dem seinen ersterben läßt. Leontine setzte sich, lautlos in allen Bewegungen. Sie preßte beide Arme gegen ihre Brust, sah Hall an, nickte, blinzelte. „Ich liebe es, geliebt zu werden," sagte sie und ihr Kopf bebte auf dem Halse, sie lächelte wie ein Kind.„Ich liebe Wärme, ich liebe Lachen und frische Zähne und sorglosen Appetit. Weißt Du, wenn jemand flüstert:„Ich liebe Dich!" so werde ich ein reiches Geschöpf, ich werde gut und gehorsam, fast ohne Rücksicht darauf, wer es ist. Das erste Mal, wenn jemand es sagt, zittere ich.— Acki, selbst wenn ich sehr wohl sehe, daß es unwahr oder frech ist— das zweite Mal, wenn er sagt:„Jck> liebe Dich!" werde ich so schwach, so schwach, und das dritte Mal, wenn er sagt:„Ich liebe Dich!" falle ich wie ein großer Baum. Ja. Aber ist Zwang nicht schrecklich, Edmund— Gewalt? Denke, wenn jemand schlagen lvollte, denke, wenn jemand gegen meinen Willen--" Sie wurde leichenblaß. „Was willst Du nur, Leontine," fragte Hall Verwunderl. „Was redest Du nur auf einmal?" „Nichts. Mir ist wohl nicht ganz wohl. Edmund.
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24 (9.2.1907) 29
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