Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 36.
36]
Mittwoch, den 20. Februar.
( Nachdrud verboten.)
Madame d'Ora.
Roman von Johannes V. Jensen. d'Ora lächelte Hall zu, liebevoll, aber mit ein wenig verzerrten Zügen, sie blieb liegen und dachte nach. Dann kroch fie ein wenig vorwärts, wandte den Kopf um und sah ihn an: Ich will es nur einmal versuchen. Ich fürchte mich vor Wasser, ja, ich kann kein Wasser sehen..."
Sie frümmte ihren starken Rücken und machte einen Sprung auf allen Vieren, vom Wasser weg. Ihre beiden Knie platten mit einem„ Ratsch" durch das dünne Kleid, und im selben Augenblick sprach Todesangst aus ihren Augen, und sie sprang weiter. Sie zog den Kopf herunter, zwischen die Arme, starrte Edmund an:
11
Wau!" bellte sie. Wau!" Leontine, so komm doch her!"
Sie machte einen Sprung rückwärts. Wuff! Wau, wau! Hrrrr..." Sie schleppte sich näher heran.
Rrrrrrr..
„ Leontine!"
"
Da streckte sie die Kehle lang aus, und während ihr ganzes Gesicht leichenblaß wurde, brach sie in ein jammerbolles Geheul aus, das immer wilder wurde, sie warf sich herum und lief eine Strecke weg, schüttelte den Kopf und blieb auf allen Bieren stehen..
A- ahl Huh! A- ah! Huh!"
Sie erblickte das Automobil und lief an eins der Räder heran, schlug ihre Zähne in den Gummiring und rüttelte daran, so daß der ganze Wagen klirrte, knurrend blieb sie daran hängen. Ihr Haar löste sich auf und die weiße Mähne umwallte ihren Kopf. Da wollte Hall sie packen und ihr Vernunft zureden, sie aber sah ihn mit einem wahnsinnigen Blick an und rannte ihm unter den Händen weg; fie lief eine fleine Strecke, warf sich dann mit einem klagenden Geheul platt ins Gras, bohrte das Gesicht in den Erdboden.
Als Hall fam und sie aufhob, leistete sie keinen Widerstand, sondern wandte sich selbst um. Die Augen sahen vernünftig auf. Der weit aufgesperrte Mund war voll von Erde und kleinen Steinen. Er half ihr in eine sigende Stellung, und sie spie die Erde aus, legte sich dann wieder hin und ruhte. Sie schwiegen. Endlich erhob sie sich auf die Knie und sah Hall lächelnd an.
Ich wollte es einmal ausprobieren," stammelte sie. Sie saß eine Weile da, grub dann plößlich die Finger m den Rasen und stopfte wieder Gras und Erde in den Mund, knirschte mit den Zähnen darauf herum.
,, Nein," bat er ,,, nein, Leontine!"
Sie spie es zögernd aus.
Es schmeckt gut," sagte sie und nickte ihm überzeugend zu. Ich habe übrigens schon lange alle möglichen Sachen gegessen, Kohlen, Asche, das kommt wohl daher, weil ich ein Kind haben soll.. Ich wollte es Dir eigentlich nicht erzählen, Edmund."
,, Sollst Du ein Kind haben?"
" Ja, Edmund. Ich soll unseren kleinen Sohn haben. Aber nun wird ja nichts daraus."
Er sank vor ihr zusammen, er kniete nieder. Als er fich immer nicht rührte, nahm sie seinen Stopf und legte ihn in ihren Schoß. Sie saß da und sah auf seine offenen Augen nieder, die von ihr wegstarrten.
Warum weinst Du nicht?" fragte sie mit einer unheimlichen Stimme, und als er sich nicht rührte, überkam sie selber das Weinen wie ein Stoß, fie weinte bitterlich, den gesenkten Kopf von all dem weißen Haar umwallt.
,, Ach," schluchzt sie und wirft das Gesicht zurück. Ich bin unglücklich!"
Plößlich hält sie inne mit dem Weinen und sitt da denkt nach.
und
Ich werde meinen Jungen nicht zur Welt bringen," flüstert sie.„ Nein, ich werde es nicht tun. Ich hatte mich dazu gefreut, ihn auf fleinen Beinen herumtorfeln zu sehen, mit ihm in den Bark zu fahren, und..."
1907
Ihre Stimme ward leiser, flüsternd sprach sie mit sich selber. Sie war so müde und kraftlos, daß sie die Worte kaum zu formen vermochte.
