Mnterhaltungsblatt des vorwärts

Nr. 42.

Donnerstag, den 28. Februar.

1907

lNachdruck verboten).

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Die alte Urude. Von Timm Kröger.

-Anna," sagte Trien Paulse»! zu ihrem Töchterchen, ,, bat's Merra, roop Vadder!" Bei Trien ging es immer auf den Glockenschlag. Fünf Minuten vor halb zwölf wurde Vater gerufen: wenn er in die Küche gekommen war und sich die Hände wusch(die halbe Stunde war inzwischen voll geworden), dann trug sie die Suppe auf. Roop Vadder," sagte Trien Paulsen zu Anna. Anna lief, so hurtig wie die flinken Füße nur wollten, über die Diele und aus dem Dielentor über die Hofstelle. Eine gelbe Henne flüchtete und verschwand mit großem Ge- schrei um die Hausecke zwischen Streudiemen und Schweine- koben. Anna aber sprang auf den Wall, der Hofstelle und Koppel trennte, und rief in den Nebel hinein:Vadder, dat's Merra!" Js good!" klang es von einer Stelle her. wo der Nebel am dichtesten war. M!an hörte, wie jemand die Karre niedersehte, den Spaten einsetzte: dann trat Vater aus dem Nebel heraus und ging auf Anna zu. Hans Paulsen-war ein kräftiger, bäurischer Mann in den besten Jahren. Er steckte in der kleidsamen Tracht von Blauleinen, die Hosen waren in die kurzen Schäfte seiner Stiefel gesteckt. Er verließ seine Arbeit wie einer, dem die Mahlzeit eine unliebsame Unterbrechung ist, der sich freut, bald wieder an- fangen zu dürfen. Er war dabei, wie er sich ausdrückte, mit Gottes Erdboden herumzukarren, und mit Gottes Erdboden karren, tat er zu gern. Wenn in den Ländern an der Wasserkante die Winter- saat bestellt worden ist, wenn es keine dringenden Arbeiten mehr gibt, wenn die üblichen Herbstnebel(sie ziehen in der Regel bis Weihnachten hin) die Natur grau anstreichen, dann fing Hans Paulsen an, mit Gottes Erdboden herumzuwirt- schaften. Denn das Vieh besorgen und was sonst im Hause zu tun war, machte das Frauenvolk spielend ab. Hans Paulsen gehörte zu den Bauern, die für gerade Linien schwärmen. Seine Weide hat an Lerchs Koppel einen Buckel und in der Mitte eineLunk", das heißt ein Loch, eine Vertiefung, worin sich zeitweilig Wasser ansammelte. Nun war es seit Jahren sein Vorsatz gewesen: der Buckel soll verschwinden und auch das Loch, der Buckel soll das Loch ausfüllen. Und nun war er schon ein paar Jahre jedesmal ein paar Wochen dabei, den Buckel in die Tiefe zu karren. Die gute Ackererde wurde dabei hüben wie drüben zurück- gelegt und auf die Ebene wieder aufgelegt, damit nichts umkomme und alles fruchtbar und tragend bleibe. Wenn Hans die Arbeit in Tagelohn durch fremde Leute hätte ausführen lassen sollen, so würde es sich kaum gelohnt haben. Nun aber, da er es selbst tat, kam es ihm wie ge- schenkt vor. Den dicken, grauen Nebel liebte er und hielt ihn für gesund, darin fühlte er sich frisch und wohl. Im Nebel beschwerte ihn weder die Kälte, die im strengen. Winter allem um ihn her einen tönernen Klang gab, noch die Hitze, die sich im Sommer unter den Kleidern ausstaute. Und dann liebte er das, wäs der Nebel mit sich bringt, die Stille, die Einsamkeit. Wenn er nicht weiter als zwanzig Schritt sah, wenn er mitten drin in dem grauen Wolkengerinsel steckte, dann ging bei ihm die Gleichung auf, hie in jedes Menschen Brust nach einer Lösung sucht. Jmmenheide hieß der noch wenig angebaute Sandrückcn, auf dem Hans Paulsens Kate lag. Und an der laug aus- gedehnten Landstraße war durchschnittlich alle fünf Minuten .Wegs ein einsamer Katenbesitz hingestreut. Ruhig und versonnen war auf solchem Fleck das Leben immer: im Hcrbstnebel kam es, wenn er den Buckel wegkarrte, zu Hans in ganz kleinen Pulsschlägcn her. Nach Osten fiel das Land gleich von seiner Weide weg hinab, und dicht an seiner Grenze wuchs ein kleines Wäldchen mif, in dem ein Elsternpaar hauste. Das schrakelte öfters aus: der Laut fiel hart auf Hans Paulsens Trommelfell.

