Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 130.

Die Mutter.

Dienstag, den 9. Juli.

( Nachdrud verboten.)

6] Roman von Magim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. Dann kamen zwei junge Burschen, fast noch Knaben. Einen von ihnen kannte die Mutter- es war der Neffe des alten Fabritarbeiters Sfisow Fedor, mit schmalem Geficht, hoher Stirn und Locken. Der andere, glatt frisierte und be­scheidene, war ihr unbekannt, aber ebenfalls nicht schrecklich. Endlich erschien Pawel und mit ihm zwei junge Menschen, die fie beide von Ansehen kannte; es waren Fabrikarbeiter. Der Sohn sprach freundlich zu ihr:

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Hast den Samowar aufgestellt? Schönen Dank!" Vielleicht soll ich Branntwein holen?" schlug sie vor, da sie nicht wußte, wie sie ihm ihre Dankbarkeit für etwas, was sie noch nicht begriffen hatte, ausdrücken sollte.

,, Nein, das haben wir nicht nötig!" erwiderte Pawel, sich auskleidend und ihr freundlich zulächelnd.

Es schien ihr plöglich, daß ihr Sohn die Gefährlichkeit der Versammlung absichtlich vergrößert hatte, um sie zu foppen.

-

,, Sind das die gefährlichen Menschen?" fragte sie leise. " Ja, die sind es!" erwiderte Pawel, ins Zimmer tretend. Ei, Du Strick!" rief sie ihm freundlich nach und dachte leutselig: Noch das reine Kind!"

VI.

Als der Samowar zischte und sie ihn ins Zimmer trug, saßen die Gäste in engem Kreise um den Tisch; Natascha aber hatte mit einem Buch in der Hand in der Ecke, wo die Lampe stand, Platz genommen.

Um zu verstehen, warum die Menschen so schlecht leben..." sagte Natascha. Und warum sie selbst schlecht sind," flocht der Klein­

russe ein.

" 1

Man muß zusehen, wie sie zuerst gelebt haben." Nun feh' einer die lieben Leute!" murmelte die Mutter, den Tee aufgießend.

Alle verstummten.

Was willst Du, Mama?" fragte Pawel, die Stirn runzelnd.

ch?" Sie blickte sich um, und als sie vernahm, daß alle sie anschauten, erklärte sie befangen:

Ich sagte nur so für mich. Nun sieh einer an!" Natascha lachte laut auf, und Pawel lächelte; der Klein­russe aber sagte:

" Schönen Dank, Mütterlein, für den Tee!" " Haben noch nicht getrunken und bedanken sich schon!" gab sie zurück und fragte mit einem Blick auf ihren Sohn: " Ich störe doch nicht?"

Natascha erwiderte:

Wie fönnen Sie, die Hausherrin, Ihre Gäste stören?" Und bat fast kindlich flehend:

,, Liebste, geben Sie mir doch bald Tee! Ich zittere am ganzen Leibe... Die Füße sind erschrecklich falt!" Sofort, sofort," rief die Mutter schnell.

1907

Pawel faß neben Natascha; er war der schönste von allen. Natascha hatte sich tief über das Buch gebeugt und schob häufig ihr feines, lockiges Haar, das ihr auf die Schläfen rutschte, beiseite. Hin und wieder schüttelte sie den Kopf, dämpfte die Stimme und machte eine Bemerkung, ohne in das Buch zu blicken; dabei glitten ihre Augen über die Ge sichter der Zuhörer hin. Der Kleinrusse lehnte mit seiner breiten Brust gegen die Tischecke, drehte seinen Schnurrbart und schielte mit den Augen, indem er sich bemühte, die zer­zausten Enden des Schnurrbartes zu sehen. Wiessowschtschikow faß gerade, gleichsam hölzern auf seinem Stuhl, hatte die Handflächen auf die Knie gestützt, und sein pockennarbiges Gesicht ohne Brauen und mit dünnen Lippen war unbeweg­lich wie eine Maske. Ohne mit den schmalen Augen zu blinzeln, blickte er hartnäckig auf sein Gesicht, das sich im glänzenden, kupfernen Samowar spiegelte, und schien nicht zu atmen. Der kleine Fedja hörte auf das Lesen und be­wegte lautlos die Lippen, als wiederholte er für sich die Worte aus dem Buche; sein Freund aber saß frumm mit auf die Knie gestüßten Ellbogen da, hatte die Kinnbacken in die flachen Hände gelegt und lächelte nachdenklich. Einer von den Burschen, die mit Pawel gekommen waren, ein zarter Mensch mit lustigen, grünen Augen, war ein rötlicher Locken­topf; er schien etwas sagen zu wollen und rückte ungeduldig hin und her; der andere blondhaarige, kurzgeschorene, fuhr sich mit der flachen Hand über den Kopf und blickte auf den Fußboden; sein Gesicht war nicht zu sehen. Es war warm im Zimmer, und es herrschte eine eigenartige, gemütliche Stimmung. Die Mutter hatte eine besondere, ihr bis dahin unbekannte Empfindung; bei Nataschas singendem Vorlesen, das mit dem zitternden Singen des Samowars verschmolz, erinnerte sie sich an die lärmenden Abendunterhaltungen in ihrer Jugend, dachte an die rohen Worte der Burschen, die stets nach schlechtem Branntwein rochen, und an ihre zynischen Späße. Und ein beklemmendes Gefühl des Mitleids mit sich felbst rührte leise an ihr müdes, mißhandeltes Herz.

