Mnlerhallmgsblatt des Dorwärts Nr. 137. Donnerstag, den 13. Juli. 1307 (Nachdruck verboten.) 131 Vie Mutter. Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Hetz. Ich war bange", erwiderte Fedja,der Offizier würde schlagen! Dieser dicke Schwarzbart mit haarigen Fingern und einem schwarzen Kneifer auf der Nase sieht aus. als hätte er keine Augen. Hat geschrien und mit den Füßen gestampft! Ich lasse Dich im Gefängnis verfaulen", sagte er... Mich hat aber nie jemand geschlagen, weder Vater noch Mutter, weil ich der einzige Sohn bin. Sie haben mich lieb gehabt. Ueberall werden die Menschen geprügelt, mich aber hat man nie geschlagen..." Er schloß eine Weile die Augen, preßte die Lippen zu- sammen, ordnete mit einer geschickten Handbewegung sein Haar, blickte Pawel mit geröteten Augen an und sagte: Wenn man mich jemals schlägt so fresse ich mich wie ein Messer in den Menschen ein... zerbeiße ihn mit den Zähnen».. Dann soll man mich schon lieber ganz tot- schlagen!..." Verteidigen darfst Du Dich, das ist Dein gutes Recht," sagte Pawel. Du zarter, schmächtiger Junge!" rief die Mutter.Wie willst Du gegen andere angehen?" Das werde ich!" antwortete Fedja leise. Als er fortging, sagte die Mutter zu Pawel: Er geht zuerst zugrunde!.. ," Pawel schwieg. Ein paar Minuten darauf wurde die Küchentür lang- sam geöffnet und Rybin trat ein. Guten Tag!" grüßte er lächelnd.Da bin ich wieder. Gestern hat man mich mitgenommen, und heute komme ich von selbst!" Er schüttelte Pawel kräftig die Hand, faßte die Mutter an der Schulter und fragte: Gibst Du uns Tee?" Pawel betrachtete schweigend sein braunes, breites Ge- ficht mit dem dichten, schwarzen Bart und seinen dunklen, klugen Augen. In ihnen glänzte etwas Bedeutendes, und seine ganze stämmige Gestalt nahm durch ihre sichere Festig­keit für sich ein. Die Mutter ging in die Küche, um den Samowar zurecht­zumachen. Rybin setzte sich, strich seinen Bart, legte die Ell­bogen auf den Tisch und warf Pawel einen finsteren Blick zu. Also!" sagte er, gleichsam ein unterbrochenes Gespräch fortsetzend.Ich muß offen mit Dir reden. Ich habe Dich lange beobachtet, bevor ich gekommen bin. Wir wohnen fast nebeneinander, ich sehe, daß viele Leute zu Dir kommen; ge­trunken und gebummelt wird aber nicht. Das ist der erste Punkt. Wenn die Leute aber nicht bummeln, fallen sie sofort auf was ist da los? Ja. Deswegen steche auch ich allen in die Augen, weil ich still für mich lebe..." Seine Worte flössen gewichtig, aber ungezwungen dahin, und es klang ein Ton aus seiner Rede, der Zutrauen zu diesem Mann einflößte.Ja. Alle reden über Dich. Meine Wirts leute nennen Dich einen Ketzer. Du gehst nicht zur Kirche Ich gehe auch nicht hin. Dann kamen die Papiere, diese Flugblätter...Hast Du die zustande gebracht?" Ja!" erwiderte Pawel, ohne den Blick von Rybins Ge­sicht abzuwenden. Der sah ihn, ebenfalls fest in die Augen Was sagst Du!" rief die Mutter unruhig aus der Küche hereinblickend.Du doch nicht allein.. Pawel lächelte. Rybin ebenfalls. So!" sagte er. Die Mutter zog laut die Luft durch die Nase ein und ging hinaus, etwas beleidigt darüber, daß sie ihre Worte nicht beachteten. Die Flugblätter sind fein gemacht.