NnterHaltungsblatt des « Nr. 100. Dienstag, den 28 Mai. 1907 (»achdruil verbot«) Verloren. Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Don Robert Schweichel . „Ja, ja, es ist immer Gottes Wille, wenn unsereins mit Füßen getreten wird," bemerkte der Maurer mit Bitterkeit. „Nun freilich, die Obrigkeit ist ja von Gott eingesetzt, und so war's nicht der Amtsrichter van Altenbach, sondern der liebe Gott selber, der mich für einen Spitzbuben hielt und in den Turm warf." „Ihr solltet nicht so reden," verwies ihm der Alte.„Es ist Euch allerdings schweres Unrecht geschehen: aber Ihr seid ja für unschuldig befunden worden." „Ja, des Amtsrichters Schuld ist das nicht," versetzte der andere.„Und nun meint Ihr, damit war' alles gut? Hab' ich darum etwa weniger wochenlang im Turm gesessen?" „Was liegt Euch heute nur im Sinne?" fragte Lampe . „Ich Hab' Euch nie so reden hören. Ihr solltet das vergessen." „Es hilft mir nichts, wenn ich's allein vergesse," versetzte Nehring, indem er aufstand, um wieder an die Arbeit zu gehen. Der Alte sah Nehring grübelnd nach. Cr verstand den Sinn seiner letzten Worte nicht. Der Brückenbau durfte nicht stillstehen, wenn er vor dem Hochwasser des Herbstes fertig sein sollte. Es wurde heute aber wegen des blauen Montags doch nur lässig gearbeitet und früher als sonst Feierabend gemacht. Nehring stand un- schlüssig, ob er seinen Mitarbeitern nach der Stadt folgen sollte oder nicht. Er hatte sich im Laufe des Tages wiederholt vorgesagt, daß er seinen Fuß nicht mehr in den Garten des „blauen Engels" setzen wollte. Endlich stieg er doch den Berg hinan. Mögen sie dich halten wofür sie wollen, grollte er in sich hinein: du wirst ihnen zeigen, daß du dir aus ihren Gc- danken nichts machst. Ich kann hingehen, wohin es mir beliebt I Gemessenen Schrittes, mit einer herausfordernden Miene trat er in den Garten. Doch sein Herz klopfte lebhast, und als er sich an seinen gewöhnlichen Platz setzte, geschah es in der peinlichen Spannung, ob man in seiner Bedienung einen linterschied mit der anderer Gäste machen würde. Sonst hatte er nicht darauf geachtet. Welches gualvollc Bewußtsein, bei dem reinsten Gewissen von der Welt keine Macht zu besitzen, die Menschen an seine Ehrlichkeit glauben zu machen! Gott » lieb hatte sich indessen kaum gesetzt, so brachte ihm auch Marie schon sein Abendbier in dem Kruge, den sie bereits gestern für ihn beiseite gesetzt hatte und der fortan der seinige blieb. Marie hatte ihn keinein anderen Gaste gereicht. Nehring hörte sie kommen, aber er sah nicht nach ihr hin. Ware es der Wirt oder Regine gewesen, er hätte ihnen fest in das Gesicht geschaut. Der kleinen Marie gegenüber versagte ihm der Mut, er wußte nicht warum. Sie näherte sich mit leuchtenden Blicken, und ihr: wohlbekomms! klang gar herzlich. Der junge Geselle blickte bei dem Ton rasch auf, die übliche Antwort vergessend. Ihm tvar, als ob ein Stein von seiner Brust genommen wäre. Eine Sekunde darauf wollte ihm das Mißtrauen zuflüstern, daß sich Marie nur ver- stelle: es sei ja ihre Pflicht, gegen alle Gäste freundlich zu fein. Doch Marie blickte ihm mit einer solchen Freundlichkeit in die Augen, daß sein Mißtrauen schnell wieder verschwand, und er sagte: „Wollen Sie mir nicht die Hand geben. Marie?" Sie tat es mit einem flüchtigen Erröten und er schüttelte ibre Hand mit einem Gefühl, für das er keinen Namen hatte. Fast wären ihm die Tränen in die Augen getreten._ Marie hätte gern gewußt, warum er gestern nicht herauf- gckonunen war: allein das Siegel war noch nicht hinweg- genommen, das ihr Inneres und ihre Lippen verschloß. Sie konnte nicht fragen und sie wäre nach empfanger-er Zahlung wie gewöhnlich fortgegangen, wenn er sie nicht zu bleiben ge- beten hätte. Regine war in Geschäften in der Stadt und so blieb Marie bei ibm stehen. Er wollte, daß sie sich ihm gegen- übersetzte, allein sie lehnte es als unschicklich ab. Indes zog er sein Abendbrot aus der Tasche und begann zu essen. So köstlich hatte es ihm hier oben noch nie geschmeckt. Gesprochen wurde von beiden