NnterHaltungsblatt des Horwärts Nr. 135. Dienstag, den 16. Juli. 1907 (Nachdruck verboten.) UI Vie Mutter. Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Heß. Ihr Sohn und der Kleinrusse lachten, und das gab ihr neuen Mut. Dann wählte Pawel einige Bücher aus und ging, um sie auf dem Hofe zu Versteckens der Kleinrusse aber setzte den Samowar auf und sagte: „Ist gar nicht schrecklich, Mütterlein; man muß sich nur schämen, daß die Menschen sich mit solchen Dingen abgeben. Da kommen dann diese längen Labans in grauer Uniform mit dem Säbel an der Seite, Sporen an den Füßen, und stöbern überall herum. Gucken unters Bett und unter den Ofen, ist ein Keller da, kriechen sie selbst in den hinab, steigen sogar auf den Boden. Da kriegen sie Spinneweben auf die Schnauze, daß sie schnauben. Das alles macht ihnen keinen Spaß: sie schämen sich, und daher tun sie auch so, als seien sie sehr böse und giftig auf uns. Eine ekelhafte Arbeit, daß wissen sie selbst ganz genau! Einmal haben sie bei mir alles durchgestöbert und zogen dann mit langer Nase ab... Ein andermal aber haben sie mich abgefaßt und mitgenommen... Dann ging es natürlich ins Loch... Da Hab' ich meine vier Monate gebrummt. Langweilig. Dann wird man vor- geladen, von Soldaten über die Straße geschafft... nach allerhand gefragt. Ein unvernünftiges Volk, redet dummes Zeug, immerzu, und läßt einen dann wieder durch die Soldaten ins Gefängnis abführen. So zerren sie einen hin und her... Müssen sich ihr Gehalt doch irgendwie der- dienen! Schließlich lassen sie einen wieder los,,, und das ist alles!" „Wie Ihr immer redet, Undrfuscha!" rief die Mütter unwillkürlich. � Er lag vor dem Samowar auf den Knien und blies hart- näckig in das Abzugsrohr, jetzt aber erhob er sein vor An- strengung rotes Geficht, strich mit beiden Händen den Schnurr- bart und fragte: �Wie rede ich denn?" ?,Als wenn Euch jemand gekränkt hat..." Er stand auf, trat zu ihr und meinte kopfschüttelnd mit feinem Lächeln: „Gibt es denn ein Menschenherz, das nie gekränkt worden ist? Mich hat man derart mitgenommen, daß ich es satt bekommen habe, mich gekränkt zu fühlen. Was soll man machen, wenn die Leute nicht anders können? Die Kränkungen hindern mich, mein Werk zu verrichten... Ver- meiden kann ich sie nicht, halte ich mich lange dabei auf— so verliere ich Zeit. Das Leben ist nun einmal so! Früher war ich wütend auf die Menschen.., Als ich dann aber nach- dachte, sah ich, daß alle innerlich zerfallen sind!... Jeder hat Angst, daß der Nachbar ihm einen Hieb versetzt, nun, und da gibt er sich Mühe, ihn selbst schnell hinter die Ohren zu schlagen! So ist das Leben, Mütterlein!" Seine Rede floß ruhig und bestimmt dahin und ver- drängte jede Unruhe und Furcht vor der bevorstehenden Haus- suchung; seine Augen lächelten hell und traurig, und sein ganzes, wenngleich eckiges Wesen erschien schmiegsam und durchaus nicht spröde. Die Mutter seufzte und wünschte ihm mit warmen Worten: „Gott gebe Ihnen Glück, Andrjuscha!" Der Kleinrusse ging mit breiten Schritten auf den Samowar zu, hockte wieder vor ihm nieder und murmelte leise: „Kommt das Glück— so weise ich es nicht ab, bitten darum— werde ich nie, es mir nehmen— dazu habe ich keine Zeit!" Und pfiff. Pawel trat bom Hof herein und sagte zuversichtlich: „Da finden sie sie nicht!" und begann sich zu waschen. Dann trocknete er kräftig und sorgfältig seine Hände ab Und meinte: „Mama, wenn Du ihnen zeigst, daß Du bange bist, werden sie stutzig— sagen sich, in diesem Hause muß etwas sein, wenn sie solche Angst hat. Wir haben aber noch nichts verbrochen... gar nichts! Du weißt doch: Wir wollen nichts! Schlechtes, die Wahrheit ist auf unserer Seite, und wir werder« unser ganzes Leben lang für sie kämpfen— das ist unsere ganze Schuld? Was brauchen wir uns also zu fürchten?" „Ich will mich zusammennehmen, Pawluscha," versprach! sie. Und dann entrang sich ihr der traurige Ausruf: „Wenn sie doch bald kommen möchten!" Sie kamen aber nicht in dieser Nacht, und am nächsten Morgen begann die Mutter, um etwaigen Scherzen über ihre Angst zuvorzukommen,'sich selbst zu verspotten. 