-Er hörte es gern, freute sich und segelte mit der Karre auf 1 dem Laufbrett nach der Lunk donnernd hinab. Nachbar Thießen, der wohnte etwas weiter na'chs Norden hin, war kein so ganz kleiner Bauer, er hielt aber an der alten Mode fest, er wollte keine Maschine und drosch mit der Hand. Die ganzen Tage, wo Hans gekarrt hatte, war er nicht mehr aus der Melodie der Dreschflegel herausgekommen. Vornnttags hieben bei Thießens drei ein, das gab die rechte Melodie. Und das Geklapper hörend, schaufelte und schaufelte Hans Paulsen die Karre voll und schob und schob. .Vadder, dat's Merra!" hatte Anna gerufen, Dat's good, ik kom." Es gab Erbsensuppe. Hans Paulsen wie ein gesunder Arbeiter, der den ganzen Vormittag mit Gottes Erdboden geschoben hat, ißt. Und nachmittags ging er wieder in der Karre. Am anderen Tag um halb zwölf lief Anna wieder über die Hofstelle, diesmal war keine Henne da: die schwarze Katze ging wie eine feine Dame mit seinen Pfötchen über den Hof. Vadder, dat's Merra!" Good, Kind!" Es gab Mehlbeutel und Speck und Rauchfleisch un8 braune Tunke und Pflaumen darin. Nun," sagte Trien,hilst's bald mit dem Berg?" Ja, Trien, wenn das Wetter so bleibt, und wenn ich mich daran halte, kann es diesen Herbst glücken. Aber ich weiß nicht, vielleicht muß ich mal abbrechen." Nu?" Ja, Trien, ich glaub', ich muß nach Hohenwichel." Trien legte den Löffel weg und sah ihren Mann ber-- wundert an. Nach Hohenwichel, Hans, zu Klaus?" So dacht' ich." Hans, was hat das zu bedeuten? Vergessen kannst Du's doch nickst haben? Klaus hat gesagt. Du sollst ihm nicht wiederüber'n Drüssel"(über die Hausschwelle) kommen." Das stimmt, Trien. Aber übermorgen sind's zehn Jahr, daß Mutter starb. Und wenn ich auch nicht hineinkommen sollte, daß ich mal vorbeigehe, kann Klaus mir nicht wehren." Triene schwieg. Und wer weiß, Trien.. sagte Hans weiter,wer weiß, wozu es gut ist?" Du mußt wissen," erwiderte Trien und fing an abzu« räumen. Sieh, Trien? Wenn ich auf dem Berg stehe und mein Tragseil um den Nacken lege und die Karre hebe und dann in den Nebel hineinsehe, dann ist mir immer, als sähe ich Hohenwichel und sähe zwei Männer, die Arm in Arm auf das Haus zugehen. Und ich will mir immer einreden: sind Klaus und ich." Hohenwichel, in anderer Landschaft gelegen(man ging viele Stunden bis dahin), hieß die Landstdle, auf der Hans groß geworden war. Der Vater war früh verschieden, die Mutter hatte die Wirtschaft fortgesetzt: ein Krieg hatte sein struppiges Haupt erhoben/ die Verhältnisse hatten sich ver- schlechtert. Die Mutter starb zu einer Zeit, als Hans und!, Trien die Kate ailf Jmmenheiderfeld bereits mit dem Geld, das sie sich bei Bauern verdient, zu eigen erworben hatten. Die Mutter hinterließ ein verschuldetes Erbe, und es war fraglich, was mit Hohenwichel werden solle. Da verheiratete sich der einzige Bruder von Hans, Klaus, so günstig, daß er die Stelle mitSchuld und Unschuld" übernehmen konnte. Hans war damit einverstanden: er bat sich nur die Truhe. die immer in der Hörn an der Kellerwand gestanden hatte, als Andenken an seine Mutter aus. Die Mutter stammte aus der Buchholzkate(sie liegt etwa in Wegesmitte zwischen Jmmenheiderfeld und Hohenwichel), wo jetzt ihr Brudersohn Max Schütt wohnt, her, und hatte die Lade als Aussteuer mit« bekommen._. M.: Die Truhe tvar immer hochgehalten worden, nicht so sehr wegen der trefflichen Skulptur(die kannte und wertete man nicht), sondern weil ein Urältcrvater der Mutter selbst sie gemacht und geschnitzt haben sollte. Ueberall waren Figuren und Blattwerk und Laubwerk. Löwenköpfe und Löwenfüße und Adlerflügel sprangen an den Ecken heraus. Die Vorder«