Unttthaltungsblatt des Vorwärts Nr. 74. Mittwoch, den 17. April. 1907 81] (Nachdruck verboten.) Im Krampf für RuDlandd f rclbeit So reiste ich nach Moskau . Ich erlangte von unserem Verleger das Versprechen, uns mindestens vier bis fünf Bücher jährlich zur Uebersetzung zu geben. Das war be- ruhigend. Das Honorar würde für uns beide vollkommen ausreichen. Der Verleger kannte unsere Lage und bedauerte sehr, daß er bei den herrschenden Zensurverhältnissen nicht mehr Bücher herausbringen könne. Ich fragte ihn um seinen Rat. ob ich es wagen solle, nach Petersburg zu reisen, um dort mit dem Redakteur einer Zeitschrift in Verbindung zu treten, oder ob ich es brieflich abmachen könne, denn ich hatte gehört, daß in Petersburg viel Verhaftungen vorgenommen worden waren. Er riet mir ab, und ich ließ den Gedanken, persönlich mit dem Redakteur zu sprechen, fallen. Von Moskau fuhr ich nach Rjäsan, wo ich mit unserem Bekannten, dem Stationsgehülfen, zusammentreffen wollte. Warum wollten Sie mir nur nicht schreiben?" fragte er mich.Durch eine persönliche Zusammenkunft setzen Sie zu viel aufs Spiel." Für mich ist es nicht so gefährlich, ich werde ja nicht so intensiv von dei�Polizei verfolgt, wie Abramoff, und eine persönliche Aussprache ist unbedingt nötig. Wir besitzen nämlich noch eine gut eingerichtete Druckerei, die an einem bestimmten Orte verwahrt wird. Die will ich einigen Ka- meraden übergeben. Das war der eine Grund. Außerdem wollte ich Sie bitten zu versuchen, eventuell gegen eine Kaution Anna Michailownas Entlassung zu erwirken: ich werde auf alle mögliche Weise versuchen, die Kaution zusammen- zubringen." Nachdem wir alle Einzelheiten besprochen hatten, reiste ich von Rjäsan zu meinem Bekannten, der die Papiere Har- lamoffs, jenes Kranken, dem ich in der Krim die Augen zu- gedrückt hatte, verwahrte. Ich hatte schon früher daran gedacht, diese Papiere zur Beschaffung eines Passes zu benutzen. Ich würde dadurch wieder ein legaler Bürger werden, brauchte keine Angst vor einer Entdeckung zu haben und könnte nur dann bestraft werden, wenn ich unter diesem Namen gegen das Gesetz ge- handelt haben würde. Die früheren Legitimationen unter verschiedenen Namen, die ich benutzt hatte, waren sehr gute Fälschungen oder waren auf andere Weise beschafft worden, nie aber war ich sicher, ob die Behörden nicht doch Verdacht schöpfen würden. Mit einem vollkommen richtig ausgestellten Paß dagegen konnte ich im Auslande auch in den Staaten mich aufhalten, die von den Ausländern eine Legitimation verlangen, und wenn nötig auch nach Rußland zurückreisen und dort unter diesem Namen weiterleben. Mein Bekannter, der die Papiere verwahrte, hatte in seiner Stadt die besten Verbindungen, war vor jeglichem Ver- dacht sicher und erklärte sich, als ich ihn ersuchte, mir be- hülflich zu sein, sofort dazu bereit. Meine früheren Legitimationen hatte ich schon vorher vernichtet und ging nun als Harlamoff in Begleitung jenes Herrn zum Polizeichef. Ich komme mit einer Bitte," sagte mein Bekannter zu ihm.Mein Bruder und ich haben einen großen Posten Ge- treibe ins Ausland abgesandt. Es werden uns jetzt von dort Schwierigkeiten bereitet: aber weder mein Bruder, noch ich können selber hinreisen, und wir wollen einen Bevollmäch- tigten senden. Das ist Herr Harlamoff, unser Agent: er ist in letzter Zeit immer auf Reisen gewesen. Ich möchte nun für ihn einen Auslandspaß besorgen. Tun Sie mir den Ge- fallen und stellen Sie mir das Zeugnis aus, daß seitens der Polizei nichts im Wege steht, Harlamoff einen solchen aus zufertigen." Ja," meinte der Polizeichef,das ist sehr schwer. Wie Sie wisien, muß der Betreffende mindestens acht Monate in meinem Bezirk gelebt haben. Ist Herr Harlamoff hier angemeldet?" Nein," antwortete mein Bekannter.Das konnte er nicht, er war ja immer auf Reisen. Und wer dachte daran, daß er in meinem Auftrage ins Ausland zu gehen hätte?" Bitte, zeigen Sie mir Ihre Papiere," sagte der Polizei chef.Es ist ja alles in Ordnung," fügte er hinzu, nachdem er sie