Unterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 151. Mittwoch, den 7. August. 1907 (Nachdruck verVoten.) 871 Die JVIutter. Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Adolf Heß. ..Nun, was macht Pawel?... Hat man noch jemanden frei gelassen oder nur Dich?" Nikolai antwortete: Pawel sitzt noch und wartet I Ich bin allein frei ge- lassen!" Er sah die Mutter an und preßte langsam durch die Zähne: Ich habe ihnen gesagt: Jetzt ists genug, laßt mich frei... sonst bringe ich jemand um... und mich selbst auch. Da haben sie mich frei gelassen." So so!" Die Mutter trat etwas zurück und blinzelte unwillkürlich, als ihr Blick dem seiner schmalen, scharfen Augen begegnete. Wie gehts Fedja Mafin?" rief der Kleinrusse aus der Küche.Macht er Verse?" Ja," erwiderte Nikolai.Ich verstehe das nicht! Was ist er denn? Ein Zeisig? Man hat ihn in einen Käfig ge- fetzt, da singt er... Ich weiß nur eins nach Hause habe ich keine Lust..." Was hast Du auch zu Hause?" meinte die Mutter nach- denklich.Alles öde, der Ofen nicht geheizt, alles durch- gefroren...". Er schwieg. Dann zog er eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, zündete sich langsam eine an, blickte auf den grauen Rauchknäuel, der vor seinem Gesicht dahin schmolz und lachte wie ein mürrischer'großer Hund. Ja. dort muß kalt sein... Auf dem Fußboden liegen erfrorene Schaben... und Mäuse... Laß mich bei Dir übernachten, Pelagia Nilowna... Kann ich?..." fragte er dumpf, ohne sie anzusehen. Aber natürlich, mein Lieber, brauchst gar nicht zu fragen!" sagte die Mutter schnell. Sie fühlte sich ungemütlich bei ihm und wußte nicht, was sie sagen sollte. Aber er begann wieder mit seiner sonderbar klanglosen Stimme: Jetzt ist es so weit gekommen, daß die Kinder sich ihrer Eltern schämen..." Was?" fragte die Mutter zusammenfahrend. Er sah sie an, schloß die Augen, und sein pockennarbiges Gesicht erschien blind. Die Kinder schämen sich ihrer Eltern, sage ich!" wieder- holte er laut stöhnend.Hab Du keine Angst, das geht nicht auf Dich. Pawel wird sich Deinetwegen nie schämen, aber ich fchänie mich über meinen Vater... Und in sein Haus gehe ich nicht mehr. Ich habe keinen Vater... und kein Haus. Man hat mich unter Polizeiaufsicht gestellt, sonst wäre ich nach Sibirien gegangen... Ich denke, in Sibirien kann jemand, der sich nicht scheut, viel ausrichten. Ich würde dort Ver- bannte befreien, ihnen zur Flucht verhelfen..." Die Mutter begriff mit ihrem Zartgefühl, daß diesem Menschen schwer ums Herz sei, aber sein Weh erweckte kein Mitleid in ihr. Ja, natürlich... Wenn es so ist... dann gehst Du am besten fort!" sagte sie, um ihn durch Schweigen nicht zu verletzen. Aus der Küche kam Andrej und rief lächelnd: Was predigst Du da?" Die Mutter stand auf und sagte: Ich muß etwas Essen zurecht machen.. Wjessowtschikow blickte unverwandt den Kleinrussen an und erklärte plötzlich: Ich bin der Meinung, daß man gewisse Leute totschlagen muß." Uhu! Warum denn das?" fragte der Kleinrusse. Damit sie verschwinden.. «Hast Du denn das Recht, aus lebenden Menschen tote zu machen?" Ja. Die Menschen haben mir dieses Recht gegeben. Der Kleinrusse stand groß und hager mitten im Zimmer, wiegte sich auf den Beinen, blickte Nikolai von oben bis unten an, die Hände in den Taschen. Nikolai aber saß von Rauch- wölken eingehüllt auf dem Stuhl, und auf seinem Gesicht traten rote Flecke hervor. Die Menschen haben mir das Recht gegeben, jawohl!" wiederholte er mit geballter Faust. Wenn sie mir einen Fuß« tritt versetzen, so habe ich auch das Recht, sie zu schlagen... auf