Unterhaltungsblalt des Horwärls Nr. 122. Donnerstage den 27. Juni. 1907 (Nachdruck verboten.) Die Güte der JVIen leben. Novelle von Leon Frapie . Deutsch von Olga Sigall. Mit fünfzehn Jahren machte Ninie. die kleine Blinde, noch den vollkommenen Eindruck eines Kindes, doch besaß sie die Fähigkeit aufmerksam zuzuhören und sich die gering- fügigsten Worte eines jeden gut einprägend, schuf sie sich damit ihre„innere Welt". In ihrer Vereinsamung sann sie viel nach, sie grübelte nachdenklich über die gewöhnlichsten Dinge, und da der Augenschein ihr fchlte, gestaltete ihre vergrößernde Einbildung auch das Alltäglichste bald zu etwas Wunderbarem um. Welche Erregung für sie, welches Staunen, als ihr Bruder Karlchen, ein Lehrling, der stolz daxauf war, ganz allein in Paris herumlaufen zu können, ihr voller Ueber- treibung schilderte, wie herrlich, merkwürdig, ja geradezu wunderbar die Untergrundbahn sei! „Man stieg 100, 200 Meter untjw die Erde, so tief wie 40, nein, gewiß 30 Stockwerke sind. Man hörte nicht mehr den Lärm von Paris , nicht einmal mehr die Wagen, die so stark rasseln, daß alle Häuser davon erzittern,... indessen gewahrte man in der Ferne ein unerklärliches Flimmern, sicherlich vom Feuer des Erdinnern. Kein Wort reichte aus, um die Erschütterung und das Getöse der in den Bahnhof einfahrenden Züge zu schildern, der Boden schwankt, und alles was drauf ist,— fährt der Zug aber erst einmal, dann geht es so schnell und so stürmisch, daß Du ganz taub davon bist, nicht mehr atnien kannst und das Gleichgewicht verlierst. Stelle Dir vor, Ninie, Du fährst im Donner, ja, ganz so ist es, denke Dir, daß der Donner, anstatt ein Ding aus Feuer zu sein, das man nicht fassen kann, irgend etwas Hartes, aus Eisen ist und Du da darauf wärest." Bald träumte Ninie nur noch vom„M6tro", sie war ganz benornmen davon. Karlchen mußte inimerzu durch aus- führliche Einzelheiten ihrer wissensdurstigen Erregung neue Nahrung geben. Auf einmal bemerkten die Eltern eine Veränderung an der armen Ninie, die früher nie etwas forderte, sondern sich sanft in ihr trauriges Los fügte, wie in die wenig ab- wechselungsreichcn Anordnungen, die den Zweck hatten, ihre Gegenwart so wenig störend wie möglich zu machen. Jetzt hatte sie eigene Wünsche, jetzt sprach sie aus eigenem Antrieb davon, fort— spazieren zu gehen. Kurz und gut. jetzt zog sie sogar das Vergnügen in Betracht, in der Untergrund- bahn zu fahren. „Dies, nein, niemals," protestierten die Eltern, Vater sowohl wie Mutter. Es war schon eine wahre Not, die Kleine ein oder zwei- mal im Monat ins Freie zu führen, wie schwierig würde es erst sein, sich mit ihr dem Gedränge und dem Lärm des M6tro auszusetzen. Karlchen erhielt den Befehl, den Schil- derungen seiner unterirdischen Reisen ein Ende zu machen. Wie aber war die unstillbare Neugier von Ninie zu be- friedigen? Nicht zu antworten schien unmöglich. Karlchen wurde nun angewiesen, nur noch von den Un- annehmlichkeiten, den Gefahren, den unüberwindlichen lichen Schwierigkeiten des Mötro zu sprechen. Die Eltern selbst, und im Einverständnis mit ihnen die Nachbarn, erzählten übereinstinimend von den Beschwerden, den Ohnmächten, den Unfällen, denen die kühnen Unter- grundbahnfahrcr ausgesetzt wären. Das neue Verkehrsmittel würde gewiß keinen Bestand haben, erklärte man. auf alle Fälle könnten nur abgehärtete. gestählte Männer, Wagehälse, Soldaten, Forscher oder Sport treibende Leute all den Gefahren trotzen. „Denke Dir doch, man bekommt keine Luft, man erstickt. Und man hat weder Zeit hinein— noch heraus zu kommen, die Waggontüren öffnen und schließen sich wie die Klappen von Mausefallen: ein Teil der Leute wird wie durch eine Explosion aus dem Wagen herausgeschleudert, die anderen werden gewaltsam