Anlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 63. Donnerstag, den 4. April. 1607 221(Nachdruck verboten.) Im I�ampf für Rußlandd f mbclt. Ich wurde gefragt, was ich hier täte, wo Anna Michai- lowna und Abramoff wären, und auf meine Antwort, dah ich hier nur ganz kurze Zeit bliebe, interessierte man sich sehr dafür, was ich eigentlich beabsichtigte. Ich antwortete, daß ich bloß meiner Geschäfte wegen hier wäre. Von Abra- moffs wüßte ich nichts, wir hätten uns lange nicht gesehen. Ich war so vorsichtig, weil von meinen alten bewährten Freunden bloß zwei oder drei anwesend waren, die übrigen kannte ich nicht. Wollen Sie sich nicht einmal unsere Tätigkeit ansehen? Wir haben allerdings nicht so große Pläne, wie Sie, und begnügen uns mit der Propaganda in kleinen Kreisen von Arbeitern und Intelligenten." Ich verstand den Vorwurf, denn oft schon hatte man bei Diskussionen Anna Michailowna und mich als nicht ge- nügend konspirativ bezeichnet, und nicht selten bekamen wir zu hören, daß wir über unseren hochfliegenden Plänen und Gedanken die Wirklichkeit vergäßen. Ich nahm die Ein- ladung an und erkundigte mich nach Ort und Zeit der Ver- sammlungen. Ich glaube, es ist doch besser," meinte einer meiner Freunde,daß Sie uns entweder abholen oder wir uns an einem dritten Ort treffen. Wir haben diesen Kreis gerade zusammengebracht und möchten uns nicht durch irgendeine Unvorsichtigkeit Gefahren aussetzen." An einem der nächsten Tage holte ich meinen Freund ab, und unter großen Vorsichtsmaßregeln gingen wir in die Versammlung. Es waren gegen dreißig Personen anwesend, meistens Arbeiter, ein paar Gesichter kannte ich von früher. Mein Freund flüsterte mir zu:Heute werden Six einen unserer glänzendsten Redner hören. Er ist noch nicht lange hier, hat aber schon sehr viel getan, und eigentlich ist es sein Verdienst, daß sich diese Gruppen gebildet haben." Sehr bald kam ein Mann, Mitte der dreißiger, von kleiner, kräftiger Gestalt, mit dunkelblondem Haar und ener- gischem, klugem Gesicht eilig hereingestürzt. Das ist Kretschmann," sagte mein Freund, und plötzlich ertönte eine Stimme:Heute will ich Ihnen über die ökono- mische Lage der Arbeiter in Belgien erzählen, und mit welchen Mitteln sie ihre Lage verbessert haben." Der Sprecher war Kretschmann. Es wurde still, und der Redner erzählte in schlichten Worten, wie die korporative Bewegung in Belgien entstanden wäre, wie die Arbeiter durch eigene Kraft eine Reihe von Konsumvereinen gegründet und große Volkshäuser gebaut hätten, um in ihrem eigenen Heim nach getaner Arbeit den Abend verbringen zu können. Die Arbeiter bildeten dort Vereine, hörten Vorträge, lsiitten so- gar eine Universität und fühlten sich als gleichberechtigte Menschen.Gewiß, sie arbeiten auch, jeder Mensch muß arbeiten, aber die belgischen Arbeiter werden nicht wie ein Stück Vieh behandelt, sie werden von den Kapitalisten nicht in so schnöder Weise ausgenutzt: darüber wacht das Gesetz, denn an den Gcsetzcsberatungen für die Arbeiter nehmen Vertreter der Arbeiter teil." In seinen weiteren Ausführungen wies der Redner nach, daß die russischen Arbeiter sich auch zusammenschließen, kleine Vereine bilden, Untcrstützungskassen errichten und für die Besserung der ökonomischen Lage kämpfen müßten. Der Vortrag war glänzend. Eine Diskussion schloß sich daran an. Die Arbeiter stellten Fragen, sprachen ihre Be- wunderung aus über die Resultate, die ihre Kameraden im Auslande erzielt hätten, und klagten darüber, wie schwer es in Rußland sei, auch nur einen Streik durchzuführen. Die Fabrikbesitzer fänden stets Hülfe bei der Polizei und dem Militär, und niehrere Arbeiter äußerten:Wir müssen lernen, denn Wissen ist Macht! Schauen Sie sich nur einmal in unserer Fabrik um. Da bekommt der französische Arbeiter drei oder viermal so viel, wie wir. Warum?. Weil wir ungebildet sind, weil wir nichts wtssen!" Nochmals ergriff Kretschmann das Work und sagte: Wir müssen im kleinen anfangen. Wir wollen erst kleine Gruppen schaffen, kleine