die Schnauze... auf die Augen... die verfluchten... Rühr Du mich nicht an, so rühre ich Dich nicht an. Laß mich leben, wie ich will, und ich tue niemandem etwas zu Leide. das weiß Gott . Vielleicht will ich im Walde wohnen... baue mir eine Hütte am Abhang über den Fluß und wohne darin... Ich will überhaupt allein sein.. Dann geh nur und leb nach Deinem Gefallen!" sagte der Kleinrusse achselzuckend. Jetzt?" fragte Nikolai. Er schüttelte den Kopf, schlug mit der Faust gegen das Knie und antwortete:Jetzt geht das nicht mehr!" Wer hindert Dich denn?" Die Menschen!" erwiderte Wjessowtschikow.Ich bin bis zum Tode fest mit ihnen verbunden... Sie haben mir das Herz mit Haß umstrickt... und mich durch das Böse an sich gekettet... Das hält! Ich hasse sie und bleibe... Ich werde ihnen ihr Leben zuschanden machen. Sie schänden mir meins, und ich ihres. Für mich komme ich auf, nur für mich... für sonst niemanden... Und wenn mein Vater ein Dieb ist...".. Aha!" sagte der Klcinrusse leise und rückte an Nikolai heran.».. Jssai Gorbow drehe ich den Hals um.». Wirst schon sehen." Weshalb?" fragte der Kleinrusse. Er soll mal das Spionieren und Angeben sein lassen. Er hat den Vater ins Verderben gestürzt... und er macht ihn jetzt zum Spitzel," sagte Wjessowtschikow und blickte dabei Andrej feindselig an. Ach so!" rief der Kleinrusse, aber wer iyacht Dir des« wegen Vorwürfe? Das können doch nur Narren tun." Narren und Kluge sind alle mit einem Oel gesalbt!" sagte Nikolai fest.Du bist zum Beispiel klujj und Pawel auch... Aber ich bin für Euch etwa ebenso viel wie Fedja Masin oder wie Samoilow oder ihr beide für einander? Lüg nicht, ich glaube es ja doch nicht... Ihr alle schiebt mich beiseite, zieht Euch von mir zurück..." Dein Herz ist wund, Nikolai!" sagte der Klcinrusse leise und freundlich und setzte sich neben ihn. Ist wund. Eures ist auch wund... aber Euer Schorf erscheint Euch feiner... Wir alle sind uns gegenseitig Pack. das sage ich Dir. Was kannst Du mir darauf antworten? Nun?" Er bohrte seine scharfen Augen lauernd in Andrejs Ge« sich und zeigte die Zähne. Sein buntes Gesicht war unbe« weglich, aber über die dicken Lippen lief ein Zittern, als hätte er sich verbrannt und als erschütterten heftige Schmerzen seinen Körper in Krämpfen. Ich werd Dir gar nichts darauf antworten!" begann der Kleinrusse mit seinen freundlichen, traurigen Augen lächelnd. Ich weiß, wer mit jemandem diskutiert, dem das Herz blutet der beleidigt ihn nur. Das weiß ich. Bruder!" Mit mir kann man nicht diskutieren, ich verstehe es nicht!" brummte Nikolai und schlug die Augen nieder. Ich denke," fuhr der Kleinrusse fort, jeder von uns ist mit bloßen Füßen über Glasscherben gegangen, jeder hat in einer dunklen Stunde dieselben Gedanken gehabt wie Du..." «Du kannst mir nichts sagen!" erwiderte Wjessowtschikow langsam.«Gar nichts! Meine Seele heult wie ein Wolf!..." Ich will auch nicht! Ich weiß nur eins es geht auch bei Dir vorüber. Vielleicht nicht ganz, aber es vergeht!" Er klopfe Nikolai auf die Schulter und fuhr fort: Sieh, Bruder, das ist eine Kinderkrankheit wie die Masern... Wir alle haben sie durchgemacht... Die Starken weniger, die Schwachen mehr... Unsereins befällt sie, wenn der Mensch sich selbst findet, das Leben und seinen Platz in ihm aber noch nicht begreift... Wenn Du aber Deinen Platz nicht findest und Dich nicht richtig einschätzen kannst, so denkst Du, Du bist ganz allein auf Erden solch feine Gurke, und niemand will Dich richtig bewerten, sondern alle wollen Dich nur verspeisen. Nach einiger Zeit siehst Du aber.