Nr. 290.
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16. Jahrg.
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Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Plötzliche Weltwende.
Dienstag, den 12. Dezember 1899.
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
als Weisheit Bismärdischer Realpolitik, die deutschen Kräfte und auch wurde, wenigstens so gedeutet, daß es der inmitten der europäischen Schwierigkeiten fest zusammen zu Wirkung der Komödie Abbruch that. Die Redeblümchen voni halten, so verkündet man heut das Evangelium des„ Ein Hammer und Amboß ", vom steigenden Wohlstand" machten Mit der Etatsberatung sollte der Reichstag die Lösung fegens an möglichst vielen Punkten" draußen auf dem weiten dem nationalen Mustermenschen Schweinburg aus Galizien , feiner eigentlichen Winteraufgabe beginnen. Aber die Kritik Erdenrund, so taumelt man in den Phantasien eines Verfasser des Librettos, alle Ehre. Er teilt mit Herrn v. Bülow des Etats, der Kampf wider die volksverderbliche Art der größeren Deutschlands ", das zusammengerafft wird aus die Ehren des Tages. Aufbringung und der Verausgabung des Reichsvermögens allerhand Länderfeßen und Inselspreu, das dem deutschen Dritter Att der Komödie. Der Sekretär des Marinewird völlig zurückgedrängt durch die Notwendigkeit, ein neues Steuerzahler mehr Geld kostet als der ganze Handels- Amts, Admiral Tirpik, hält eine Rede. Er hat nicht das Unternehmen schwerster Volksbelastung und verhängnisreichster umsatz auf alle absehbare Zeit ausmacht. Talent seines Kollegen Bülow, und da er bei jedem Wort Reichsgefährdung abzuwehren. Das neue Flottengeset Die Kostenfrage ist das einzig Klare im wogenden über seine früheren Versprechungen stolperte, so wurde der beherrscht die politische Situation. Nebelgrau der weltwendenden Marinepläne. Die un Knalleffekt der zwei ersten Atte etwas unfünstlerisch abge Noch am 24. Oftober erklärte die„ Nordd. Allgem. Ztg.", geheuren Summen, welche vorläufig zur Schaffung schwächt. für dieses Jahr sei keine neue Forderung für die Marine ge- Ser Weltmachtflotte nötig find sollen, wie der Nachspiel der Komödie. Eine zweite Finanzrede des plant. Wenige Tage später aber veröffentlichte dasselbe Re- Reichskanzler ankündigte, durch neue Anleihen Anleihen auf Herrn Sekretärs der Reichsfinanzen, um das Fiasko des gierungsorgan einen alle früheren Flottenforderungen weit gebracht werden. Während der Reichstag schon bei der Be- biederen zu seinem Glück noch nicht„ alten" Seemannsüberragenden Flottenplan. Zwischen beiden Veröffentlichungen willigung des 1898er Flottengefeßes die Forderung im Gesetz der weder zur höheren noch niederen Komödie sich eignet, lag die bekannte Hamburger Kaiserrede: Bitter not thut uns aussprach, daß die Kosten jedenfalls nicht durch Ver- mit einer Wolfe von Ziffern zu umhüllen. Herr von Thiereine große Flotte mehrung der indirekten Steuern herbeigeschafft werden mann war von der Komit seines Auftretens in diesem NachMittlerweile haben auch die Bundesregierungen zu dem dürfen, ist jetzt die Regierung bereit, die Schulden spiel so durchdrungen, daß er selbst lachen mußte. neuen Plan ihre Zustimmung erklärt. Zwar liegt noch kein des Reiches Reiches wieder gewaltig zu vermehren, für Und das war das würdigste Ende dieser Komödie, die fertiger Gefeßentwurf vor, aber der Reichskanzler konnte deren Bins last das„ elende Volk der Steuerzahler" auf den anspruchsvollen Reichstag leider nicht den erwünschten ihn bereits in großen Umrissen dem Reichstage vorführen. fein täglich Brot verteuern lassen muß. Eindruck gemacht und die Aussichten der uferlosen FlottenNun soll sich der Reichstag zu dem wundersam schnell ge Herr v. Thielmann veranschlagt selbst die Kosten des neu zu pläne sicherlich nicht verbessert hat. borenen Plan in gleicher Hurtigkeit des Anschauungswechsels bauenden Panzer- Doppelgeschwaders und der Verdoppelung Daß der Reichstag , statt mit patriotischem Hurra! in befehren.