52 Die Gendarmen erschienen gerade dann, als man sie nicht erwartete, fast einen Monat nach jener unruhigen Nacht. Nikolai Wjessowtschikow saß bei Pawel, und mit Andrej redeten alle drei von ihrer Zeitung. Es war spät gegen Mitternacht. Die Muter lag schon im Bett und hörte halb im Traum besorgte leise Stimmen. Jetzt ging Andrej vor- sichtig durch die Küche und schloß die Tür leise hinter sich. Im Flur polterte der Blecheimer. Plötzlich wurde die Tür weit geöffnet— der Kleinrusse schritt in die Küche und flüsterte den anderen laut zu: „Aufgepaßt, da klirren Sporen auf der Straße'!.. Die Mutter sprang vom Bette auf, griff mit zitternden Händen nach ihrem Kleid, aber da erschien Pawel in der Zimmertür und sagte ruhig: „Du bleibst liegen... Du bist krank!" Man hörte verhaltenen Lärm im Flur. Pawel trat zuv Tür, stieß sie mit der Hand auf und fragte: „Wer ist da?" Sonderbar geschwind wand sich eine große, graue Gestalt zur Tür hinein� hinter ihr eine andere, zwei Gendarmen drängten Pawel zurück, postierten sich an seiner Seite, und eine hohe, spöttische Stimme rief: „Jemand, den Ihr wohl nicht erwartet hattet, he?" Das sagte ein großer, schlanker, schmächtiger Offizier niit schwarzem, spärlichem Schnurrbart. Neben dem Bett der Mutter erschien der Vorstadtpolizist Fedjakin, legte eine Hand an die Mütze, deutete mit der anderen auf das Gesicht der Mutter und sagte mit finsterem Blick: „Das ist seine Mutter, Herr Leutnant!" Dann bewegte er die Hand gegen Pawel und fügte hinzu:„Und das— ist er sewst!" „Pawel Wlassow?" fragte der Offizier, mit den Augen zwinkernd, und als Pawel schweigend nickte, erklärte er, seineu Schnurrbart drehend: „Ich muß bei Dir eine Haussuchung vornehmen... Alte, aufgestanden! Wer ist dort?" fragte er ins Zimmer blickend und schritt hastig zur Tür. „Wie heißen Sie?" ertönte seine Stimme von dorther. Aus dem Flur traten zwei Polizeizeugen, der alte Gießer Twerjakoff und sein Mieter, der Heizer Rybin, ein stämmiger, schwarzer Muschik. Er sagte mit tiefer, lauter Stimme: „Guten Tag, Nilowna!" Sie kleidete sich an und sagte, um sich Mut zu machen1,, leise: „Was ist denn das!... Kommen mitten in der Nacht Z wenn die Leute schon schlafen!..." Es war eng im Zimmer und roch sonderbar nach Stiefel» wichse. Zwei Gendarmen und der Polizeioffizier der Vor» stadt Ryskin nahmen, mit den Füßen laut trappelnd, die Bücher vom Regal und legten sie auf einem Tisch vor dem Offizier zusammen. Die beiden anderen schlugen mit der Faust gegen die Wand, guckten unter die Stühle, einer kletterte ungeschickt auf den Ofen. Der Kleinrusse und Wjessow- schtschikow standen dicht beieinander in der Ecke. Nikolais Pocken - narbiges Gesicht bedeckte sich mit roten Flecken, seine kleinen grauen Augen blickten unverwandt den Offizier � an. Der Kleinrusse drehte seinen Schnurrbart, und als die Mutter ins Zimmer trat, nickte er ihr freundlich lächelnd zu. Sie bemühte sich, ihre Furcht zu unterdrücken und be» wegte sich nicht seitswärts wie sonst, sondern geradeaus, mit der Brust vorwärts— das gab ihrer Gestalt einen komischen, wichtigtuerischen Anstrich. Sie trat fest auf, und ihre Brauen zitterten..,
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24 (16.7.1907) 135
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