Nnterhallungsvlatt des Vorwärts

Nr. 101.

Mittwoch den 29 Mai.

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lSiachdruck verboten.)

Verloren.

Eine Leidensgeschichte aus dem Volke. Von RobertSchweichel. Jeremias Petermann besaß so gut seinen Stolz wie seine Tochter, und dieser Stolz bestand darin, daß es in demblauen Engel" keinen gebe über ihm. Imblauen Engel" da war er 5?önig, und die Leute mochten so vornehm oder gering sein wie sie wollten, in seinen Augen waren sie alle nur Miste. Der Groll Reginens, welcher den Maurer verschonen mußte, fiel auf Marie. Diese hatte indessen vor der Ge> strengen zu zittern aufgehört. Sie selbst wilßte nicht, wie das zuging: allein Reginens ungerechtes Walten machte keinen großen Eindruck mehr auf sie. Trieb es Regine zu arg, so brauchte Marie mir an den Abend zu denken, und sie war gestählt. Es beseelte sie das Gefühl, daß sie nicht mehr allein fei auf der Welt. Was Nehring von Marie über ihre Vergangenheit erfuhr, brachte er durch Fragen heraus. Als er einmal den Damm durchbrochen hatte, da drängte die Flut reichlicher nach. Marie wunderte sich anfangs, daß sie so redselig sein könnte. Sie fühlte aber ihr Herz immer leichter, je mehr sie ihm von ihrer Vergangenheit erzählte, und sie las in den Augen des jungen Mannes immer denselben Anteil an allem, lvas sie ihm mit­teilte. Er lachte sie nicht aus, als sie ihm erzählte, wie sie auch einmal einen Garten hätte haben wollen, und deshalb Blumen, die sie auf dem Feld gepflückt, in den Sand vor dem Hause gesteckt hätte, die sie dann am folgenden Morgen ver- welkt oder von den Hühnern aus dem Boden gekratzt fand. Er lachte noch weniger, als sie ihm eines Abends den Stern zeigte, den sie für ihre Mutter gehalten, bis sie bei dem Pfarrer in Altenbach zum Religionsunterricht gegangen war. Er sah lange und gedankenvoll zu dem Stern auf, es war die Venus, die wie eine kleine Sonne über den dunklen Berg- gipfeln strahlte. Auch ihm war dieser Stern oft ein Trost- vringcr gewesen. Der Stern hatte nächtens in seine Gefäng- niszelle geschienen, und der helle Glanz seinen Mut in der Haft aufrecht erhalten. Und sie sollen mich doch nicht unter­kriegen, hatte er dann sich selbst zugerufen. In diesem Augen- blicke wollte es ihn beschleichen, daß diese Stärkung wohl nicht ganz die rechte war, die er von droben hätte schöpfen sollen. und er stand nicht so aufrecht wie sonst neben der kleinen Marie, in deren Augen sich jener Stern freundlich wider- spiegelte. Sie ist besser wie Du, murmelte er an diesem Abende auf dem Heimwege. Sie haben sie untergekriegt, sie haben immer auf ihr herumgetreten, und sie ist doch gut geblieben I Es war nicht mehr der angenehme Ort allein, der ihn, so- bald. der Feierabendruf erschollen war, zumblauen Engel" hinaufzog. War ihm früher unter den Bäumen droben wohl gewesen, so wurde ihm jetzt täglich wohler. Er merkte ja, daß ihn Marie gern kommen sah. Ihr freundlicher Empfang war keine Verstellung. Er hätte es sonst wohl in seinem Mißtrauen herausgespürt. Marie hätte sich, und wäre es auch durch das geringfügigste Zeichen, irgend einmal ver- raten müssen. Aber sie blieb immer dieselbe gegen ihn, nein sie zeigte deutlicher und deutlicher, daß er willkommen sei. Es ging keine Musik über den inneren Klang, mit dem sie ihm ein gutes Bekommen des schäumenden Trankes wünschte, deu sie ihm brachte. Ja, er war ihr willkommen, sie wußte wie man seine Ehre bemäkelte, und ihre Freundlichkeit sagte ihm, daß sie Reginen keinen Glauben schenke. Er fühlte sich bei ihr so frei und unbefangen, wie zur Zeit, als er noch nicht in den falschen Verdacht geraten war. Nein er fühlte sich freier und wohler. Ihm war, wie einem von schwerer Krankheit allmählich Genesenden. Marie hielt es für ihre Pflicht, das Unrecht, welches ihm Regine tat. durch ihr Benehmen wieder gut zu machen. Sie behandelte ihn mit einer aus dem Herzen kommenden Schonung, die auf seine Wunde wie Balsam wirkte. Wen» der alte Lampe an den Brückenbau kam, dann sprach Nehring gewöhnlich von Marie mit ihm.

