Anterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 129. Sonnabend, den 6. Juli. 1907 (Nachdruck verbotene � Vie Mutter. LiomM VSit Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Heß. Es war Ende November. Am Tage war auf die ge- krorene Erde trockener, feiner Schnee gefallen, und jetzt hörte man, wie er unter den Füßen des fortgehenden Sohnes knirschte. Gegen die Fensterscheiben lehnte sich dichte, lauernde Finsternis. Die Mutter hatte die Hände auf die Bank ge- stützt, saß da. blickte auf die Tür und wartete... Ihr war, als wenn in der Finsternis von allen Seiten fremde, seltsam gekleidete, schweigsame Leute vorsichtig ge- bückt und zur Seite blickend, sich heranschlichen. Jetzt ging schon jemand um das Haus herum und tastete mit den Händen an der Wand entlang. Man hörte einen Pfiff. Er wand sich traurig und melodisch als ein feiner Strom durch die Stille dahin, irrte nachdenklich in der öden Finsternis umher, suchte etwas und kam näher.-- und plötzlich verschwand er unter dem Fenster, als sei er in die hölzerne Wand eingedrungen. Im Flur scharrten ein paar Füße, die Mutter zitterte, erhob gespannt die Brauen und stand auf. Die Tür wurde geöffnet. Erst schob sich ein Kopf in großer zottiger Mütze in die Tür, dann glitt langsam ein langer Körper gebückt herein, richtete sich gerade, hob gemäch- lich die rechte Hand auf. atmete laut und sprach mit tiefer Bruststimme: „Guten Abend!" Die Mutter verneigte sich schwelgend. „Ist Pawel nicht zu Hause?" Der Mensch zog langsam seine kurze Pelzjacke aus, hob «inen Fuß hoch, klopfte mit der Mütze den Schnee vom Stiefel, tat dann dassellie mit dem anderen Fuß, warf die Mütze in die Ecke und trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, inS Zimmer. Er ging zum Stuhl, besichtigte ihn, als wollte er sich von seiner Tragfähigkeit überzeugen, fetzte sich endlich, bedeckte den Mund mit der Hand und gähnte. Sein Kopf war regelmäßig rund und glattgeschoren, die Wangen rasiert, und der lange Schnurrbart hing mit den Enden nach unten. Er betrachtete das Zimmer aufmerksam mit seinen großen, grauen, vorstehenden Augen, schlug dann ein Bein über das andere, schaukelte auf dem Stuhl hin und her und fragte: „Ist das Euer Haus, oder wohnt Ihr zur Miete?" Die Mutter setzte sich ihm gegenüber und antwortete: „Wr wohnen zur Miete..." „Das Haus ist nur mäßig!" bemerkte er „Pawel kommt bald. Ihr möchtet etwas warten!" lud die Mutter ihn ein. „Ja, ich warte!" sagte der lange Mensch ruhig. Seine Ruhe, die tiefe singende Stimme und sein einfaches Gesicht machten der Mutter Mut. Er blickte sie offen und wohlwollend an, in seinen tiefen durchsichtigen Augen spielte ein lustiges Funkeln, und in seiner ganzen eckigen, gebückten Gestalt mit den langen Beinen lag etwas Komisches und für ihn Einnehmendes. Er trug ein blaues Hemd und ein schwarzes weites Beinkleid, das in die Stiefel gesteckt war. Sie wollte ihn fragen, wer er wäre und tvohcr er käme, ob er schon lange ihren Sohn kenne, aber plötzlich schaukelte er wieder mit dem ganzen Leib und fragte sie seinerseits: „Wer hat Euch über die Stirn gehauen, mein Mütter- lein?" Er fragte freundlich mit deutlichem Lächeln in den Augen: doch das Weib wurde durch diese Frage gekränkt. Sie preßte die Lippen fest zusammen, schwieg einen Augenblick und erkundigte sich dann kalt und gewichtig: „Was geht Sie das an, mein Herr?" Er lehnte sich mit dem ganzen Körper gegen sie und sagte: „Seid mir nicht böse! Ich habe ja nur deswegen gefragt. weil meine Ziehmutter ebenfalls einen Hieb über den Kopf bekommen hat, genau so wie Ihr. Die hat nämlich ihr Schatz gehau'n, de? Schuster, mit dem Leisten — ratsch! Sie war Wäscherin und er Schuster. Sie hat den Trunkenbold erst, nachdem sie mich als Sohn angenommen, irgendwo gefunden, zu ihrem großen Kummer.