hineingepreßt. Schließlich, und dies ist die Hauptsache, ist der Geruch, das Geratter, die Stöße, das Schwanken, die Elektrizität bei der Fahrt so stark, daß niemand es aushalten kann. Und der Beweis dafür: Karlchen hatte geprahlt, er war nur ein einziges Mal mit dem Metro gefahren, das heißt, er hatte versucht zu fahren. Nachdem er mit Lebensgefahr hineingelangt war. mußte er den Zug schon auf der nächsten Station in jämmerlichem Zustande wieder verlassen und wollte niemals mehr wieder einen sehen. Und er hatte von einem Jungen sprechen hören, ein Lehrling wie er, Adolph war sein Name, der trotz des Verbotes seiner Eltern wie seines Meisters eine Fahrt gewagt hatte— und den hatte man nicht mehr wiedergesehen: seit einigen Tagen wußte man nicht, was aus ihm geworden sei. Ja, ja, so sind diese Züge, die in dunklen Tiefen, viel» leicht an Abgründen vorbei rasen." Die arme Ninie senkte den Kopf. Sie hörte auf dem Wunsche nachzuhängen, möglicherweise einmal im Mätro zu fahren, denn ihre Vernunft erhob Einspruch, das Unaus- führbare auch nur zu wollen, zu hoffen, doch träumte sie insgeheim davon, wie andere abenteuerlustige Kinder von Amerika , vom Nordpol träumen. Und sie, die Zarte, Gebrechliche, die Schwächste der Schwachen malte sich in ihrer Einsamkeit das Glück aus, eine M6trofahrt zu wagen, gerade weil sie so gefährlich war, gerade weil die meisten sie nicht ertragen konnten, gerade weil sie ein Vorrecht der Furchtlosen, der Kräftigen, der tapfern Menschen war. Im Frühjahr wurde Ninie ernstlich leidend: es war keine ausgesprochene Krankheit, mehr ein Zustand all» gemeiner Erschlafsung. Der Arzt erklärte, es wäre das kritische Alter, wenn in ihrer Natur keine Wandlung einträte, würde das kleine un- entwickelte Mädchen an Schwäche hinsiechen. Eine ärztliche Behandlung war nicht nötig: Zerstreuung. Abwechselung, gute Luft wären das Beste für sie. Dieses kleine Mädchen brauche Landluft, Spiele, Spaziergänge, kurz eine ganz veränderte äußere Lebensweise: man müßte mit einem Wort der Entwickelung ihrer Natur zu Hülfe kommen, sie veranlassen. Die Eltern jammerten:„Was der Doktor sich wohl ein» bildet! Eine Luftkur, Reisen, Zerstreuungen kosten Geld. und wir haben keins." Eines Abends, als Ninie mit einem Ueberrcst von Lebenslust während des Essens ihren Bruder einmal wieder über die Geheimnisse der Untergrundbahn ausgefragt hatte, kamen die Eltern, als sie sich niederlegen wollten, auf einen Einfall: „Die größte Freude, die wir Ninie bereiten können und alles, was wir ihr an Geld- wie Zeitausgabe opfern könnten, wäre eine Fahrt im Mätro mit ihr zu machen." Nur mußte man. nachdem man so viel Schlechtes über die Bahn gesagt hatte, vorsichtig vorgehen, sonst würde Ninie erraten, daß man sie hinter,>mgcn, und das gegenwärtige Anerbieten besäße geringen Wert. Ihre Schwäche benahm ihr den ganzen Appetit, man konnte sie nur durch Versprechungen und Bitten veranlassen, einige Bissen hinunterzuschlucken. Die Eltern taten so, als entschlüpfe ihnen ein Wort, als versprächen sie ihr unbedachter Weise etlvas. „Höre, Ninie," sagte die Mutter,„wenn Du diese zwei Wochen lang Deine Suppe ordentlich ißt. dann gehen wir zu Ostern mit Dir, wohin Du willst." „Ja," sagte der Vater,„denke Dir irgend einen Aus- flug aus, etwas, waS Dir am aller— allerverlockendsten et» fcheint, auf mein Wort, wir erfüllen es Dir." Ninie wurde abwechselnd blaß und rot und antwortete nicht sofort. Ganz gleichgültig was?" fragte sie mit Herzklopfen. „Was Du willst," versprachen feierlich die Eltern. „Suche, denke nach." Ninie begann die vor ihr stehende Suppe auSzulöfsoln, i dann erklärte sie mit zitternder Stimme:
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24 (27.6.1907) 122
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