Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 182.
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Donnerstag den 19 September.
Die Mutter.
( Nachdrud verboten.)
Roman von Magim Gorki. Deutsch von Adolf Heß. X,
Den ganzen folgenden Tag verbrachte die Mutter in reger Geschäftigkeit, traf Vorkehrungen für das Begräbnis; abends aber, als sie, Nikolai und Sophie Zee tranfen, erschien Sascha, sonderbar laut und lebhaft... Ihre Wangen brannten rot, ihre Augen glänzten fröhlich, und ihr ganzes Wesen war, wie der Mutter schien, von Hoffnung erfüllt. Diese Stimmung drängte sich scharf und stürmisch in die traurigen Erinnerungen an den Toten und verwirrte alle, blendete sie wie ein Feuer, das plößlich in der Finsternis auflodert. Nikolai klopfte nachdenklich mit dem Finger auf den Tisch und sagte:
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Sie sind sich heute selbst nicht ähnlich, Sascha
" Ja, vielleicht," antwortete sie und lachte glücklich. Die Mutter sah sie mit einem stummen Vorwurf an, Sophie aber meinte belehrend:
"
Wir sprachen von Jegor Iwanowitsch ,, Ein prächtiger Mensch, nicht wahr?" rief Sascha. Ich habe ihn nie anders gesehen, als mit einem Lächeln im Geficht, einen Scherz in Bereitschaft, und wie hat er gearbeitet! Er war ein Künstler der Revolution, er beherrschte den revolutionären Gedanken wie ein großer Meister. Mit welcher Einfachheit und Kraft zeichnete er Bilder der Lüge, der Gewalt, der Unwahrheit... Ich bin ihm in vielen Stücken Dank schuldig."
Sie sprach halblaut mit nachdenklichem Lächeln, aber dieses brachte die deutlich sichtbare, triumphierende Freude in ihrem Blick nicht zum Erlöschen.
Die Menschen lieben bisweilen ihre Gefühle zu ihrem eigenen Schaden, sie fokettieren mit ihnen und bereiten sich oft sogar aus ihrem Kummer einen gefährlichen Zeitvertreib, der das Herz zerfrißt. So wollten auch Nikolai und Sophie die Trauer über den Freund nicht Saschas Gefühl der Freude opfern, verteidigten unbewußt ihr trauriges Recht auf Summer und bemühten sich unwillkürlich, das Mädchen in ihre Stimmung hineinzuziehen.
„ Und nun ist er tot!" sagte Sophie hartnäckig und blickte sie aufmerksam an.
Sascha maß alle mit einem schnellen fragenden Blick, und ihre Brauen schoben sich zusammen. Sie fenkte den Kopf, schwieg und ordnete mit einer langsamen Handbewegung ihr Haar.
st tot," sagte sie laut nach einer Pause.„ Es wird mir schwer, mich damit abzufinden..."
Sie ging im Zimmer hin und her, blieb plötzlich stehen und sagte in sonderbarem Ton:
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erstaunlich einfach und aufrichtig geworden und ganz boll vom Wunsch nach Arbeit. Er hat sich selbst gefunden, weiß, was ihm nicht gegeben ist... In ihm ist ein wahres, kameradschaftliches Gefühl entstanden, das alle Schwierig. feiten im Leben anlächelt."
Frau Wlassow hörte Saschas Worte, und sie freute sich, das stets strenge Mädchen so milde und freundlich zu sehen, Aber gleichzeitig dachte sie schmerzlich an ihren Sohn. „ Er ist ganz von Gedanken an die Gefangenen in An spruch genommen," fuhr Sascha fort, und wissen Sie, wovon er mich überzeugt hat? Von der Notwendigkeit, ihnen zur Flucht zu verhelfen... ja! Es sei sehr einfach und leicht... Sophie erhob den Kopf und sagte lebhaft:
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,, Wie denken Sie denn darüber, Sascha? Ist das wirk. lich so einfach?"
Die Teetasse in der Hand der Mutter zitterte, und sie stellte sie auf den Tisch. Sascha runzelte die Brauen, unterdrückte ihre Erregung, schwieg einen Augenblick und sagte dann ernst, aber freundlich und etwas verwirrt:
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,, Er ist fest überzeugt. Wenn alles so ist wie et sagt, müssen wir es versuchen. Das ist unsere Pflicht... Sie errötete, ließ sich auf einen Stuhl nieder und schwieg. Mein liebes Kind," dachte die Mutter freundlich, während Nikolai milde in Saschas Gesicht blickte und still vor sich hinlachte. Da erhob das Mädchen den Kopf, blickte alle strenge an und sagte in gekränktem Ton: hr lacht... ich verstehe Euch
für persönlich an der Flucht interessiert?"