nichts. Sie sahen einander nur an. „Also Sic stehen ganz allein auf der Welt?" nahm der Maurer endlich das Wort, indem er sein Taschenmesser ein- steckte und die Brofainen seiner Mahlzeit den Hühnern hin- streute, die sich inzwischen um den Tisch versammelt hatten. Marie nickte und Nehring rief:„Wozu wird der Mensch nur geboren, wenn soviel Kreuz und Elend auf ihn wartet? Aber es ist noch nicht das Schlimmste, keinen Later und keine Mutter mehr zu haben." Das Mädchen blickte ihn befremdet an Was meinte er nur? Nach ihren Erfahrungen konnte es nichts Schlimmeres geben. Er bemerkte ihren Blick nicht. Sein Geficht verfinsterte sich im Grübeln. Es berührte und reizte eben alles die Wunde in seiner Brust. „Wenn's einen Gott im Himmel gibt," rief er nachdrück- lich,„warum duldet er solches Elend?" Marie streckte erschrocken die Hand ans und berührte seinen Arm. „Ja, ja, ich will nicht mehr daran denken," sagte Gott » lieb, indem er aufsah. Er nahm den Hut ab und stellte ihn neben sich auf die Bank.„Es ist ein warmer Abend." fuhr er fort, und strich sich durch das Haar.„Ein warmer Abend, und Sie müssen mir erzählen, Marie, wie es Ihnen ergangen ist im Leben. Wollen Sie?" „O, ich weiß nicht," stotterte diese, während sie sich wieder« holt mit der Schürze über den Rücken der linken Hand rieb. „Ich Hab' nie gedacht, daß ich's könnte!" „Jesus . Sie haben's nie einer Seele sagen können?" rief der junge Maurer betroffen. „Ja, wem sollt' ich's denn erzählen?" fragte Marie. „Vater und Mutter Hab' ich ja nimmer gekannt!" Gottlieb blickte sie mit tiefem Mitleid an. Es traten Gäste in den Garten und Marie verließ den Gesellen, um jene zu bedienen. Nehring war es unangenehm, daß seine Unter- Haltung mit dem Mäochen gestört worden Er wartete noch eme Weile, daß Marie wieder zu ihm kommen würde; allein inzwischen war auch Regine zurückgekehrt und Marie fand nicht einmal Gelegenheit, ihrem Beschützer gute Nacht zu wünschen. Sie war ein so dummes Ding, wie sie ja auch der Wirt nannte» daß sie sich keinen Vorwand anszusinnen Urnßte, um nochmals an den Tisch des jungen Gesellen zu treten. Nehring war fort- gegangen, während sie in der Küche auf das Essen wartete. welches einer von den Gästen bestellt hatte. Es machte sie traurig, als sie Gottlieb bei ihrer Rückkehr nicht mehr fand. Ein Licht in der Nacht. Von ihrer Kindheit an daran gewöhnt, daß niemand an ihr Anteil nahm, hatte es Marie eigentümlich berührt, daß sich Gottlieb nach ihren Schicksalen erkundigte. Sein Wunsch» daß sie ihm ihre Vergangenheit erzähle, klang ihr fortwährend in der Seele wieder. Im ersten Augenblicke schien eS ihr, daß sie ihm alles gesagt, indem sie ihm mitgeteilt, daß sie Vater und Mutter nimmer gekannt hätte. Allmählich aber geriet ihre ganze innere Welt an Nehrings Frage in Bewegung und Aufruhr. So wirkt ein sich erhebender Wind auf die schweren Nebelmassen, welche Tal und Höhen verhüllen. Erst geraten sie in ein leiseS Schvankcn, dann pressen sie sich dichter an den Bergwänden zusammen, wallen zurück und empor. Hin und her ziehen sie und zerreißen bald hier, bald dort, daß jetzt ein Baum, jetzt ein Stück der Felsen auftaucht und wieder ver» schwindet. Nun treten Hecken und Dörfer, der Strom, die Felder in der Tiefe hervor, die Brust der Berge, die Wälder. die Matten beginnen deutlicher und deutlicher in Gestalt und Farbe durch die höher schwebenden verdünnten Schleier zu schimmern. Matten und Föhren trinken die Nebel in lang» samen Zügen auf. Im Sonnenschein funkeln die Täler. Marie dachte an dieses und jenes kleine Ereignis ihre» Lebens, und dasselbe gewann für sie selbst dadurch an Wichtig» keit, daß sie sich fragte, was Gottlieb dazu sagen würde? Gott - lieb war gleichsam der Faden, an dem sie ihre Vergangenheit sich vergegenwärtigte und Glied an Glied reihte. Es tvar eine angenehme Beschöstigiinj, welche sie nach vollendetem Tagewerke oft noch lan je wach erhielt, das wenige, was hinter
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24 (28.5.1907) 100
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