-» Sie beunruhigen k>ie Leute... Waren es neunzehn?." Ja!" erwiderte Pawel. Dann habe ich alle gelesen? Ja. Einiges darin ist un perständlich und überflüssig... Nun, wenn jemand viel redet. kommt es ihm auf ein Dutzend Worte nicht an..." Rybin lächelte: er hatte weiße starke Zähne. Dann die Hausstrchung. Das hat mich am meisten für Euch eingenommen... Du, der Kleinrusse und Nikolai, alle habt Ihr Euch gezeigt.» Er fand nicht das richtige Wort, schwieg, blickte zum Fenster hinaus und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Habt gezeigt, was Ihr wollt. Tu, was du als Herr nicht lassen kannst, wir Arbeiter tun schon das unscrige... Der Kleinrusse ist auch ein braver Bursche. Manchmal höre ich, wie er in der Fabrik redet, und denke, den kriegt niemand klein, den bezwingt nur der Tod. Ein sehniger Bursche! Glaubst Du mir Pawel?" Ja!" sagte Pawel kvpfnickend. Na also. Sieh ich bin vierzig Jahr, doppelt so alt wie Du, habe zwanzig mal mehr gesehen. Bin über drei Jahr Soldat gewesen, war zweimal verheiratet, eine Frau ist gestorben, die andere habe ich fortgejagt. War im Kau- kasus, kenne die Duchoborzen... die bezwingen das Leben nicht, nein!" Die Mutter hörte aufmerksam auf seine sichere Rede; es war ihr ein angenehmes Gefühl, daß da ein bejahrter Mensch zu ihrem Sohn kam und mit ihm wie in der Beichte sprach. Aber es kam ihr vor, als verhielt Pawel sich allzu zurück- haltend gegen den Gast, und um dieses Benehmen weit zu machen, fragte sie Rybin: Vielleicht wollt Ihr etwas essen, Michail Jwanowitsch?" Danke, Mutter! Ich habe zu Abend gegessen. Also Pawel, Du glaubst, das Leben verläuft ungesetzmäßig?" Pawel stand auf und ging mit auf dem Rücken der« schränkten Händen im Zimmer hin und her. Es verläuft richtig!" sagte er.Euch hat es zum Bei« spiel mit offenem Herzen zu mir geführt. Uns, die wir unser ganzes Leben lang arbeiten, führt es allmählich zusammen; und die Zeit kommt, wo es uns ganz vereinigt. Es ist un- gerecht und schwer, aber es öffnet uns selbst die Augen über seinen bitteren Sinn, zeigt dem Menschen selbst, wie er den Verlauf beschleunigen kann. Wir alle denken gerade so, wie wir leben..." Das ist richtig. Aber wart' einmal," hielt Rybin ihn zurück,man muß die Menschen erneuern, denke ich. Wenn jemand räudig wird, führt man ihn ins Bad, wäscht ihn, zieht ihm saubere Kleidung an dann wird er gesund! Nicht wahr? Und wenn das Herz räudig wird, zieht man die Haut herunter, wenn auch Blut dabei fließt, wäscht das Herz, kleidet es neu nicht wahr? Kann man denn einen Menschen anders reinigen?" Pawel sprach eifrig und scharf über Gott, den Zaren, die Obrigkeit, die Fabrik, darüber, wie die Arbeiter im Ausland ihr Recht verteidigten. Rybin lächelte bisweilen, dann schlug er mit dem Finger auf den Tisch als setzte er einen Punkt dahinter. Mehrfach rief er aus; So ist es!" Und einmal sagte er leise. Ach, Du bist noch jung... kennst die Menschen wenig!'' Dann blieb Pawel vor ihm stehen und meinte ernsthaft: Wir wollen nicht darüber reden, wer älter und wer jünger ist! Wir wollen untersuchen, wessen Gedanken die richtigeren sind." Das heißt, Deiner Meinung nach hat man uns sogar mit Gott betrogen? Ich denke auch, unsere Religion ist falsch und schädlich..." Hier mischte sich die Mutter ein. Wenn ihr Sohn über Gott und etwas sprach, was ihr teuer und heilig war, suchte sie stets seinen Blick. Sie wollte ihn schweigend bitten, er möchte nicht mit den scharfen und beißenden Worten ihr Herz zerfleischen. Aber hinter seinem Unglauben fühlte sie den Glauben, und das beruhigte sie. Wie kann ich seine Gedanken verstehen?" dachte sie. Es war ihr, als wenn Rybin, der erfahrene Mann, Pawels Worte ebenfalls unangenehm und als Kränkung em» pfinden müsse. Als aber Rybin ruhig seine Frage an Pawel richtete, hielt sie es nicht aus und sagte kurz und hartnäckig: Was Gott anlangt, sollt Ihr etwas vorsichtiger sein! Tut, was Ihr wollt... Eure Werke werden Euch an» gerechnet..." Dann holte sie tief Atem und fuhr mit noch größerem Nachdruck fort: Womit soll ich alte Frau mich in meinem Kummer trösten, wenn Ihr mir den Herrgott nehmt..." Sie wusch das Geschirr ab. wobei ihre Finaer zitterten.