- der Auslandskreuzer auf 783 Millionen Mark. Aber wer die Etatsdebatte hineinzuspringen und mit patriotischem Hurra Nach den Andeutungen des Reichskanzlers übertrifft das glaubt, daß diese Summe zureichen wird? Kommt man nicht sich für die Bewilligung zu verpflichten, die Sigung aufhob zu erwartende Gesetz noch die früheren Ankündigungen der jetzt schon mit Nachforderungen für das vorjährige Flottengesek, und erst Dienstag die Budget Debatte beginnen wird, das offiziöfen Blätter. Es wird nicht nur die Verdoppelung da die in ihm angesezten Summen nicht genügen? Werden nicht war gewiß fein gutes Vorzeichen für unsere Zuchthaus. des gesamten Kriegsschiffs bestandes, wie er die Panzerfolosse fast von Jahr zu Jahr kostspieliger? Weiter und Wasserpolitiker. sich nach Durchführung des jeßigen Flottengesetes gestaltet aber sind in der Summe, die Herr v. Thielmann_angab, haben wird, gefordert, sondern diese Verdoppelung wird weder die mit dem Wachstum der Kriegsflotte wachsenden innerhalb einer weit fürzeren Frist geplant Sosten der Marine- Anlagen auf dem Lande, noch die Kosten als bisher angenommen wurde. Herr Tirpik sprach bereits für die Ersagbauten, noch endlich die gesamten fortdauernden einer Durchführung der Verdoppelung binnen Ausgaben des Marine- Etats einbezogen.
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10-12 Jahren! Da die Frist aber nicht gefeßlich fest- Und warum diese Rüstungs- Ungeheuerlichkeiten? Herr gelegt werden soll, so wird die Regierung ein noch v. Bülow erflärt, wir leben in trefflichen Beziehungen schnelleres Tempo vom Reichstag ertrogen können, zu den anderen Staaten. In gleichem Atemzug aber sobald dieser einmal die Verdoppelung der Flotte selbst erklärte er auch, wir müssen rüsten, weil der Nachbar bewilligt haben würde. Hammer uns als Amboß gebrauchen will. Herr v. Bülow Gründe für jede beliebig hohe Forderung von Kriegs vergißt nur die uralte Selbstverständlichkeit, die aber eine schiffen und für ein Bautempo von beliebiger Schnelligkeit Regierung der Weltwende nicht zu sehen verpflichtet ist, find reichlich vorhanden, wenn das, was sich in den ver- daß der Nachbar sich gerade so auf unser böses Beispiel beruft, einten Lese- und Redeleistungen des Reichskanzlers, des wie wir auf das seine, daß unser geniales Flottengesetz bei den Staatssekretärs des Auswärtigen, des Marine- und Schatz- Staatsmännern Rußlands und Frankreichs , Englands und sekretärs anbot, eine Begründung der neuen Forderungen Amerikas die gleiche Genialität entfesselt: Wir müssen mehr bedeuten soll. Mit denselben Argumenten könnten die Schiffe schaffen! Herren Minister das Dreifache und Fünffache fordern, was Dem Reichstag ist die Aufgabe gestellt, in den sie jetzt fordern. Trunkenheiten der gepanzerten Weltpolitik klaren Kopf zu beHerr v. Bülow sieht einen plötzlichen Umschwung aller wahren. Erfaßt der Reichstag seine Pflicht recht, so behandelt Weltverhältnisse. Sein Marinekollege beugt sich dieser ge er die Plöglichkeiten des Flottenwahnes nicht glimpflicher als die sunden Realpolitik", die eine neue Aufteilung der Plötzlichkeiten des Zuchthauskurses. Jene sind nicht Erde " borschreibt. Aber welches sind denn die ge- minder gefährlich für das deutsche Volt als waltigen Aenderungen auf dem politischen Erdball? diefe es waren! Die Herrn sprechen von den Lehren des Krieges der Vereinigten Staaten mit Spanien . Doch diese Lehren hinderten weder Herrn v. Bülow noch Herrn Tirpit, noch zu Beginn dieses Jahres die Absicht eines neuen Flottengesetzes vor Durchführung des Gesetzes von 1898 durchaus zurückzuweisen. Und thatsächlich konnten die Erfolge der Ver einigten Staaten mindestens nicht zur Nachahmung reizen; mit einem Vorspiel und einem Nachspiel kann man den ersten Kuba hat den Amerikanern bisher wenig Freude bereitet und Tag der Budgetberatung nennen.