Streikkassen, und dann uns in großen Verbänden vereinigen. Dadurch erlangen wir Macht und können von den Kapitalisten verlangen, daß sie unsere ge- rechten Wünsche erfüllen. Auch die Regierung wird uns helfen müssen, wenn sie sieht, daß wir einmütig dastehen." Dann wurden noch Bücher und Broschüren unter die Arbeiter verteilt und die Versammlung geschlossen. Es blieben nur wenige zurück, im ganzen vielleicht sieben oder acht, unter ihnen Kretschmann, mein Freund und ich. Ich wurde mit Kretschmann bekannt gemacht. Das ist ein tüchtiger Revolutionär," sagte mein Freund bei der Vorstellung.Er hat schon viel geleistet, lebt jetzt aber unter falschem Namen." Kretschmann fragte mich, ob ich in Odessa tätig sein wolle.Das weiß ich noch nicht," antwortete ich.Das hängt von verschiedenen Umständen ab. Es ist schwer, in Odessa eine Stelle zu finden."Was kennen Sie, welche Bildung haben Sie genossen?" erkundigte sich Kretschmann. Ich er- klärte ihm, ich hätte das Gymnasium absolviert, kennte etwas Buchführung und fremde Sprachen. Nun, dann ist es doch nicht so schwer," meinte er.Ich bin in der städtischen Verwaltung angestellt und werde ein- mal nachfragen, ob sich da nicht etwas für Sie findet. Unsereiner hat hier viel zu tun, und jede neue Kraft müssen wir festhalten." Eigentlich hatte ich gar keinen Grund, an Kretschmann zu zweifeln: er genoß das vollkommene Vertrauen meiner früheren Freunde. Ich hatte selbst gehört, wie glänzend er redete, und stimmte seinen Ausführungen vollkommen bei, obwohl ich persönlich die Arbeiter mehr auf ihre politische Rechtlosigkeit hingewiesen hätte. Aber diese Auffassung teilten, wie ich schon sagte, nicht alle meine Kameraden. Die meisten meinten, daß man im Anfang die Arbeiter auf ihre ökonomische Lage bringen und erst später langsam nach einer Reihe von ökonomischen Streiks zur Politik übergehen solle. Wie gesagt, ich hatte keinen positiven Grund, Kretschmann gegenüber nnßtrauisch zu sein, aber die Art und Weise, wie er mich ausfragte, gefiel mir nicht. Ich kam noch immer ab und zu mit Ossip zusammen. Er erzählte mir, daß Petroff und seine Frau an Land ge- gangen seien, und fragte mich, ob ich weitere Nachrichten er- halten habe. Ich war selbst in Unruhe über Petroff und teilte ihm meine Befürchtung mit, daß unserem Freunde etwas zugestoßen sei. Wissen Sie denn gar nicht, wohin sie reisen wollten?- fragte er mich.Ich habe doch überall Geschäftsverbindungen; ich könnte an irgend einen Geschäftsfreund telegraphieren, und dann wüßten wir, woran wir sind."> Ich hatte aber keine Ahnung, wohin sich Petroff ge- wandt haben könnte. Als ich wieder einmal zu'Ossip ging, um wenigstens mit einem Menschen meine Sorge zu teilen, traf ich Kretschmann. Ich wollte schnell an ihm vorüber, er hielt mich aber an und fragte, ob ich etwas Passendes ge- funden hätte. Ich verneinte es und sagte, ich wäre jetzt eben auf dem Wege nach einem Kontor, wo ich vielleicht Beschäf« tigung finden würde. Wollen Sie es nicht in unserer Stadtverwaltung der- suchen? Für den Anfang müssen Sie sich natürlich mit wenig begnügen, aber später würde es schon besser werden. Haupt- fache ist ja, daß Sie an unserer Arbeit teilnehmen." Die letzten Worte sprach er sehr leise. Ich dankte ihm: er for- derte mich auf, ihn zu besuchen, und gab nur seine Adresse. Weder Kretschmann noch die Arbeit in Odessa statten aber augenblicklich für mich irgend ein Interesse. Meine Gedanken drehten sich bloß um die Frage:Was ist mit Petroff geschehen?" Bei Ossip angelangt, klagte ich ihm, daß ich keine Ruhe finden könnte. Er hörte mich schweigend an und sagte:Für Ihre Aufregung ist ein Gläschen Likör sehr gut. Das andere wird sich schon finden." Das frappiarte mich. Ossip hatte früher mehr Teil- nähme gezeigt. Woher dieser Umschwung? Hatte er etwas erfahren? Nein, er war ein viel zu ehrlicher Mensch, er hätte es mir sofort gesagt und hätte mich möglicherweife sogar, wütestd, daß ich ihn belogen, hinausgeworfen! Das Rätsel klärte sich sehr schnell auf. Er goß sich auch einen