Nnterhaltungsblatt des Vorwärts ?!r. 63� Dienstag, den 9. April. 1907 26�(Nachdruck oeiboten.) Im Kampf für Rußlande freikeit. Als wir auf dem Rückwege waren, jagte der Polizeichef an uns vorüber, ein paar Schutzleute liefen eilig in der Richtung zur Fabrik, und Maximoff bemerkte zu uns:„Sie kommen zu spät!— Und was wollen sie auch machen?" Andrceff fragte ihn:„Wann können die Kosaken hier fein?" „Ja, das kann kein Mensch wissen!" erwiderte Maximoff. „Wir müssen jetzt Versammlungen abhalten und die Arbeiter über ihre Rechte aufklären. Wir haben einen schweren Stand, weil der größte Teil der hiesigen nur Gelegenheitsarbeiter sind. Es sind Bauern. Vermutlich kommt es zu Aus- schreitungen. In Alexandrowsk, wo ich den Streik leitete, ging es ausgezeichnet,— so ruhig, so still, wie es bei den organisierten Arbeitern in Westeuropa zugeht." Nach Hause zurückgekehrt, trafen wir all unsere Freunde in reger Tätigkeit. Es wurden weitere Aufrufe gedruckt, worin den Arbeitern gesagt wurde, daß sie zu einer einzigen großen Familie gehörten. Sie sollten und müßten solidarisch vorgehen. Die große Bedeutung des ökonomischen Streiks auch für die politische Lage der Arbeiter wurde hervor- gehoben. Der Aufruf war kurz und prägnant gehalten. Wir beteiligten uns auch an der Arbeit, und in sehr kurzer Zeit waren mehrere Tausend Exemplare hergestellt. Unter den Aufrufen stand:„Das Komitee der russischen sozialdemokrati- schen Partei."— Nun gingen wir auf die Straße hinaus. Fast an allen Ecken standen Arbeiter. Wir eilten an ihnen vorüber. Maximoff rief ihnen zu:„Versammelt Euch auf dem Markt- platz!" Diese Aufforderung hatte er wahrscheinlich schon an die Leute richten lassen, denn als wir auf dem Marktplatz an- kamen, stand schon eine tausendköpfige Menge da. An drei oder vier verschiedenen Stellen sprachen Redner. Anna Michailowna und ich standen in der Nähe von Maximoff und hörten, was er zu den Arbeitern sagte. Irgendwo war ein Tisch herbeigeschafft worden, Maximoff war hinauf- gestiegen und erzählte nun den Arbeitern, wie rechtlos ihre Lage sei, wie schwer sie es im Kampfe ums Dasein hätten. „Wir verlangen, daß Ihr auch soviel Zeit habt, um am allgemeinen Wissen teilzunehmen. Eure Arbeitszeit soll kürzer werden und der Lohn besser, damit Ihr die Möglich- keit habt, zu lernen und zu lesen und Euch zu bilden. Ihr selbst habt oft zu meinem Freunde gesagt, Wissen sei Macht.— Seid solidarisch!— Denkt daran, daß jeder von Euch für den anderen einstehen muß!— Durch einmütiges Vorgehen wird es Euch gelingen, eine Besserung Eurer Lage zu erzwingen. Fürchtet Euch nicht vor der Polizei und den Kosaken! Haltet Euch ruhig zu Hause, und sie können Euch nichts tun.— Das Komitee, das Ihr gewählt habt, wird mit dem Direktor weiter verhandeln und wird Eure Interessen wahrnehmen. Wir kämpfen hier für unser gutes Recht, und unsere Käme- raden in anderen Städten werden von unserem Kampfe er- fahren und wissen, daß Ihr ebenfalls für die große Sache kämpft: für die Befreiung des Arbeiters von den schrecklichen Fesseln.— Es lebe die russische Arbeiterpartei II" Kaum hatte er geendet, so sprang zu meiner Ucber- raschung Anna Michailowna auf den Tisch und erzählte in flammenden Worten der Menge, wie ihre Brüder im Aus- lande gekämpft, was sie erlitten und was sie erreicht hätten. „Unsere Brüder, die Arbeiter in anderen Ländern, haben schon das, was Euch noch fehlt: die politische Freiheit. Unter unzähligen Opfern haben sie es errungen, daß die Vertreter ihrer Interessen an der Gesetzgebung teilnehmen. Auch dort ist noch vieles zu tun, aber Eure Briider haben einen leichteren Weg. Ihr, Kameraden, müßt noch schwer kämpfen, viele Opfer müssen gebracht werden, aber es kommt eine Zeit, wo die russischen Arbeiter sich so frei wie ihre Brüder in Europa versammeln dürfen und keine Polizei es wagen wird, einen zu verhaften, weil er die Interessen der Arbeiter vertritt. Wir werden auch Vertreter ins Parlament senden, die für das Wohl der Arbeiter sorgen werden. Das ist aber nur die erste Stufe, Brüder. Wir müssen weiter kämpfen.