durchgesehen hatte,nur ist er hier nicht gemeldet. Wenn Sie," wandte er sich an meinen Bekannten,,, mir die schriftliche Versicherung geben, es brauchen nur ein paar Zeilen zu sein daß Herr Harlamoff über ein Jahr in Ihren Diensten gestanden hat, dann stelle ich das gewünschte Zeugnis aus." Mein Bekannter gab die Versicherung ab, und in einer halben Stunde hatte ich ein offizielles Schriftstück, worin erklärt wurde, daß seitens der Polizei der Ausstellung eines ausländischen Passes für Herrn Harlamoff zur Reise ins Ausland nichts im Wege stehe, wobei hinzugefügt wurde, daß ich mich in Handelsangelegenheiten dorthin begebe. Zu Hause angekommen, sagte mein Bekannter zu mir: Da habe ich mir jetzt einen netten Brei angerichtet! Wenn Sie irgendwelche Dummheiten begehen, bekomme ich es mit der Polizei zu tun. Aber zurück konnte ich nicht, und es tat mir auch nicht leid. Was können sie mir auch anhaben? Reisen Sie jetzt in die Gouvernementsstadt und verschaffen Sie sich Ihren Auslandspaß. Haben Sie genügend Geld zum Reisen?" Ich mußte das verneinen und nahm seine Hülfe gern an. In der Gouvernementsstadt angekommen, ging ich sofort zur Kanzlei des Gouverneurs, überreichte dort mein Papiere, bezahlte die Stempelgebühren und erhielt die Erklärung, ich könne den Paß am nächsten Tage erhalten. Ich muß aber heute noch abreisen, es ist eine sehr wichtige Angelegenheit," sagte ich,und es wäre mir lieb, wenn ich meinen Paß sofort erhalten könnte." Das wird kaum gehen," antwortete der Beamte.Die Kanzlei wird um zwei Uhr geschlossen, und es ist fraglich, ob der Gouverneur Ihren Paß heute noch unterschreiben wird." Es steht aber viel auf dem Spiel," erwiderte ich,und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn ich den Paß heute noch bekäme." Der Beamte sah, daß er mich nicht so leicht los würde, und sagte schließlich:Gut. Kommen Sie um zwei Uhr wieder. Vielleicht ist er doch fertig. Es ist aber eine Aus« nähme, die wir mit Ihnen machen!" Vor zwei Uhr erschien ich in der Kanzlei und war un» endlich froh, als ich meinen Auslandspaß in der Hand hatte, Am Abend desselben Tages reiste ich nach Warschau und von dort über Alexandrowo nach Verlin. Ein eigentümliches Gefühl bemächtigte sich meiner, als ich auf der russischen Grenzstation den Wagen verließ. Be» dauern, daß ich mit meiner Familie und meiner früheren Lebensweise gebrochen hatte, fühlte ich nicht. Aber auch die meisten Menschen, mit denen ich als Illegaler zusammengelebt hatte, waren mir gleichgültig. Höchstens erinnerte ich mich mit einem stillen Lächeln des lieben Oftip und noch ein paar anderer netter, gutmütiger Leute. Die Freunde, die niir nahe standen und die ich scherzweisemeine Familie" nannte saßen entweder im Gefängnis oder waren, wie Abramoff und Petrofs, im Auslande. Ein wirkliches� Ge- fühl zog mich, außer zu diesen befreundeten Revolutionären, nur zu einem einzigen Menschen, das war die Frau des Rechtsanwalts Kudrin. Mit ihr hatte ich hin und wieder korrespondiert und hatte sie auch einmal flüchtig in Moskau gesehen. In Briefen und bei diesem Wiedersehen suchte sie mich zu überreden, das gefahrvolle Leben aufzugeben und eine ruhigere Tätigkeit zu beginnen. Sie ahnte, daß ich auch ihr meinen richtigen Familiennamen verschwieg, und meinte, ich brauchte mit meiner Familie mich ja nicht wieder auszusöhnen, sondern könnte still in bescheidenen Verhält» nissen unter dem angenommenen Namen eine wirkliche Kulturarbeit für Rußland vollbringen. Oft kehrte in ihren Briefen der Satz wieder:Rußland ist noch nicht reif: die Intelligenz wird immer weitere blutige Opfer bringen. unzählige Menschen werden ihr Leben einbüßen, aber das Glück des Volkes wird noch lange ausbleiben! Wozu also diese un- nützen Opfer?" Und jedesmal lächelte ich still bei diesen Worten. Ich lächelte, weil sie mir früher selbst oft in Ge- sprächen recht gegeben hatte, daß die Intelligenz nicht anders handeln könne. Ich lächelte, weil ich wußte, daß aus diesen Worten eine unendliche Liehe zu mir sprach! Sie fürchtete,