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Politische teberlicht.
mit den Filippinos werden sie trotz bereits Jahre dauernder Ort der Komödie: derdeutsche Reichstag.
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Miquels Selbstreinigung.
Bon allen Seiten bedrängt hat der Finanzminister v. Miquel, offenbar unter der Einwirkung höheren Zwanges, ein letztes, in der preußisch deutschen Regierungstradition unerhörtes Mittel versucht, um seinen Sturz zu verhindern.
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Heute mittag überraschte die„ Berliner Korrespondenz" die politische Welt mit folgender Erklärung:
In lezter Zeit sind so viele unwahre und zu einem ganz bestimmiten Zwecke einfach erfundene Verdächtigungen gegen mich in einem großen Teile der Presse gebracht, daß ich mir vorgenommen hatte, dieselben persönlich und öffentlich im Landtage als solche zu bezeichnen. Dahin gehören u. a. die Erzählungen von einem Diner im Monat Mai d. Js., bei welchem ich mich so entschieden gegen die Kanalvorlage ausgesprochen hätte, daß Herr v. Eynern abmahnend dazwischen getreten sei, was selbst immer noch wiederholt wird, obwohl Herr v. Eyneru öffentlich erklärt hat, daß ihm davon nichts bekannt sei;
jowie von einem andern" Diner, wo etwas Aehnliches vorgekommen sei;
ferner die Behauptung, daß mir bekannt gewesen sei, ans weisen Feder anonyme Artikel in der Post" gegen die Kanalvorlage herrührten;
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oder daß ich Abgesandte nach der Redaktion der Kreuz- Zeitung " gesandt hätte, um einen in derselben erschienenen, irrige Angaben enthaltenden Artikel zu dementieren und einen Sonderfrieden mit den Konservativen zu schließen;
oder daß ich die Flottenfrage mit den Sornzöllen in der Presse habe in Verbindung bringen lassen.
Mit der Charakterisierung dieser und ähnlicher Behauptungen hätte ich warten können, wenn nicht die Freifinnige Zeitung" nunmehr detaillierte, den Schein der Richtigkeit äußerlich an fich tragende Mitteilungen von distreten Vorgängen in Wilhelms höhe , sogar aus einer Kronratssitzung, in Bezug auf mein Vers halten in Betreff der Zurdispositionsstellung von politischen Beamten brächte.
Kämpfe überhaupt nicht fertig. Nun ist aber neu das Er- Gegenstand der Komödie: die Zukunft Deutschlands eignis in Südafrika , der Krieg Englands gegen die Frei- im Wasser. staaten Boeren. Ein unglückseligeres Argument Vorspiel: eine Finanzrede des Staatssekretärs für für eine Flottenvermehrung konnte Herr v. Bülow Finanzen über den Etat und einiges andere. Dics nötigt mich, zu erklären, daß diese Mitteilungen abfolut nicht vorbringen. Die größte Seemacht, der es nach- Interessanteste Stelle des Vorspiels: Die Kolonien falsch und unwahr sind, daß ich mich aber als Minister nicht zuthun Idas höchste Streben unserer Weltpolitiker" im allgemeinen und Kiautschou im besonderen entwickeln sich berechtigt halte, die wirklichen Hergänge in die Oeffentlichkeit zu ist, vergeht in Ohnmacht vor v. Miquel, bringen. der Freiheitsbegeisterung auf das gesundeste kosten aber immer mehr Geld. eines winzigen Völkchens. Sollen wir dazu eine Weltmacht- Erster Att der Komödie: Der Reichskanzlerd Staats- und Finanzminister. flotte bauen, daß wir eine ähnliche Schmach auf uns laden, erscheint als Gott aus der Maschine" und verkündet feierlich, Wir verdanken dem Umstande, daß der Finanzminister in seiner wie sie jetzt von den Chamberlains des„ greater Britania" daß die neue Flottenvorlage unmittelbar kommen wird, so höchsten Not sich zu diesem Schritte entschließen mußte, der auf ein auf ihre Nation gewälzt wird? Sieht so das größere daß der Reichstag sie gleich nach den Christferien in Beratung herrisches Entweder Oder zurückzuführen ist, eine dankenswerte Deutschland " aus, das der Staatssekretär des Auswärtigen nehmen kann. Es handelt sich nur um eine Verdopplung