Unterhaltimgsblatt des Horwärts
Nr. 154.
Sonnabend, den 10. August.
1907
(Nachdruck verboten.)
80j
Die JVIutter.
Roman von Maxim Gor!i. Deutsch von Adolf Heß. „Setzt Euch!" schlug die Mutter vor, und stellte das Essen auf den Tisch. Beim Essen erzählte Andrej von Rybin, und als er ge- endet hatte, rief Pawel bedauernd: „Wäre ich zu Hause gewesen, ich hätte ihn nicht so fort- gelassen I Was hat er nun mitgenommen? Große Empörung und Wirrwarr im Kopf." „NeinI" meinte der Kleinrusse lächelnd,„wenn jemand vierzig Jahre alt ist und so lange mit dem Bären in seinem Innern gekämpft hat, wird man ihn schwerlich noch ändern." Und es begann eines von jenen Wortgefechten, bei denen hie Beteiligten der Mutter unverständliche Worte gebrauchten. Das Mittagessen war zu Ende, aber man überschüttete sich noch immer eifrig mit hageldicht prasselnden Phrasen. Bisweilen wurde jedoch ganz einfach gesprochen. „Wir müssen unseren Weg gehen und dürfen keinen Schritt von ihm abweichen!" erklärte Pawel fest entschlossen. „Und treffen unterwegs Millionen, die uns als Feinde entgegentreten---" Die Mutter hörte dem Wortgefecht zu und begriff, daß Pawel die Bauern nicht liebte, der Kleinrusse aber für sie einsprang und auseinandersetzte, man müsse die Bauern eines Besseren belehren. Sie verstand Andrej am besten und er schien ihr im Recht zu sein, aber jedesmal, wenn er Pawel etwas sagte, wartete sie ängstlich auf die Antwort ihres Sohnes, um möglichst schnell zu erfahren, ob der Kleinrusse ihn auch nicht gekränkt hatte. Aber sie schrien sich gegenseitig an, ohne das weiter übel zu nehmen. Ab und zu fragte die Mutter ihren Sohn: „Ist das wirklich so, Pawluscha?" Und er antwortete lächelnd: „Ja." „Mein Herr." rief jetzt der Kleinrusse mit freundlicher Bosheit,„Sie haben schön gegessen, aber schlecht gekaut, da ist Ihnen ein Bissen im Halse stecken geblieben,, � Sollten sich den Rachen einmal ausputzten..." „Mach keinen Unsinn!" riet ihm Pawel. „Ich bin ja ernst wie ein Leichenbitter..." Die Mutter schüttelte lächelnd den Kopf. XXIII. Der Frühling kam näher, der Schnee schmolz und der Schmutz und Ruß aus den Fabrikschornsteinen, der tief im Schnee verborgen lag, kam an die Oberfläche. Jeden Tag flog einem mehr Schmutz in die Augen, und die ganze Vor- stadt sah zerlumpt und ungewaschen aus. Tagsüber taute es von den Dächern, und die grauen Hauswände dampften matt und schwitzten, nachts aber erglänzten überall weißliche Eiszapfen. Immer häufiger erschien die Sonne am Himmel und kleine Bäche, die in den Sumpf rannen, fingen leise an zu rauschen. Mittags zitterten über der Vorstadt die un- ruhigen, hoffnungsfrohen Lieder des Friihlings. Man rüstete sich zur Feier des 1. Mai. In der Fabrik und in der Vorstadt erschienen Flugblätter, die die Bedeutung des Feiertages erklärten, und selbst die von der Propaganda unberührte Jugend meinte Ties der Lektüre: „Das müssen wir machen!" Wjessowtschikow rief mit verdrießlichem Lachen: „Ist Zeit! Haben genug Versteck gespielt!" Fedor Masin war hochvergnügt. Er war stark abge- magert und glich mit seinen unruhigen Bewegungen und Reden einer Lerche im Käfig. Ihn begleitete stets der schweigsame und über sein Älter ernste Jakob Somow, der jetzt in der Stadt arbeitete. Samoilow, der im Gefängnis noch rötlicher geworden war, Wassili Gussew, Bukin, Dragunow und noch einige erklärten es für notwendig, be- Waffnet zu gehen: Pawel, der Kleinrusse, Somow und noch andere stritten dagegen. Von Zeit zu Zeit erschien Jcgor, stets müde, schwitzend und keuchend, und schmte:
„Es ist etwas Großes um die Veränderung der bestehen» den Ordnung, Genossen, damit dieses Werk aber glücklich von statten Acht, muß ich mir ein Paar neue Stiefel kaufen." Gleichzeüig deutete er auf seine schmutzigen und zerrissenen Stiefel.„Meine Galoschen sind ebenfalls unheilbar zerrissen, und nun hole ich mir jeden Tag nasse Füße. Ich will nicht eher in die Grube fahren, als bis wir uns ganz und vor allen Leuten von der alten Welt losgesagt haben, und deswegen ver- werfe ich den Vorschlag des Genossen Samoilow bezüglich eines bewaffneten Umzuges und schlage vor, mich mit heilen Stiefeln zu bewaffnen, denn ich bin fest davon überzeugt, daß das dem Sozialismus weit mehr nützt als eine allgemeine Keilerei!..." In derselben maniriertcn Redeweise erzählte er den Ar« beitern, wie das Volk in den verschiedenen Ländern versucht hätte, sein Leben leichter zu gestalten. Die Mutter hörte ihn gern an und sie gewann aus seinen Reden einen sonderbaren Eindruck: die allerschlimmsten Feinde des Volkes, die es am niederträchtigsten und häufigsten betrogen, waren kleine, ge- wissenlose, gierige, schlaue und grausame Männchen mit dicken Bäuchen und roten Gesichtern. Wenn ihnen das Leben unter der Herrschaft der Könige schwer wurde, hetzten sie die Volksmassen gegen die Königsmacht, wenn aber das Volk sich erhob und den Königen die Macht entwand, rissen diese Leute durch Betrug die Macht an sich und jagten das Volk in seine elenden Hütten: wenn es aber mit ihnen selbst kämpfte, brachten sie die Menschen zu Hunderten und Tausenden ums Leben. Eines Tages faßte sie sich ein Herz und beschrieb ihm dieses Bild, das er durch seine Reden hervorgerufen hatte. und fragte lächelnd: „Ist das wirklich so, Jegor Jwanowitsch?" Er lachte laut auf, rollte die Augen, atmete schwer und rieb die Brust mit beiden Händen. „Es ist wahrhaftig so. Gevatterin! Ihr habt den Stier der Geschichte bei den Hörnern gepackt... Auf diesem ekligen Grunde sind noch einige Schnörkel und Ornamente, aber die ändern das Wesen der Sache nicht! Tatsächlich sind solche Dickbäuche die Hauptverführer und giftigsten Insekten, die das Volk auffressen. Die Franzosen nennen sie bezeichnend Bourgeois. Behaltet das im Kopf, liebe Gevatterin: Bourgeois fressen uns auf und saugen uns aus." „Das heißt die Reichen?" fragte die Mutter. „Stimmt! darin liegt ihr Unglück. Wenn man einem Kinde etwas Kupfer ins Essen tut, so wird das Wachstum der Knochen aufgehalten und es wird ein Zwerg: und wenn man jemanden von klein auf mit Gold vergiftet, wird seine Seele winzig, schlaff und grau, gerade wie ein Gummiball zu fünf Kopeken..." Eines Tages sagte Pawel über Jcgor: „Weißt Du, Andrej, am meisten scherzen doch die Leute, denen beständig das Herz weh tut." Der Klcinrusse schwieg, blinzelte mit den Augen und be- merkte: „Das ist nicht richtig! Hättest Du recht, so würde ganz Rußland sich totlachen..." Auch Natascha erschien. Sie hatte ebenfalls im Gefängnis gesessen, in irgend einer anderen Stadt, aber das hatte sie nicht verändert. Die Mutter bemerkte, daß der Kleinrusse in ihrer Gegenwart lustiger wurde, mit Scherzen um sich warf, alle mit seiner freundlichen Bosheit neckte und fröhliches Lachen bei ihr erregte. Wenn Natascha aber ging, begann er seine traurigen, endlosen Lieder zu pseifen und schritt lange, verdrießlich mit den Füßen scharrend, im Zimmer auf und ab. Oft kam auch Sascha, stets finster, stets geschäftig und noch eckiger und schärfer als früher. Als Pawel sie einst in den Flur hinaus begleitete und die Tür hinter sich nicht geschlossen hatte, hörte die Mutter solgende schnelle Unterhaltung: „Sie tragen die Fahne?" fragte das Mädchen leise.
„Ja. Ist das bestimmt?"
„Ja. Es ist mein Recht." „Wollen Sie wieder ins Gefängnis?" Pawel schwieg. „Könnten Sie das nicht.- begann sie stockend.