Ihr haltet mich
Warum, Sascha?" fragte Sophie listig und trat zu ihr. Diese Frage erschien der Mutter überflüssig und kränkend für das Mädchen, und sie blickte Sophie vorwurfsvoll an. „ Aber ich verzichte!" rief Sascha. Ich will die Frage nicht mit entscheiden, wenn Ihr sie so beurteilt..
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„ Hören Sie auf, Sascha!" sagte Nikolai ruhig. Die Mutter trat ebenfalls zu ihr, beugte sich nieder und streichelte behutsam ihren Kopf. Sophie aber setzte sich neben das Mädchen und sagte:
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Sie sind ein wunderliches Ding!.. " Ja, ich habe wohl eine Dummheit gemacht liebe diese Anspielungen nicht..
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aber
Nikolai unterbrach sie ganz geschäftsmäßig und ernst: ,, Ueber die Flucht kann man unmöglich verschiedener Ansicht sein. Vor allem aber müssen wir wissen, ob die ge fangenen Genossen damit einverstanden sind." Sascha senkte den Kopf.
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Wie sollten sie damit nicht einverstanden sein," fragte Mutter seufzend. Aber ich glaube nicht, daß es
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Alle schwiegen und blickten sich unschlüssig an. " Ich muß Wiessowschtschikow sehen!" sagte Sophie. „ Gut. Morgen sage ich Ihnen, wann und wo," erwiderte Sascha leise.
Nikolai aber trat zur Mutter, die die Tassen aufwusch und sagte zu ihr:
Was heißt das, er ist tot? Was ist tot? Ist etwa meine Verehrung für Jegor, meine Liebe zu ihm, dem Genossen, meine Erinnerung an seine Gedankenarbeit tot, ist meine Vorstellung von ihm als von einem mannhaften, rechtschaffenen Menschen zertrümmert. Mir scheint, wir haben Sie gehen übermorgen zum Besuch hin... da müssen es allzu eilig, von jemandem zu sagen, er sei tot. Seine Sie Pawel einen Brief übergeben verstehen Sie- das Lippen find tot, aber sein Wort lebt in lebendigen Herzen ist, um Bescheid zu bekommen weiter."
Sie setzte sich erregt wieder an den Tisch, stützte die Ellbogen auf und fuhr leiser fort:
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Vielleicht ist das dumm, was ich sage,- aber ich glaube an die Unsterblichkeit aller guten Menschen " Ihnen ist etwas Gutes passiert?" fragte Sophie lächelnd.
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Ich verstehe, verstehe!" erwiderte sie hastig.„ Werde ihn schon besorgen..." Ich gehe!" erklärte Sascha und verabschiedete sich
schnell. Sophie legte die Hände auf die Schulter der Mutter und fragte lächelnd:
Nilowna, würden Sie solch eine Tochter lieben?..
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brechend.
Ja, etwas Glück... ist gut für jeden!..." bemerkte Nikolai hatolaut.„ Aber es gibt keine Menschen, die sich nur etwas Slid wünschen... und wenn es viel wird, ist es wohlfeil..
" Ja!" nickte Sascha.„ Etwas sehr Gutes, scheint mir! O Gott! Wenn ich die beiden nur einen Tag beiIch habe mich die ganze Nacht mit Wjessowschtschifow unter- sammen sähe!" rief Frau Wlassow , beinahe in Tränen aushalten. ich habe ihn früher nicht geliebt, er schien mir roh und finster. Ja, er war unzweifelhaft so... Unbeweg liche, düstere Erregung gegen alle lebte in ihm; er stellte sich stets mit einer Art tödlicher Schwere in den Mittelpunkt aller Dinge und redete roh und böse von seinem Jch. Darin lag etwas Philiströses, Niedriges, das gegen ihn aufbrachte." Sie überflog wieder alle mit einem strahlenden Blick: Jett sagt er:" Genossen!" und man muß hören, wie er das sagt... es ist nicht mit Worten wiederzugeben. Er ist
"
Sophie sekte sich ans Klavier und spielte ein wehmütiges Stüd
( Fortseßung folgt.)