Neuerung in unseren politischen Bräuchen. Es ist sicher ein Fortuns verheißt? der vor 2 Jahren vom Reichstag bewilligten Flotte; auch schritt, daß ein Minister mit Namensunterschrift seine Eranstatt, wie sonst üblich, sich hinter Herr v. Bülow hat sich mit einer eminent eiligen Ge- wird keine Festlegung auf eine längere Reihe von Jahren flärinigen abgiebt, schwindigkeit auch Geschäftstenntnisse erworben, um gefordert, dem Reichstag soll jedes Jahr die Pistole auf die anonymen offiigiösen Kundgebungen zu verschanzen. Vor Jahr die ein Fachhistoriker ihn beneiden darf. In jedem Jahr Brust gesezt werden. und Tag ereignete sich einmal etwas Aehnliches. Damals tam Gerede, weil sein finanziell hundert eine Neuaufteilung des Erdballs, also wird eine 8 weiter Att der Komödie. Rede des Staatssekretärs der Minister v. Bötticher ins folche Neuaufteilung auch im neuen Jahrhundert wieder ein- fürs Aeußere, des Herrn v. Bülow, über die uferlose Welt- bedrängter Schwiegervater aus dem Welfenfonds unterstützt worden treten, und da soll Deutschland nicht beiseite treten". Würde und Flottenpolitif. Vom Inhalt der Rede ist nichts zu war, und das Gesamtministerium stellte deshalb Herrn v. Bötticher Für Herrn v. Miquel rührten Herr v. Bülow weniger plöglich die Weltereignisse studieren, so sagen. Er kann bei Schweinburg nachgelesen werden, öffentlich ein Reinigungsattest aus. fönnte er finden, daß die moderne Stolonialgeschichte stets under das alles schon hundertmal geschrieben hat. Aber das sich nicht die lieben Kollegen, obwohl sie doch auch bei dem Kronrat verkennbarer auf die Bostrennung der Kolonial- Wie der Rede war ein künstlerisches Meisterstück. Un- zugegen gewesen sind und also am besten der verfolgten Unschuld reiche vom Mutterlande, auf ihre Verselbständigung zweifelhaft der Glanzpunkt der Komödie. Ein Augur, der aus dem Kastanienwäldchen bezeugen könnten, daß die Beweist. Freilich, Kamerun und Kiautschou werden uns das Lachen nicht verbeißen kann und es mit feierlicher Grabes- hauptungen der Freifinnigen Zeitung" unwahre Verdächtigungen nicht verloren gehen; niemand neidet sie uns und eine stimme gewaltsam ersticht das ist ein Schauspiel, welches feien. Herr von Miquel mußte mutterseelenallein in die Oeffentlich Stultur, die nach Unabhängigkeit verlangt, kann da nicht man nicht jeden Tag genießt. Der Reichstag konnte sich der gedeihen. Komit des Moments auch nicht verschließen, und als der feit flüchten, nur gewappnet mit seinem durch die wunder Die alldeutsche Thorheit, die gestern noch jedermann ver- poetische Herr Staatssekretär das größere Deutschland " ins baren Erfolge seines Lebens fiebartig gerlöcherten Namen. Tachte, ist heute regierungsfähig geworden. Üleber Nacht ist Feld führte und damit einem Nationalliberalen, dem All- Riemand hat es gewagt, seine Ableugmungen gegenzuzeichnen, und Herrn v. Bülow die Erleuchtung der neuen Weltwende ge- deutschen Hasse, ein Bravo entlockte, brach der Reichstag in eigentlich wäre es doch die Anstandspflicht Hohenlohes und der tommen, wie dem Grafen Pojadowsky, da er noch social- ein homerisches Gelächter aus. übrigen Minister gewesen, aus ihrer Kenntnis der Dinge heraus Unter reformerisch strebte, plöglich die Erleuchtung des Herr v. Bülow tann auf seine Lorbeeren stolz sein. Ihm dem verleumdeten Kollegen seine Reinheit zu attestieren. Zuchthausgeseges gefommen war. Mit virtuoser winkt eine Zukunft, jedoch nicht auf dem Wasser. Aus der der redaktionellen Verantwortlichkeit des Dr. jur. P. Hagemeister Hurtigkeit wechselt ein deutscher Leiter der auswärtigen Rolle fiel er nur einmal, als er von der Plöglichkeit" des muß der vereinsamte Miquel seine Beteuerungen der Welt vors Angelegenheiten die Grundsäße seiner Politik. Galt es gestern neuesten Flottenplans sprach, was mißdeutet werden konnte tragen.
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