Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 115.
21
Dienstag, den 18. Juni.
( Nachdruck verboten.)
Das Erwachen.
Von D. Aisman.
Autorisierte Uebersetzung von A. Stein,
III.
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Sie standen beide so bleich und so finster da. Anschl in seiner blauen Bluse, den rechten etwas längeren Fuß ein wenig gebogen, Minna in grauem Leinenkleid, das ihre kindliche Figur wie mit Wehmut umschloß. Sie hatte helles Haar und helle Augen, und so erschien sie mit ihrem fränklichen, zarten Gesicht in eigenartiger lichter Helle, und im schmußigen Zimmer des Polizeireviers, unter den bewaffneten Schußleuten in schwarzen Mänteln, erinnerte sie an eine Lilie, die man in dumpfer Kammer auf einen Haufen Fesseln geworfen.
,, Also, Sie sind unzufrieden?"
Die Stimme des Kommissars ist weich, flangvoll, beinahe angenehm. Und sein Gesicht ist auch so zart und weiblich. Blaue Augen, eine feine Haut, blendend weiß auf der Stirn und tief rosarot auf den Wangen. Hellblonder, weicher Flaum umschließt bescheiden das ovale, scharf geschnittene, fast bartLose Kinn. Der junge Kommissar ist wirklich schön. Nur die Lippen machen einen unangenehmen Eindruck- sie sind zu rot, zu vollblütig, zu did, wie zwei zusammengelegte Feigen... Weich und freundlich spricht er mit den Verhafteten, und mit den Fingern seiner weißen aristokratischen Hand wühlt er unterdes in länglichen Formularen und dazwischen liegenden roten Löschpapierstreifen.
,, Also, Sie sind unzufrieden?"
Minna schweigt finster. Das empfängliche weibliche Gemüt ist tief aufgescheucht, schwarze Schatten schweben vor ihren Augen, und ein leises Bittern durchbebt sie.
,, Gut, Sie lejen also verbotene Schriften. Sie haben folglich an Versammlungen teilgenommen, haben auch verschiedene Bekanntschaften gehabt... usw. Sie haben sich Gefahren ausgesetzt. Wozu denn eigentlich?... Sind Sie unzufrieden? Wollen Sie, daß die staatlichen Institutionen geändert werden?"
Seine Stimme wird noch weicher und freundlicher. In seinen blauen Augen flammt kein Zorn, zuweilen leuchtet in ihnen teilnahmsvolle Aufmerksamkeit....
Er ist noch jung; mit seinem Aussehen, seinem Benehmen berrät er nicht den Polizeibeamten.... Er hat nichts gegen die Gefangenen.
In Anschl erwachen die guten Gefühle.
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1907
Weit öffnet er sein junges Herz, es erzählt nicht mehr Anschl es spricht sein Herz. In diesem Herzen lebt keine Furcht, und es will keine Vorsicht; mutig, offen und zornig schreit es jeinen Schmerz, sein Wollen aus, seine Liebe und seinen Haß.... Siebzehn Jahre!...
IV.
,, So!" flüstert der Kommissar.
Er schließt seine blauen Augen. Und das Lächeln um seine greŭroten, feigenähnlichen, dicken Lippen wird bestimmter. „ So!"
Er seufzt langsamt.
,, Gaidutschenko, gib ihn mal her!"
Ein bärtiger, schwarzer, pockennarbiger Schuhmann tritt hervor, ergreift Anschl an den Ellbogen und führt ihn zum Tische.
,, Also, Rechte braucht Ihr?... Menschenrechte?"
Das Lächeln schwindet von seinen Lippen, sein Gesicht ist ruhig und teilnahmslos. Er ist aufgestanden, hat weit ausgeholt und Anschl mit geballter Faust einen Schlag auf den. Kopf versett.
.Rechte braucht Ihr?" wiederholt er halblaut. Menschenrechte?"
Und noch zwei Schläge versett er Anschl, direkt ins Gesicht. Ein schrecklicher Schreiein unglaublicher, unnatürlicher Schrei, wie ihn nur die Mauern der russischen Polizei. reviere geboren, beranlaßt alle Schußleute, in der Richtung auf Minna hinzuschauen.
Minna hat sich nach vorne geworfen, zum Tisch,- doch um keinen Zollbreit hat sie sich vom Plate bewegt; zwanzig stählerne Finger, kurze und dicke Finger, haben ihren Oberförper fest umflammert....
