Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 49.
6]
Sonnabend, den 9. März.
( Nachdrud verboten.)
Im Kampf für Rußlands Freiheit. Das Benehmen aller Anwesenden mir gegenüber wurde nun zutunlicher und der Ton kameradschaftlicher. Gegen Abend kamen noch einige, und Nadeschdin sagte:„ Sie haben es gut getroffen, denn bei mir versammelt sich heute die Kolonie. So werden Sie schon heute die meisten Kameraden fennen lernen."
"
Unter den Neuangekommenen schien mir am sympathischsten zu sein ein stiller, blonder Mann von ungefähr 35 Jahren, mit blauen, treuherzigen Augen. Er saß ganz in meiner Nähe, und während die Gesellschaft sich über allerhand unterhielt, entspann sich zwischen uns ein kleines Privatgespräch. Sie sind ganz neu?" fragte er mich.„ Wann sind Sie angekommen? Woher kommen Sie? Auf wie lange find Sie hierher verschickt worden?" Ich gab ihm Antwort, worauf er erzählte, er fei Pole, sei früher Arbeiter in War schau , dann in Lodz gewesen, dort sei er verhaftet und auf drei Jahre hierher verbannt worden. ezt bin ich schon über ein halbes Jahr hier. Ach, es lebt sich ganz gut hier oben. Ich habe gute Kameraden, Bücher gibt es auch, und dann hat Nadeschdin es so eingerichtet, daß jede Woche ein Vortrag bei ihm gehalten wird. Daran knüpft sich eine Diskussion, und das ist ganz interessant."
1907
deschdin hinging. Es waren wieder einige Leute bei ihm versammelt, und ich mußte ihnen wieder von Petersburg , dem getroffen hatte, erzählen. Sie hatten alle an der Bewegung Arzt Popoff und einigen Revolutionären, die ich bei ihm teilgenommen und waren nach einer Gefängnishaft von mehreren Monaten, auch sogar Jahren, hierher geschickt worden und sollten hier 3 oder 5 Jahre verbleiben. Ich erfuhr von ihnen näheres über das Leben der Verbannten. In dieser Stadt war man verhältnismäßig milde: man brauchte nicht jeden Tag zur Polizeiverwaltung zu gehen, um sich vorzustellen; man war nicht, wie in anderen Orten in demselben Gouvernement, 2 bis 3 Monate von der Welt vollkommen abgeschnitten, denn hier kam die Post alle 2 bis 3 Wochen und brachte Briefe, Zeitungen und Zeitschriften; die Korrespondenz wurde nicht von dem Isprawnik durchgelesen, und dadurch wurden die ewigen Reibungen zwischen Verbannten und Polizei vermindert. Das Schlimmste für den Intelligenten ist in der Verbannung die gezwungene Üntätigkeit. Er darf nämlich seinen Beruf nicht ausüben, nicht praktizieren, wenn er Arzt ist, nicht unterrichten, wenn er Lehrer ist, außer wenn der Isprawnit einen Lehrer braucht und keiner da ist, als ein Verbannter, der dann das Glück hat, dessen Kinder zu lehren. Sicher ist aber, daß die, deren Gesundheit während der Gefängnishaft nicht untergraben würde, sich hier noch mehr zu Revolutionären entwickeln; sie werfen sich auf das Studium der Nationalöfonomie, der Staatswissenschaften Am nächsten Morgen schon kam der Pole zu mir. Bir und fremden Sprachen, um ihren Geist wach zu halten. Sie sprachen über das Leben in der Kolonie, und er gab mir stehen in reger Verbindung mit ihren Leidensgenossen, helfen recht, als ich äußerte: Wie es scheint, sind die anderen Ka den, einfachen Arbeitern bei ihrem Selbststudium und vermeraden mir gegenüber sehr zurückhaltend."" Ja", ant- anstalten unter sich Vorträge und Diskussionen. In dieser wortete er ,,, unfere kleine Kolonie hat sich schon eingelebt, Sie Weise erreichen sie, daß ihre Willenskraft nicht gebrochen find ein Fremder, kommen aus einer ganz anderen Gesell- wird, was die Machthaber nur zu gern möchten. Der Geschaftssphäre und haben im Grunde genommen nichts verdanke an Freiheit und weitere Arbeit für Revolutionierung brochen. Da ist es begreiflich, daß Sie für die Leute ein der Masse lebt in jedem Verbannten, und nichts hält ihn unbeschriebenes Blatt sind. Aber es war sehr gut, daß Sie davon ab, nach Abbüßung der Strafe oder nach einer glückIhren Freund, den Arzt Popoff, genannt haben. Danach lichen Flucht sich wieder in diese Arbeit zu stürzen. Zu ihrem betrachten meine Kameraden Sie als einen anständigen, ehr Unterhalt erhalten sie von der Regierung eine klägliche Unterlichen Menschen, der aber noch nicht weiß, was er eigentlich stüßung von 10 bis 15 Rubeln monatlich; ein Adeliger aber anfangen soll." Nun, ich weiß schon, was ich zu tun habe, hat auch hier Vorzüge er erhält mehr als ein Bürgerlicher aber ich brauche doch nicht bei der ersten Begegnung den oder simpler Bauer. Leuten gleich alles zu sagen."