— In dem heutigen Kampfe werdet Ihr die Macht der Solidarität kennen lernen, Ihr werdet erkennen, daß Ihr selbst Eure Interessen wahren müßt. Vergesset nicht, Brüder, daß Ihr nicht bloß für Euch, sondern auch für Eure Kinder kämpft!— Die Kunde Eures Siegs, wenn er auch noch so klein ist, wird wie ein Donner über unser großes Rußland hallen und in jedem Ar- beiter das Bewußtsein wachrufen: Dort wurde für uns ge- kämpft! Dort haben die Arbeiter sich als Kameraden gezeigt, Es lebe die internationale Sozialdemokratie!!"—— Es war lautlos still.— Ich hatte Anna Michailowna noch nie als Rednerin gesehen. Ihr großer Glaube an die Arbeitersache, ihr Feuer hatten ihr ganzes Aussehen der- wandelt. Die blauen Augen, die sonst so freundlich lachen konnten, waren jetzt tiefschwarz und sprühten Feuer. Ihr Gesicht war ganz bleich: ein entschlossener Zug lag um ihren Mund. Stillschweigend drückte ich ihr die Hand. Sie war eis- kalt. Die Menge stand noch unbeweglich da. Man hörte von weitem, wie am anderen Ende des Marktplatzes ein Redner noch weiter sprach. Maximoff wandte sich an die Arbeiter und sagte: „Geht jetzt nach Hause, Brüder. Verhaltet Euch ruhig. Laßt Euch nicht von der Polizei herausfordern. Denkt daran, was ich und unser Kamerad Euch jetzt eben gesagt habe!" . Langsam ging die Menge auseinander und zerstreute sich in den Straßen. Als wir zu Hause angekommen waren, fing es schon an zu dunkeln. Stillschweigend saßen wir da: ringsum lagen zerrissene Aufrufe,— alles deutete noch darauf hin, daß hier fieberhaft gearbeitet worden war. Es wurde Licht gemacht, jemand hatte für Tee gesorgt, hin und wieder fielen kurze Bemerkungen, endlich erwachte Anna Michailowna wie aus einem Traume und sagte zu uns:„Wollen wir hier nicht auf- räumen?— Arbeiten werden wir später doch müssen, da brauchen wir die Hektographen nicht zu vernichten." Maximoff meinte, wir müßten jeden Tag, vielleicht sogar ein paarmal am Tage, Bulletins ausgeben und Aufrufs ver- teilen. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, ein Freund bort Maximoff stürzte herein und sagte:„Ein betrunkener Haufen plündert den Branntweinladen. Kommt schnell! Wir müssen unseren Freunden helfen, die Menge zu beruhigen". Anna Michailowna wollte mit, wir überredeten sie aber, zu Hause zu bleiben, Abramosf sollte ihr Gesellschaft leisten. Die nächtliche Arbeit, die Rede auf dem Marktplatz hatten sie doch allzu sehr angestrengt. Andrceff, sein Bruder und ich stürzten hinaus. Aber der Branntweinladen war schon zer- stört, und die Menge zog langsam weiter. Man hörte, wie sie gröhlten und durcheinanderschrien. Maximoff rief uns zu: .Schnell zu den anderen Branntweinläden! Dorthin gehen sie wahrscheinlich." Durch eine Seitengasse liefen wir hin und kamen ein paar Minuten früher an als die Menge. Der Laden war geschlossen. Maximoff und Andreef liefen in den Hof, um dort durch einen Hintergang hineinzukommen. Andreeffs Bruder und ich blieben vor dem Laden stehen. Die Menge war ganz nahe. An ihrer Spitze bemerkten wir einige unserer Kameraden. Wie es schien, überredeten sie die Leute, sich ruhig zu verhalten. Bald waren wir umzingelt und Stimmen schrien:„Schlagt doch die Tür ein!" Ein Mann mit einem Bolzen in der Hand drängte sich durch und versetzte der Tür einen Stoß. Die Tür gab nicht nach. Ich versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. „Wozu willst Du das tun? Du schadest nur unserer gemein- samen Sache. Es wird heißen, daß die Arbeiter sich be- trunken und geplündert haben, und dieser Vorwurf fällt zurück auf Eure Brüder." „Wir haben jetzt Feiertag, uns gehört alles! Wir wollen Schnaps haben," brüllte der Kerl. Plötzlich erschien Maximoff, flüsterte Andreeffs Bruder etwas zu und wandte sich an die Menge:„Halt Brüder. Hört mich! Was wollt Ihr tun? Ihr seid doch keine Räuber! Fremdes Gut wollt Ihr stehlen? Branntwein ist Gift!— Ihr sollt nicht trinken, Ihr sollt die heilige Sache nicht be- sudeln! Geht ruhig nach Hause. Denkt an Eure Kameraden." „Ach, was sollen wir ihn hören", ertönte eine Stimme. „Alcxei, hau los auf die Tür! Wir helfen Dir, sie wird schon k-zchgeben."
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24 (9.4.1907) 68
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