Endlich schwieg sie. Nach einer Weile fing sie an zu zittern. Hastig strich sie über Edmunds Haar.
„ Es kommt wieder," flüsterte sie. Mir wird so sonderbar. Wuff!"
Sie bezwang fich mit Mühe, schloß den Mund ganz fest, aber es stieß in ihrer Brust. Sie versuchte zu lachen, aber das Lachen ward ein rauhes Röcheln. Sie zitterte vor Kälte. Und da sie keine Luft bekommen konnte, brach sie in ein bitteres, angestrengtes Bellen aus:
Ah- uf! Wau, wau! Wuff!"
Edmund richtete sich auf und stand da und sah sie an. Ihre Augen fingen an, wild zu blicken. Sie legte sich auf die Hände nieder, weinte trocken und qualvoll.
Ich kann nichts dafür, Edmund. Ich glaube, mir fehlt eigentlich gar nichts. Ich bin nur so elend. Mein Herz will nicht mehr.
Sie schnappte noch ein paarmal nach Luft, schien es dann aufzugeben und blieb liegen, mit furzem, ringendem Atmen. ,, Willst Du sterben?" fragte er.
Ja."
Sie erhob sich mit einem Sanglaut, saß auf den Knien und sah ihn glücklich an. Ja! Hab Dank, Edmund!"
Er ging an den Wagen und suchte in den Vorratskörben, die außen herunter hingen, fand ein Gewehretui und nahm die einzelnen Teile einer Doublette heraus, die er zusammensette. Die Läufe gaben einen Ton von sich wie im Schlaf. Er steckte zwei Patronen hinein. Leontine lag auf den Knien im Grase und sah ihn an.
,, Schieße mich nicht in den Leib," bat sie." Schieß mich ins Herz."
" Schließe die Augen!" sagte er fühl. Sie schloß die Augen und lehnte das Gesicht lächelnd hintenüber. Er schoß fie aus geringer Entfernung in die linke Seite der Brust. Die Hagelladung ging quer durch sie hindurch, sie war augenblicklich tot, lag in einem Haufen da, der ein wenig zitterte und zuckte, bis er ganz still ward. Das weiße Haar verbarg ihr Antlig.
Edmund öffnete das Gewehr und nahm die rauchende Stapfel heraus, er hatte nur den einen Schuß abschießen wollen, aber sie waren beide losgegangen. Er lud von neuem, versuchte, ob er den Hahn erreichen konnte, wenn er die Läufe gegen die Schläfe hielt und kam zu der Ueberzeugung, daß es am besten sei, die Waffe unter das Kinn zu halten. Da fiel sein Blick auf Leontine. Ein purpurroter Blutstrom quoll unter ihr auf und schlängelte sich wie ein großer, lebendiger Wurm durch das Gras.
,, Au!" dachte er, sah zum Himmel empor, sah sich in dem entsetzlich öden Raum um. Er beugte sich herab und versuchte, Leontine in die Höhe zu heben, um sie in Schutz zu bringen. Er konnte sie nicht unter offenen Himmel liegen lassen. Sie war zu schwer für seine Kräfte, aber er hob sie schließlich auf und legte sie in das Automobil. Er setzte sich und legte einen Hebel nach unten. Und die Maschine ging mit voller Kraft rückwärts, drehte sich herum, verlor die Balance an dem Abhang, stürzte und blieb liegen; die Räder sausten in der Luft herum. Hall wurde gewaltsam an den Erdboden geworfen, fam aber nicht unter den Wagen zu liegen. Nachdem er einige Minuten ohnmächtig gelegen hatte, stand er auf und sah sich um, ohne zu wissen, wo er war. In weiter Ferne sah er bewohnte Stätten und nun schleppte er sich vorwärts, um dorthin zu gelangen.
16.
Mason fand ihn in dem unbewohnten Hause draußen auf Long Island auf einer Kiste in der leeren Stube ſizen. Es war in der Dämmerstunde. Hall wußte nicht, wie er dahin gekommen war, und welcher Instinkt ihn dahin geführt hatte. In einem der Augenblicke, wo er sich gleichsam mit sich selbst idenfizierte und übersah, was er zulegt unternommen hatte, entsann er sich, daß er sich an den Nesseln verbrannt hatte, als er in den Garten hineinging. Im übrigen war er ganz flar. Das Gedächtnis wirfte nur in langen Zwischenräumen