Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 45.

Dienstag, den 5. März.

1907

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( Nachdrud verboten.)

Direktor oder den Inspektor. Ich muß Bücher und Schreib­material haben. Ich kann so nicht leben!" Der Herr Direktor wird bald kommen, dann können Sie ihn darum

Im Kampf für Rußlands Freiheit. bitten. Ich glaube aber nicht, daß Sie ſchon heute Bücher er­

,, Sie werden dieses Essen wahrscheinlich nicht mögen. Sie können sich aber für eigene Rechnung beköstigen. Hat man Ihnen das in der Kanzlei nicht gesagt?"" Nein." Dann schreiben Sie es auf und verlangen Sie eigene Kost. Ich werde Ihnen Papier und Feder geben".

Der Aufseher ging fort, und ich besah das Essen, das auf dem Tisch stand. Ich hatte nicht den Mut, etwas zu versuchen, so schlecht war es, klopfte nach dem Aufseher und bat ihn, mir etwas Besseres zu bringen.

So verging die Zeit, und der Abend brach heran; über der Zellentür wurde die Lampe angezündet. Ich wanderte auf und ab, und ein Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit stieg in mir auf.

Wieder wurde die Tür aufgerissen, und der Aufseher brachte mir das Abendessen. Ich bringe Ihnen hier schon auf eigene Verantwortung bessere Kost. Essen Sie jezt, um neun Uhr müssen Sie zu Bett gehen; dann wird das Licht herab­geschraubt werden."

Er ging zur Tür und ließ zwei Soldaten herein, die einen Zuber brachten. Es war ein transportables Klosett, die sogenannte Parascha", von der ich schon gehört hatte. Der Aufseher und die Soldaten gingen fort; ich war wieder allein in der Zelle, und der Anblick dieses abscheulichen Zubers nahm mir allen Appetit. Die Stunden verrannen so langsam. Meine Stimmung wurde immer verzweifelter, und ich hatte die größte Lust, mit bäuden Fäusten an die Tür zu schlagen und laut zu schreien: Gebt mir meine Freiheit. Wer hat Euch das Recht gegeben, mich in dieses scheußliche Loch zu sperren?" Doch beruhigte ich mich wieder und hoffte, daß das Ganze bald ein Ende nehmen würde.

Von dem unaufhörlichen Hin- und Herwandern war ich müde und abgespannt. Ueberhaupt hatte der ganze Tag so biel Eindrücke mit sich gebracht, daß ich mich nur mit Mühe aufrecht hielt, aber die Pritsche zu benußen war ich nicht im­stande. Der Aufseher erschien wieder, und ich bat ihn, mir eigene Laken, eine eigene Matraße und ein eigenes Kissen zu verschaffen.

,, Nein, Herr, jetzt ist es genug!... Sie sind ein Ge­fangener genau wie alle anderen und haben nicht immer un­nüz zu rufen. Weiß Gott , was Sie noch für Phantasien in der Nacht bekommen! Sie müssen sich hier einleben wie jeder andere und müssen vergessen, daß Sie in der Freiheit ein großer Herr waren." Krachend fiel die Tür zu und ich war wieder allein. Ich setzte mich auf das Bett und dachte sitzend einzuschlafen. Aber die Müdigkeit überwältigte mich, und ich streckte mich doch lang hin.

Die Nacht war entsetzlich. Grauenerregende Träume verfolgten mich. Oft wachte ich auf, schaute mich erschreckt um und wußte im ersten Augenblick nicht, wo ich war. Ich besann mich, und ein schmerzliches Gefühl preßte mir das Herz zusammen. Erst gegen Morgen schlief ich ein.

Ein starkes Geräusch weckte mich auf. Entsetzt sprang ich von meinem Bette auf. Der Aufseher von gestern stand in meiner Zelle und sagte freundlich:" Habe ich Sie erschreckt? Es ist Zeit aufzustehen. Hier haben Sie Tee und Weißbrot. Waschen Sie sich und kleiden Sie sich an."

Von den Sachen, die ich ins Gefängnis mitgebracht hatte, gab man mir nur die notwendigsten Toilettengegenstände mit in die Zelle, d. h. Zahnpulver, Zahnbürste, Kamm und Bürste und ein Stück Seife. Ich wusch mich unter dem Ausguß, und das kalte Wasser stimmte mich etwas mutiger. Ich beschloß nun, solange ich keine Bücher erhalten konnte, mit Turnen, Spazierengehen und durch eine sorgfältige, viel Zeit in An­spruch nehmende Toilette den Tag auszufüllen. Nach meiner Berechnung mußte ich spätestens um halb sieben Uhr geweckt worden sein. Volle zwölf Stunden sollte ich hier also auf und abgehen und an nichts anderes denken können, als daß ich hier festgehalten wurde. Nach einer Weile Klopfte ich wieder an der Tür. Der Aufseher erschien. Was wünschen Sie?" Ich möchte irgend einen Beamten sprechen, entweder den

halten werden.". ,, Was Sie glauben oder nicht glauben, geht mich nichts an! Ich will den Direktor sprechen."