Ich begreif's nicht," sagte er eines Tages zu dem Alten,wie die Leute das Mädchen für dumm halten können. Aber die Menschen müssen einmal einen verlästern." Ich will es Euch sagen," versetzte jener.Es kommt daher, weil die Marie nichts versteht, was sie sich nicht auf ihre eigene Weise klar machen kann. Seht wie ich noch im Seminar war, da haben sie uns gar schön vorgepredigt, wie wir beim Lehren immer fein Achtung geben müßten auf die eigene Art der Kinder. Aber du mein Gott, wer kann das in der Schule? Und nachher im Leben, ja da muß der Arme springen wie die Andern pfeifen. Hab's auch lernen müssen, daß es just keine sanfte Melodie ist, die sie einem vorpfeifen." Der junge Geselle nickte beistimmend und der Alte lobte Marie. Es stecke etwas Gutes in ihrem Wesen, sonst wäre sie sicher bei der Wilder verkommen. Sie gliche ihrer Mutter. die sei auch stets ordentlich und fleißig gewesen und hätte sich in ihrem Aeußern ebenso sauber gehalten.Ihre Eltern," sagte er,waren zwar arm, aber sie hatten immer ein Stück Brot für denjenigen, der noch ärmer war." Die Marie läßt auch keinen Bettler leer aus dem Enge! fortgehen, wenn sie etwas zu geben hat, und hat sie nichts. so hat sie doch ein freuirdlich-mitleidig Wort. Sie versteht eben das Elend." Gottlieb hörte den Alten gern in dieser Weise von dem Mädchen sprechen, und er vergalt es ihm durch manchen Krug Bier, wann sie in dem Garten des blauen Engels einander trafen. Das wußte ihm wiederum Marie in ihrem Innern Dank. Die Fäden, welche zwei Herzen allmählich aneinander knüpfen, sind feiner als das feinste Spinnengewebe. Das Auge sieht sie nicht, doch die Herzen finden sich gefesselt, ehe sie es ahnen. Der Groll, mit dem Gottlieb bisher an seine Haft ge» dacht, wurde allmählich eingelullt. Er selbst hätte jetzt davon sprechen können und er fühlte das Bedürfnis, mit Marie da- von zu reden. Nun schien es ihm ganz gerechtfertigt, daß er nicht mit Abel fortgewandert war. Die Leute draußen hätten freilich nicht gewußt, daß er einmal hinter Schloß und Riegel gesessen, allein er wußte jetzt, daß er den inneren Grimm darüber mit sich ins Grab genommen haben würde. Es war aber nicht so leicht, selbst das Gespräch auf seine Haft zu bringen, als er geglaubt hatte, und als er eines Abends seinen Mut zusammenfaßte, suchte Marie abzulenken. Sie wollte um seinetwillen nicht, daß er die kaum vernarbte Wunde wieder aufreiße. Er erschrak, der alte Argwohn, das alte Mißtrauen wollte wieder Macht über ihn gewinnen. Er sank in sich zusammen und sein Gesicht wurde totenblaß. Marie stand betroffen dabei. Mit einem Ruck richtete er sich endlich wieder auf. Er mußte wissen, woran er war und sollte er auch zum letztenmal im blauen Engel gewesen sein. Ein kalter Schweiß trat ihm bei dem Gedanken ans die Stirn, daß er vielleicht nirgends Ruhe finden sollte vor der Meinung der Menschen. Marie," begann er mit dumpfer Stimme,ich Hab' Ihnen was zu sagen." Sie blickte ihn mit ängstlicher Spannung an und er fuhr nach einer kurzen Pause fort:Ich hab's gehört, wie die Negine eines Abends über mich zu Ihnen sprach. Wie die Studenten hier waren, den Abend war's." O," rief Marie, indem sie die Hände bittend faltete. Er wischte sich mit dem Rockärmel den Schweiß von der Stirn und erhob sich. Nein," sagte er mit Nachdruck,ich Hab' nicht gehorcht, aber ich hab's gehört, und Gott ist mein Zeuge: ich bin kein Dieb? und ich will wissen, ob Sie mir glauben." Ja, Nehring, ich glaub' Ihnen," erwiderte Marie mit aufleuchtenden Augen. Bei Gott, Marie?" fragte er kaum verständlich, indem er dem Mädchen durchdringend in die Augen schaute. Bei Gottl" wiederholte sie mit dem Ausdruck der Treu- Herzigkeit, der jedes Mißtrauen entwaffnen mußte, und leb- Host setzte sie hinzu:O gewiß, ich hab's nie geglaubt und ich hab's auch der Regine gesogt, daß es nicht wahr ist." Nehring sagte kein Wort, er drückte nur kräftig die beiden Hände des Mädchens, die er gefaßt hatte. In seinen Mienei» zuckte und arbeitet« es heftig. Dann ließ er Märiens