-
-
Er blieb ziemlich lange bei mir, erzählte mir von der Arbeiterbewegung in Polen und bemerkte, daß er sehr viele Gesinnungsgenossen im Süden Rußlands und in Moskau habe, die für die Freiheitssache arbeiteten. Unter anderem erzählte er mir auch, daß ein Freund von ihm, der nach einer anderen Stadt desselben Gouvernements verbannt worden war, vor furzem geflohen sei. Jst denn die Flucht so leicht?" fragte ich. Wenn man Geld und Verbindungen hat, ist es nicht schwer", antwortete er. Ja, aber wie kann man nur weiterleben, dann muß man doch ins Ausland gehen?" Das ist nicht nötig; Sie fönnen sich immer, wenn Sie Verbindungen haben, einen guten Paß auf fremden Namen verschaffen und ruhig in Rußland weiterarbeiten."- ,, Das wäre eine Idee" sagte ich. Ich habe genug Geld und tönnte nicht nur selbst fliehen, sondern auch noch ein paar Kameraden mitnehmen. Ich bin nur im unflaren, wie man es anfängt!"„ Es ist besser", erwiderte der Pole,„ Sie fliehen sofort, sonst müssen Sie längere Zeit warten und fich einleben, um dann unauffällig entweichen zu können. Wenn Sie es in den ersten sieben Tagen unternehmen, wo Sie noch kein Mensch kennt, dann kann alles leicht gelingen, oder aber, Sie bleiben ein halbes bis ein ganzes Jahr hier, würden dann verschiedene Freiheiten erlangen, und man würde es nicht auffällig finden, wenn Sie einen größeren Ausflug unternähmen. Die Hauptsache ist, den Isprawnik nicht argwöhnisch zu machen. Uebrigens wurde gestern auch davon gesprochen, wie eigentümlich es sei, daß der Isprawnik gegen Sie fo liebenswürdig ist, Ihnen sogar eine Wohnung gesucht hat. Sie müssen sehr hochgestellte Verwandte haben, die für Sie eintreten. Das hat einige stußig gemacht, aber Nadeschdin meinte, das wäre sehr gut und könne uns sogar nüßen."
-
Der Hauptzwed meines heutigen Konimens war, mit Nadeschdin allein zu sprechen oder den Polen zu treffen. Ganz spät, schon als ich nach Hause wollte, erschien dieser. Ich forderte ihn auf, mich zu begleiten, was er auch gern tat, und zu Hause angekommen, unterhielten wir uns bei einem Glase Tee darüber, wie man die Flucht am besten arrangieren könne. Ich hatte sein volles Vertrauen gewonnen, und er versprach, mir eine Reihe von Adressen zu geben, damit ich in Moskau oder im Süden Rußlands sofort einen Baß auf fremden Namen und Anschluß bei seinen Ra meraden fände. Wir berieten nun, auf welchem Wege ich Pferde und Schlitten erhalten und wie ich mich vor Verdacht schüßen könnte.
Da sich nun einmal die Möglichkeit zeigte, fortzukommen, arbeitete meine Phantasie sehr stark, und ich ging soweit, zu erklären, man fönnte ja alles mit Geld erkaufen. Da meinte der Pole lächelnd: Mit dem Gelde so herumzuwerfen, wie Sie es wollen, hat durchaus keinen Wert, denn in unserer Bewegung brauchen alle Geld, und oft fehlt das nötigste. Wozu wollen Sie für Ihre Person so eine Unmenge Beld. verschwenden? Wir fönnen vielleicht doch sparsamer virtschaften. Ich kenne den günstigsten Weg nicht so genau, aber ich werde mit Nadeschdin noch heute abend darüber sprejen, und morgen früh halten wir dann bei Ihnen Kriegsrat. Das ist das einfachste! Zwei Köpfe sind gut, aber ein utter schadet nie."
Die Nacht verbrachte ich in aufgeregtem Schlummer, träumte aber so schön, das ich am anderen Morgen frisch und froh aufsprang, mich ankleidete und sofort zu Nadeschdin eilte.
Er war allein und sagte sofort: Der Bole hat mir schon von Ihrem Plan erzählt. Das ist in der Tat das Beste für Sie, besonders wenn es Ihnen nicht am nötigen Gelde fehlt. Der Pole ging fort, und ich blieb allein. Aber der Ge- Wir müssen es aber sehr schlau einfädeln, und da habe ich danke an die Möglichkeit, von hier fortzukommen, war so mir gedacht, Sie benüßen die Liebenswürdigkeit des Jsüberwältigend, daß ich schon aeaen Abend wieder au Naprawnik und bitten ihn um die Erlaubnis versönlich einige