Und es wurde still.
Es wurde so still, daß man hören konnte, wie ein Lösch papierftreifen vom Tische zu Boden fiel. Und durch diese Stille ging plößlich ein schwaches, schattenhaftes Flüstern wie auf weißem Grunde ein weißer Kreidestrich.
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,, Anschl, sei tapfer, sei tapfer, Anschl!"
Und wie ein Steinregen fielen diese Worte auf die Hand des Kommissars, die eben wieder über dem Kopfe des Tischlers ausgestrect war. Er ließ seine Hand fallen.
Er sah das Mädchen an.
Und mit dem feinen Instinkt eines geborenen Bösewichtes mit dem geübten Auge eines erfahrenen Polizisten sah er, daß vor ihm ein Fels.... An diesem Mädchen, an diesem
Nun, und was berlangen Sie denn?" fragt der Kom- Bewußtsein, an diesem Willen, diesen Stolz wird die Faust missar. Was erregt Ihre Ünzufriedenheit?" Minna schweigt noch immer finster.
Anschl aber ergreift eine leise Erregung, er tritt hervor und beginnt zu erzählen zuerst noch etwas unentschlossen, dann aber... von den Schrecken des Lebens, von Willkür, Rechtlosigkeit, Schmerz und Qual; von alledem, das ihn schon lange und viel gequält; von alledem, worüber er in den Büchern mit rotem Umschlag gelesen, und was er in feurigen Worten von den Rednern auf Versammlungen gehört.
Der Kommissar hört zu. Seine weißen Hände hat er vor fich auf dem Tische zusammengefaltet und die weißen langen Finger ineinander geschlungen; ein wenig vorgebeugt schaut er mit aufmerksamem, tiefem Blick auf Anschl. Anschl aber erzählt.... Siebzehn Jahre!... Er erzählt und wird immer leidenschaftlicher. Seine Stimme wird lauter, seine Gesten energischer, und die Worte überstürzen sich.... Leidenschaftlich. lichtvoll reihen sie sich aneinander, stehen fie standhaft und mutig da, und alle zusammen zeichnen ein büsteres, ergreifendes Bild unerhörter Qual, grausiger Furcht, grenzenloser Verzweiflung und... Hoffens. Das Hoffen ist bald kleinmütig und fahl, bald wieder unerschütterlich, stäblern verwegen.
Die blauen Augen des Kommissars sind halb geschlossen; um seine dicken, zu roten Lippen spielt etwas, wie ein Lächeln. Stille. Niemand unterbricht den Fluß der Rede.... Und Anschl erzählt.... So erhitzt ist sein Blut, so gespannt seine Nerven!..
des Polizisten zerschellen, wie ein Kloß trockener Erde an einem Fels von Granit.
Anschl stand lautlos da, den rechten, zu langen Fuß ein wenig gebogen. Aus dem linken Ohr rann das Blut in schmalem Streifen herab. In seinen Augen war jeder Ausdrud erloschen. Es schien, als ob Anschl das Bewußtsein verloren habe und nicht mehr verstehe, was borging. Er war nicht bleicher als früher, doch mehr als sonst glich er einer Leiche.
"
Anschl, sei tapfer!"
Und dieses Mal sprach Minna diese Worte laut, deutlich und kraftvoll.
Der Schußmann Rowriga redte seinen Hals, betrachtete das Mädchen und zudte mißbilligend mit den Schultern. Dann drehte er sich mit dem Rücken zu ihm und feufzte. Und um feinen Seufzer zu verdecken- begann er laut zu atmen.. Die anderen Schuhleute standen unbeweglich in ihren schwarzen Mänteln, mit ihren schweren Säbeln und großen Revolvern, und erwarteten Befehle. Doch es kamen keine.
Der
Der Aufseher zog sein Bein ein und stieß Anschl mit dem blanken Lackstiefel in den Bauch, in den Unterleib. Jüngling stöhnte auf, erhob die Arme und fiel zu Boden. Er fiel auf den Rücken, und man fonnte hören, wie sein Kopf an den Fuß der Bank stieß.....
Halt mich von hinten, sonst fall' ich," höhnte Gaidutschenko, und versetzte Anschl einen Schlag mit dem Stiefel ins Gesicht. Steh auf, Tu Aas!"