-. Der hat sie geprügelt, sage ich Euch! Mir ist vor Angst die Haut geplatzt..." Die Mutter fühlte sich durch seine Offenheit entwaffnet, und ihr kam der Gedanke, daß Pawel vielleicht wegen ihrer unfreundlichen Antwort, die sie diesem Sonderling gegeben böse sein könne. Sie lächelte schuldbewußt und sagte: „Ich bin nicht böse, aber Ihr habt so plötzlich gefragt. Der teure Gatte hat mir das verehrt... Gott Hab' ihn selig!... Ihr seid doch kein Tatare?" Der Mensch baumelte mit den Beinen und lächelte st breit, daß seine Ohren bis zum Scheitel rückten. Dann sprach er ernst: „Nein, bis jetzt noch nicht!" „Eure Aussprache kommt mir nicht ganz russisch vorl� erklärte die Mutter lächelnd. _„Sie ist besser als die russische!" nieinte der Gast, der- gnügt den Kopf wiegend.„Bin ein Kleinrusse aus Kanew ." „Seid Ihr schon lange hier?" „Hab' ungefähr ein Jahr in der Stadt gelebt..- bin aber jetzt vor einem Monat zu Euch in die Fabrik gezogen, Hab' hier gute Menschen gefunden— Euren Sohn und ein paar andere... Hier will ich mich etwas aufhalten!" sagte er, seinen Schnurrbart zausend. Er gefiel ihr. Sie empfand den Wunsch, ihm seine Be- merkung über den Sohn mit etwas zu vergelten und machte ihm den Vorschlag: „Vielleicht trinkt Ihr ein Gläschen Tee?" „Wie werde ich allein zugreifen?" erwiderte er ächsesi zuckend.„Wenn alle da sind, dann könnt Ihr uns trak- tieren..." Er erinnerte sie an ihre Furcht. „Wenn doch alle so wären wie dieser!" wünschte sie in ihrem Innern. Wieder ertönten Schritte im Flur, die Tür wurde schnell geöffnet. Die Mutter stand auf. Zu ihrem Erstaunen trat ein ärmliches und leicht gekleidetes Mädchen von mittlerem Wuchs, mit dem schlichten Gesicht einer Bäuerin und einem dicken, hellen Zopf in die Küche. Sie fragte leise „Komme ich nicht zu spät?" „Nein doch," erwiderte der Kleinrusse, aus dem Zimmer guckend.„Kommen Sie zu Fuß?" „Natürlich! Sind Sie Pawels Mutter? Ich grüße Sie« Ich heiße Natascha..." „Und Ihr Vatername?" fragte die Mutter „Wassiljewna... Und wie heißm Sie?" „Pelagea Nilowna." „Nun, da sind wir ja miteinander bekannt geworden." „Ja!" sagte die Mutter mit einem Seufzer und blicktg daS Mädchen lächelnd an. Der Kleinrusie half ihr beim Auskleiden und fragte: „Ist es kalt?" „Auf dem Felde sehr! Starker Wind. - Ihre Stimme war saftig, hell, ihr Mund klein, voll, unkij ihre ganze Gestalt rund und frisch. Nachdem sie sich aus» gekleidet, rieb sie mit ihren kleinen, von der Kälte geröteten Händen kräftig die roten Wangen, ging mit kleinen, schnellen Schritten im Zimmer auf und ab und stampfte laut mit den Hacken auf den Fußboden. �. „Sie geht ohne Galoschen!" blitzte der Mutter durch den Kopf. „Ja— a.-." sagte das Mädchen gedehnt.„Bin schön durchgefroren!" „Ich werde Ihnen gleich den Samowar wärmen," sagt» die Mutter schnell und trat in die Küche.„Sofort.-." Es kam ihr vor, als wenn sie dieses Mädchen läng� kenne und sie wie eine gute, mitleidige Mutter liebte. Sia freute sich über ihren Anblick, malte sich die blauen, etwas blinzelnden Augen des Gastes aus und lächelte zufrieden, in» dem sie der Unterhaltung im Zimmer lauschte. „Warum sind Sie so verdrießlich, Naschodka?" fragte daS Mädchen. „So..." erwiderte der Kleinrusse halblaut. t„Dte Witwe hat gute Augen... da fiel mir ein, daß vielleicht meine Mutter ebensolche hat. Wissen Sie. ich denke oft cm meine Mutter... und glaube immer, sie ist noch am Leben." »Sie haben doch gesaat. sie sei tot?"
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24 (6.7.1907) 129
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