Wieder verging eine Zeit. Ich war wild und rasend ge­worden. Nein, ich kann das nicht aushalten, ich muß einen Ausweg finden! Ich will zurück, ich will hier nicht sizen." Da ging die Tür auf, und ein älterer uniformierter Herr in Begleitung verschiedener Beamten erschien. Ich habe ge= hört, Sie beklagten sich, daß Sie keine Bücher erhalten. Nach den Vorschriften können Sie erst in acht Tagen Bücher ver­langen. Ich werde aber anordnen, daß Sie Papier und Feder bekommen, dann können Sie selbst eine Bittschrift ein­reichen. Der Aufenthalt hier gefällt Ihnen wahrscheinlich nicht besonders. Das ist nicht unsere Schuld." Ich war mitten im Zimmer stehen geblieben, schaute den Herrn von oben bis unten an und antwortete ihm: Erstens bin ich gewöhnt, daß wenn jemand in meine Wohnung ein­tritt oder mich irgendwo anders trifft, er Guten Tag" zu mir sagt. Sie scheinen wenig Manieren zu haben. Ich ver­bitte mir außerdem solche Bemerkungen." Wie Sie es draußen gewöhnt sind," erwiderte er gereizt, geht mich nichts an. Ich bin hier Ihr Vorgesetzter und tue, was mir beliebt. Wenn Sie sich ungebührlich mir gegenüber betragen, so werde ich Sie einfach bestrafen lassen. Adieu!"

Die Tür fiel frachend zu, und ich war allein... Dieser Kleine Auftritt hatte mir sonderbarerweise mehr Ruhe und Saltblütigkeit gegeben. Ich beschloß, mich den Vorschriften zu unterwerfen und nur das, was mir nach dem Gesetze zu­fam, zu verlangen, aber dann auch in der gebührenden Form. Es war vielleicht gegen zwölf, als sich plötzlich die Tür auftat und der Aufseher in Begleitung von zwei Soldaten erschien. Bitte, folgen Sie mir!" Wieder ging es durch lange Korridore, ich hörte, daß ab und zu an den kleinen Fensterchen, die an den Türen angebracht waren, geklopft und gefragt wurde: Wer bist Du? Warum sizt Du hier?" Dann schimpfte der Aufseher und drohte den unruhigen In­fassen der Zellen mit Strafe.

"

Endlich gelangten wir in ein großes Zimmer die zwei Soldaten postierten sich vor der Tür, und der Aufseher bot mir einen Stuhl an. Ich setzte mich und wartete. Durch das Bimmer gingen ein paar Menschen und schauten mich ziemlich sonderbar an. Schließlich wurde die Tür zu einem anderen Bimmer geöffnet und ich hineingeführt. Da saßen vor einem Tisch ein Gendarmerieoffizier und ein Herr in Uniform vom Justizministerium. Ich vermutete in ihm entweder den Staatsanwalt oder seinen Gehülfen. Bitte, nehmen Sie Plaz," sagte der Offizier. Sie heißen so und so und wohnen dort und dort; ich möchte gern wissen, woher Sie die Ver­vielfältigungsmaschine und die Drucksachen, die man in Ihrer Wohnung gefunden hat, haben. In dem Protokoll, das in Ihrem Hause aufgenommen wurde, wird ausdrücklich gesagt, daß die Sachen Ihnen nicht gehören; Sie haben aber jede Auskunft verweigert. Nun, vielleicht haben Sie jetzt die Güte, es uns zu erzählen. Ich muß Sie auf eins aufmerk­sam machen: je aufrichtiger Sie sind, um so fürzer ist Ihr Aufenthalt in diesem Gefängnis. Wir sind überzeugt, daß Sie aus Gutmütigkeit das Opfer gemeiner und nieder­trächtiger Menschen geworden sind." ,, Wie ich schon Ihren Kollegen erklärt habe," antwortete ich, übernehme ich die Verantwortung für die Sachen, die bei mir gefunden worden sind. Daß fie verboten sind, wußte ich. Sie können nach dem Gesetz mit mir verfahren, aber ich weigere mich ent­schieden, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit irgend etwas auszusagen! Die nächtliche Haussuchung bei mir war un­gesetzlich. Meine Arretierung ist auch ungesetzlich, und mir als Juristen erscheint es sonderbar, daß sich ein anderer Jurist dazu hergibt, etwas Ungesetzliches durchzuführen. Ich werde erst antworten, wenn ich vor einem Untersuchungsrichter stehe, der das Protokoll aufnimmt, die Anklage dem Staats­anwalt übergibt und mich vor ein öffentliches Gericht stellt. Ich sage Ihnen ein für allemal, daß ich Ihnen keine Antwort zu geben gewillt bin. Sie sollen mich frei lassen und dem