Vor ihr tauchte die Szene auf, als ihr verstorbener Gatte um sie geworben hatte. An einem Unterhaltungsabend hatte er sie im dunklen Flur roh gepact, mit dem ganzen Leibe gegen die Wand gedrückt und dumpf und zornig gefragt: Willst Du mich heiraten?"

Das tat ihr weh und kränkte sie; er aber zerknüllte mit rohen Fingern ihre Brüste, schnob und atmete ihr heiß und feucht ins Gesicht. Sie versuchte sich seinen Händen zu ent­winden und stürzte zur Seite..

los

Wohin!" brüllte er. Gib Antwort."

Keuchend vor Scham und Schmach schwieg sie.

Da öffnete jemand die Flurtür, und er ließ fie langsam mit den Worten:

Sonntag schicke ich die Brautwerberin=** Er schickte sie wirklich.

Die Mutter schloß die Augen und seufzte schwer.

" Ich brauche nicht zu wissen, wie die Menschen gelebt haben, sondern wie man überhaupt leben muß!" ertönte im Zimmer Wiessowschtschikows unzufriedene Stimme.

"

"

" Sehr richtig!" pflichtete der Rothaarige, sich erhebend, ihm bei. Ich bin anderer Meinung!" rief Fedja. Wenn wir Als Natascha eine Taffe Tee getrunken, seufzte sie schwer, borwärts kommen wollen, müssen wir alles wissen... Stimmt! Das stimmt..." sagte der Krauskopf leise. warf ihren Zopf auf die Schulter und begann aus einem großen Buch in gelbem Einband und mit Bildern vorzulesen. Es entstand ein lebhafter Streit, und Tie Worte funkelten Die Mutter bemühte sich, mit dem Geschirr nicht zu klappern, pie Flammenzungen im Scheiterhaufen. Die Mutter ver­goß die Gläser voll und strengte ihr des Denkens ungewohntes stand nicht, worüber man schrie. Alle Gesichter brannten rot Gehirn an, indem sie auf die ebenmäßig dahinfließende Rede vor Erregung, aber niemand wurde bösartig und gebrauchte des Mädchens horchte. Nataschas flangvolle Stimme floß mit die ihr bekannten scharfen Ausdrüde. dem zarten, nachdenklichen Singen des Samowars zusammen, ,, Sie genieren sich vor dem Fräulein!" entschied sie und durch das Zimmer wand sich zitternd in einem hübschen bei sich. Band eine einfache, klare Erzählung von wilden Menschen, die in Höhlen lebten und mit Steinen wilde Tiere töteten. Das hatte Aehnlichkeit mit einem Märchen, und die Mutter blidte mehrmals nach ihrem Sohn hin, um ihn zu fragen- was denn an dieser Erzählung von Wilden Verbotenes sei? Aber sie wurde bald müde, der Erzählung zu folgen und be­gann, unmerklich für den Sohn und für die Gäste, sie zu be­obachten.

Ihr gefiel das ernste Gesicht Nataschas, die so aufmerksam alle beobachtete, als wären die Burschen in ihren Augen Kinder.

Wartet einmal, Genossen!" sagte sie plöglich. Und alle schwiegen und sahen sie an.

Recht haben die, die sagen: wir müssen alles wissen. Wir müssen uns selbst mit dem Licht der Vernunft erleuchten, da­mit die Menschen, die in dunkler Unwissenheit leben, uns